scharfsinnig - unsinnig - kurzweilig

Autor: Armin (Seite 26 von 30)

Integration

Wer seine Heimat verlassen muss, der ist seine Heimat los – also heimatlos. Dass ist sicher ein schweres Los, denn viele wählen diesen gefährlichen Weg nicht freiwillig, sie sind in ihrer Heimat Freiwild. Angekommen in einem fremden Land, das ihre neue Heimat werden soll, müssen sie zunächst einen Antrag stellen. Sie ziehen ein Heimat-Los. Es gibt Staaten, da entpuppt sich so ein Los als Niete, wieder andere erweisen sich als Hauptgewinn.

Angekommen in der neuen Heimat, heißt aber noch lange nicht angekommen in dem neuen Kulturkreis. Hier treffen Welten aufeinander! Allah heißt hier Aldi, und Frau trägt Bikini statt Burka. Kirchenglock rufen zum Gebet und nicht der Muhedin. Unsere Götzen heißen Prada und Porsche und Breitling. Wir feiern den Valentinstag statt den Djihad. Unsere Kaaba heißt Elfi und die Menschen pilgern zu Ikea statt nach Mekka. Der Ramadan findet in Wellnesshotels statt, und Nichts essen frönt ausschließlich dem eigenen Körperkult. Am Niederrhein werfen sie Kamellen statt Granaten und ob unsere Teppiche nach Osten liegen interessiert noch nicht einmal beim Fengshui.

So, jetzt sollen diese Heimatlosen sich integrieren. Können allerdings weder die Bedienungsanleitung dazu lesen, noch die Willkommensworte verstehen. Sie verstehen nicht, dass Frauen Auto fahren dürfen und wählen und frei rumlaufen. Vom hemmungslosen Verzehr von Alkohol und Schweinefleisch einmal ganz zu schweigen. Und wir, wir verstehen nicht, dass wir nur eine Frau haben dürfen, und die verstehen wir manchmal schon nicht. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Nur mal so gedacht, bei Westwind und Schauern am 21. Februar 2017

Absolution

Um vorweg die jüngere Generation aufzuklären: Absolution ist keine Lotion. Es ist keine Kreation der Kosmetik-Industrie. Es ist die Freisprechung der Menschen von ihren Sünden durch den Vertreter Gottes auf Erden. Zumindest für den gläubigen Christen, speziell für die Römisch-Katholischen Schäfchen.

Man mag es kaum glauben, aber auch ich gehörte zu dieser Herde. Da ich einfach, ohne meine explizite Zustimmung einzuholen, in die Herde hinein geboren wurde. Ohne die Zustimmung meiner Erzeuger war es auch nicht so ohne, in eine andere Herde zu konvertieren, oder gar gänzlich gottlos durchs Leben zu vegetieren. Als zahlendes Mitglied musste man sich der Satzung des Vereins unterwerfen. Jedoch mit zunehmendem Alter wuchsen neben Bart und Schamhaaren auch zusehends die kritischen Fragen nach dem Sinn bzw. Unsinn verschiedener Spielregeln.

Neben dem sonntäglichen Besuch des Gottesdienstes gehörte am Samstag der peinliche Weg in den Beichtstuhl. Zur besten Sportschauzeit pilgerten Scharen reumütiger Sünder gen Gotteshaus. Darin lauerten bigotische Schwarzkittel, um sich an so mancher menschlichen Sünde zu ergötzen. In sogenannten Beichtstühlen, die heute an Geräteschuppen im Kleingärtnerverein erinnern, verbarg sich die Pfaffenbrut hinter einer Trennwand. Diese muss man sich so vorstellen wie eine Rosenspalierwand aus dem Obi oder Dehner für um die14,49 € im Sonderangebot. Links und rechts befinden sich Kabinen für die Delinquenten. In der Mitte dazwischen thront der Lossprecher. Wechselweise werden die mit Schande bedachten zu Einzelgeständnissen gebeten. Beichte genannt. Besonders offene Ohren trafen pikante Geschichten aus pubertären Anwandlungen, die nicht selten mit gezielten Nachfragen haarklein bis ins letzte Detail erörtert wurden.

Da ich mich weder Willens noch aus Termindruck (Sportschau) in der Lage sah eine ausufernde Audienz über mich ergehen zu lassen, fasste ich schon im vorpubertären Stadium den Plan, die Aufzählung der Sünden auf ein Minimum zu vereinfachen. Auf diese Weise konnte ich lüsternem Interesse entfleischen, und mir auch das ekelhafte Keuchen ersparen. Die Zusammenfassung der Einzelsünden zu übergeordneten Gruppen erwies sich zusätzlich als zielführend. Beide Konzepte hatten auch zur Folge, dass sich das Strafmaß in Grenzen hielt. Der Trick, der das gesamte Vorgehen auch vor dem Herrn kirchenrechtlich absicherte war genial: Als allerletzte Sünde gestand ich reuevoll: „Ich habe gelogen“! Damit waren alle zuvor ausgesagten Vergehen gedeckelt. Ein geiler Plan! Oder?

Bedenkzeit.

Nach einem Absatz Bedenkzeit, um sich die ganze Tragweite dieser genialen Strategie zu verinnerlichen, möchte ich noch auf weitere Vorteile dieses Planes verweisen. Ersparung von Peinlichkeiten, Zugewinn an erlebenswerter Freizeit und natürlich ein reines Gewissen. In Ermangelung schwererer Vergehen an Leib und Seele und den Statuten des Vereins, fiel das Strafmaß entsprechen übersichtlich aus. Mit drei „Ave Maria“ und drei „Vater unser“ kam ich glimpflich davon. Da ich das Paket der Sünden zu meinem Dauerangebot erkor, gelang mir auch das Herunterbeten zusehends flotter. In der heutigen Kulturszene würden die meisten Rapper ihre Baseball-Kappen vor Neid in die Ecke werfen, mit welch atemberaubender Geschwindigkeit die Verse zum Abschluss gelangten. Repressalien von höherer Stelle blieben überraschend aus, sodass ich Peru a Peru begann, einzeln Strophen zu reduzieren, später in wesentlichen Teilen ganz zu unterschlagen und im weiteren, finalen Schritt fiel das komplette Beicht-Prozedere zu Gunsten der Sportschau zum Opfer. Mit der Reduktion der pubertären Hautunreinheiten rückten schließlich andere Körperlichkeiten an die Stelle der Sportschau. So ist das Leben.

Die Zeiten ändern sich dramatisch. Einerseits werden heutzutage die Kuttenträger für ihr Verhalten, nicht nur in den Geräteschuppen, in aller Öffentlichkeit gegeißelt – andererseits macht man aus seinen Sünden keine Mördergrube mehr, sondern schlägt daraus Profit. So viele “Ave Maria“ und „Vater unser“ wären ohne Übernachtung gar nicht abbetbar, wie sie mehr oder weniger bekannte Personen in Talk-Shows breitreten, in Bücher niederschmieren und / oder auf Hörbücher röcheln. Sind sie schmutzig genug, reicht es in besonders abgründigen Fällen sogar auf Celluloid. Dabei wächst der Grad der Schlüpfrigkeit mit Überflüssigkeit der Sünder.

Bleibt die Frage: Wie sieht das mit der Absolution aus? Ich hoffe da immer noch auf eine höhere Instanz. Natürlich nur, wenn ich nicht nachträglich zur Rechenschaft gezogen werde.

Alternativlos kontra Alternative Fakten

Verkommt die wahre Demokratie zur Ware Demokratie? Man mag es meinen, wenn man den Politikern aufmerksam aufs Maul schaut. Ach, was würde sich jetzt auf „aufs Maul schauen“ perfekt reimen? Der Wunsch ist hier eindeutig Vater des Gedanken! Besonders, wenn man o.g. Aussagen einmal genauer betrachtet.

Muttis alternativlose Entscheidungen nehmen verbal jeden Wind aus den Segeln. Lässt allerdings zwei Interpretationen zu: Entweder SIE hat keine Alternativen, das wäre einer Kanzlerin eigentlich nicht würdig. Oder: SIE lässt keine Alternativen zu. Das wäre unserer Demokratie nicht würdig. Was ist nun besser? Dumm oder arrogant? In beiden Fällen wäre es angebracht, sich nach einer neuen politischen Führung umzusehen! Persönlich möchte ich nicht so entmündigt werden, Entscheidungen mit einer gewissen Tragweite einfach so über mich ergehen lassen zu müssen. Gewählte Volksvertreter haben den Willen des Volkes zu vertreten und nicht mit Füssen zu treten. Das ist alternativlos!

Nun werden wir mit einem ganz neuen Phänomen konfrontiert. Nicht dumm oder arrogant, sondern dumm und arrogant! Wir basteln uns unsere eigene Wahrheit. Immerhin wird uns die grundsätzliche Möglichkeit einer Alternative gelassen. Wenn auch nur scheinbar. Denn: Seine alternative Fakten sind alternativlos. Daran erkennen wir auch den Unterschied zwischen „oder“ und „und“!

Was ist nun schlimmer, gefährlicher? Gefährlich wird es nicht durch die Benutzer. Gefährlich wird es erst durch die Wähler, die diesen Populisten alternativlos folgen. Alternativlos – bezeichnender hirnlos, kritiklos – ohne sie ernsthaft zu hinterfragen. Das Stimmvieh folgt solange zur Schlachtbank, bis sie jeder Alternative beraubt sind. Das ist Fakt!

Schaut man sich der Welt aufmerkelsam um, dann kommt man schnell zu der Überzeugung, dass bei den Volksverdummern der Begriff „Regierung“ leider allzu wörtlich genommen wird: Regierung. Die Gier nach Macht, und gerne auch die Gier nach persönlicher Bereicherung in hemmungsloser, schamloser Ausprägung.

Februar, am 06ten 2017

 

 

 

 

 

Buntes Republik Deutschland

In diesem unserem Lande erfreuen wir uns wahrlich über blühende Landschaften in Ost und West. Was uns aber leider auch blüht sind Blümchenblusen, Blümchenkaffee und Blümchensex. Und leider auch – blühende Phantasien in einer regenbogenbunten Presselandschafft. Dass einige Gazetten es dabei allerdings so bunt treiben, wie z.B. die Bunte, bleibt uns dabei nicht erspart! Besonders erschreckend ragt dabei die sogenannte Bambi-Preis-Verleihung heraus. Hier werden mehr oder weniger wichtige Personen ausgezeichnet, für….. ja, für was eigentlich? Das unbegreifliche daran ist aber, dass es von den Öffentlich Rechtlichen in epischer Breite zur Prime Time gesendet wird. Von unseren Gebühren! Eine öffentlich rechtlich gesponserte PR-Veranstaltung! Und 4,47 Mio. wahlberechtigte Bürger schauen kommentar- und gedankenlos zu. Ob es nun eine erfreuliche oder Besorgnis erregende Nachricht ist, dass sich immerhin eine Mehrheit von 5,22 Mio. für die alternativlosen Bergretter entschieden hat, sei dahin gestellt. Da ist unsere Jugend doch ein anderes Kaliber! Mit einer Einschaltquote von unglaublichen 13,6% ließen sich diese von The Voice of Germany und My Idiot Friend verblöden. Einzige Hoffnung: Sie haben nur an und ab vom Smartphone aufgeschaut. Obwohl?!

Pure Ironie spiegelt sich bereits in der Bezeichnung dieser Zeitverschwendungen wider. Man spricht von „Formaten“. Welches Format hier erreicht werden soll, bleibt mir jedoch absolut verborgen. Für Voice of Germany schlage ich vor: „Und es sinkt für sie: Das Niveau!“ Ich kann an dieser Stelle nur hoffen, dass mich das automatische Korrekturprogramm nicht automatisch korrigiert.

Apropos Format: In der Welt der Kultur tummeln sich nahezu wöchentlich Sterne und Trabanten auf Preis-Verleihungs-Orgien am Buffet. Für etliche Trabanten ist es der einzige Quell kostenloser Nahrungsaufnahme. Auch, wenn man es bei den meisten Trabantinnen nicht auf Anhieb vermutet. Warum und wo auch immer, während Löwen und Bären noch eine gewisse Wertigkeit im Dschungel der Awards darstellen, ist das Bambi bezeichnender Weise eher am Ende der Nahrungskette angesiedelt. Man möge es dem niedlichen Tierchen nachsehen, dass es für derartig profane Auswüchse missbraucht wird. Der Missbrauch bei uns Menschen ist ohne Wenn und Aber verwerflich. Haben die wehrlosen Tierchen denn gar keine Lobby!? Oder könnte man sich nicht auf angemessenere Gattungen einigen!? Treffender wäre eventuell Vielfraß oder Schmeißfliege oder so. Oder? Oder man verzichtet ganz auf diese höchst überflüssigen Formate. Nicht nur die Welt der Tiere würde es danken.

An einem gräulichen Tage überkamen mich solch grauenhaften Gedanken.

Am 01. Februar 2017

Zum Wohl

Ach du meine Güte! Gütesiegel wohin man schaut. Bio, Öko, Fair Trade, TÜV, GS, Made in Germany (wohl die Mutter aller Gütesiegel!) und hunderte weiterer vernünftigen Auszeichnungen und selbstzweckenden Blendwerken. Alles zum Wohl von unserem Geldbeutel. Oder der Anbieter. Oder der Gesundheit. Oder der Menschheit schlechthin. Jetzt ist es nun endlich soweit – unerwartet aber längst überfällig: Das Tierwohllabel!

Wie haben wir uns die Parameter vorzustellen? Welche Kreatur dieses Signet auch auf die Schinken tätowiert bekommt, die hat echt Schwein gehabt! Begleiten wir ein gleichnamiges Geschöpf durch sein wohlverdientes Dasein. Bereits als Ferkel, wohl gepampert und behütet in der Rotte seiner Erzeuger. Zwischendrin erwähnt sei, dass eine natürliche Befruchtung jederzeit Vorrang vor der künstlichen hat! Nur die amtsärztliche Bescheinigung einer Unfruchtbarkeit, notariell beglaubigt von zwei unabhängigen Veterinären, kann eine künstliche Reproduktion ermöglichen.

Zurück zum Wohlfühlmodus. Ein atmungsaktiver Vier-Boxen-Stall, vollklimatisiert, mit barrierefreiem Auslauf in Mutter Natur. Vollpension mit Vollwertkost, gluten- und laktosefrei, immer pünktlich in den Trog. Natürlich ein Veggie-Day pro Woche. Zum täglichen Suhlen ein angewärmtes Fangobad, und anschließender Ayurveda-Ganzschwartenmassage, mit Sau-na Gang. Fuß- und Klauenpflege nach Bedarf, die Borsten regelmäßig gewaschen, gelegt und geföhnt. Hygieneartikel, wie vierlagiges Toilettenpapier, und Hakle-Feucht Tücher stehen griffbereit zur Verfügung. Alles andere wäre eine große Sauerei! Zum wohlgefälligen Mittagsschläfchen ertönen leise Chillout-Melodien. Abends untermalt die kleine Nachtmusik die Gute-Nacht-Geschichte des Pflegepersonals. Wer möchte da nicht gerne ein Schwein sein?

Man möge es mir nachsehen, dass ich über den konsequenten weiteren Schritt im „Leben“ der zukünftigen Lebensmittel keine detaillierte Schilderung niederschreibe. Ich überspringe den markanten Einschnitt und wir treffen uns in den Kühlregalen der Supermärkte und den Theken der Metzgereien wieder. Liebevoll dekorierte Schnitzel mit biologisch angebauter Petersilie und ökumenisch gezüchteten Cocktailtomaten bereichern das Angebot wohltuend. Für den rechtlich vorgeschriebenen Beipackzettel aus nachwachsenden Rohstoffen stehen separate Leseräume zur Verfügung, die je nach Waren speziell aus- und eingerichtet sind. So z.B. für die besagte Schnitzel, für Schinken (roh, geräuchert oder gekocht), Mettwurst oder Hack. Eine faunagerechte Lösung für gemischtes Hack halb und halb sind zertifizierte Institute beauftragt. Man rechnet mit einem parteienübergreifenden Gesetz noch in diesem Jahrhundert. Na dann: Zum Wohl und Prost Mahlzeit!

Januar, der 24te 2017

Vogelhäuschen

Nach nur drei Jahren detaillierter, dilettantischer Planung ist das Bauvorhaben „Vogelhäuschen“ überraschend zeitnah realisiert worden. Was als urbanes, ornithologisch-soziales Projekt angedacht war, fand schließlich als baumogulisches Anwesen seinen Platz in der kargen Winterlandschaft. Dem frostigen Umfeld angepasst, wurde es auf den Namen „Weißes Haus“ der Öffentlichkeit übergeben. Nur eine kleine beschränkte Schar schenkte der Eröffnungsfeier ihre Aufmerksamkeit. Ohne großes Federlesen nahmen ein paar schräge Vögel Besitz vom Weißen Haus. Die Dreckspatzen frohlockten hämisch. Sie zwitscherten mit 140 Piepsern allerlei Unsinniges und Unwahrheiten in die bunte Welt der Gefiederten. Die Besetzung kam einem Handstreich gleich, denn die Mehrzahl der heimischen Rassen hegten sozialere Pläne.

Aufgeregt flatterten die bunten Meisen um die Villa, sie sahen sich um ihre Neigungen und Zukunft betrogen. Den Buchfinken warf man vor, dass sie nicht richtig Lesen können, und die begehrten Plätze am Napf den schrägen Vögeln und Dreckspatzen nicht gönnen würden. Man beschimpft sie ohne Unterlass als Schmutzfinken. Die schwarzen Amseln gar sollen das Terrain ganz verlassen. Stare, Lerchen und Nachtigallen versagten ihren Gesang zu Ehren der schrägen Vögel und Dreckspatzen, und nur die Nebelkrähen krächzten erbarmungswürdig. Alle Zugvögel, die aus dem Süden die bunte Welt in Büschen und Hecken saisonal bereichern, erhalten keine Aufenthaltsgenehmigung, sie würden den Platzhirschen das Futter streitig machen – und nur selber Essen mache schließlich fett.

Aufgeplustert hocken die Spatzenhirne im Weißen Haus und wehren jeden noch so kleinen Anflug futterneidischer Gattungen. Selbst die Zaunkönige sehen sich ihrer Krone beraubt und wollen nicht länger eine kleine Minderheit bleiben. Sie verbünden sich mit den Rotkehlchen zu einer royalen, sozialornithologischen Allianz. S/Gimpel und Kiebitze ficht das Ganze nicht an. Sie stelzen unbeirrt und uninteressiert durch die Vorgärten des Hofstaates und flattern umher, ihren Gedanken gleich.

Nun müssen wir unwohl oder übel mit den schrägen Vögeln und Dreckspatzen zurechtkommen. Wohl eher schlecht als recht! Hoffen wir, dass der Vogelhändler die falsche Brut alsbald aus ihrer Voliere verscheucht, und fröhliches Zwitschern anstelle stumpfsinnigem Twittern Oberhand gewinnt.

Januar am 20ten 2017

 

Modernisierung

Allerheiligen Anno 2016

Wenn man in die Jahre kommt, macht man sich so seine Gedanken. Altersarmut und altersgerechtes Wohnen reifen zu zentralen Themen. Zum altersgerechten Wohnen gehört nicht nur ein wohlsortierter Weinkeller, sondern auch ein barrierefreies Bad. Doch schon bei den ersten Planungsüberlegungen zur Modernisierung taten sich schnell Barrieren auf, groß wie ein Doppeloxer beim Mächtigkeitsspringen in Aachen. Die oberste Querstange fiel bereits beim leichten Touchieren mit dem Kontostand. Die Formel: Gefällt uns = kostet aber, bestach mit ihrer Gesetzmäßigkeit. Im internationalen Netz surften wir stunden- und tagelang auf der Welle der innenarchitektonischen, barrierefreien Glückseligkeiten. Keine Badausstellung war vor uns sicher, und beim Stichwort “Modernisierung“ flackerten die Dollarzeichen in den Augen der sogenannten zertifizierten Berater auf. Aufwendigste Kataloge zeugten von den satten Margen, die nicht ausschließlich in den Präsentationslabyrinthen verkachelt wurden. Mit jedem Besuch wuchs der Stapel Infomaterial in unserer unaltersgerechten Bleibe. Mit den Stapeln wuchs allerdings auch die Verwirrung. Wo hatten wir jetzt was favorisiert? Das WC auf oder unter Putz? Ach, das war ja bei der Kopfdusche! Das WC war mit Rinless, patentierter Hygienebeschichtung und automatisch geräuschlos, sanft absenkbarem Deckel. Ohne Fernbedienung! Und ohne automatische Spritzdüse für rückstandslose Sauberkeit am Allerwertesten. Soviel war er uns dann doch nicht wert. Als Befürworter fachgerechter Handarbeit war es schließlich nicht nur eine Frage des Budgets, sondern auch eine Frage der Konsequenz.

Nach den unabdingbaren Investitionen wie Waschbecken, Brausen, Hähnen und Brillen, folgte augenblicklich die Suche nach attraktiven Accessoires wie Becher für Zahnbürsten (trotz Ladestation für E-Bürsten), Schalen für in Handarbeit  hergestellte Seifen aus biologisch abbaubaren, nachwachsenden natürlichen Rohstoffen, schattenfreie Beleuchtung zum Schminken, Rollenhalter für hautschmeichelndes Toi-Papier (4-lagig), Handtuchhalter mit Anwärmsensoren und dergl.. Eine zentrale Frage beschäftigt uns noch heute: Wohin legen wir unsere Klamotten, wenn uns keine Badewanne mit nützlichem Badewannenrand mehr hilfreich zur Seite steht? Dafür ist der weiße Hochglanz-Hängeschrank, unabhängig vom Türanschlag, zu verwenden. Nur die Glasböden sollte man herausnehmen, bevor man die 180° Drehung vollzieht.

Es ist ja wohl eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit, dass Optik, Haptik und Anmutung eine einzigartige Harmonie in Form und Farbe ausstrahlen.

Der schöngeistige Teil der Modernisierung endete brachial am Montagmorgen mit dem Anrücken der Abrissbirnen. Ausgestattet mit schwerem Gerät, das zur Einebnung der Dolomiten durchaus prädestiniert wäre. Böse Vorahnungen wurden beim ersten Inkraftsetzen des Boschhammers zur staubigen Realität. Die Erscheinung einer der beiden Abrissbirnen ließ die Vermutung aufblitzen, dass er den Abriss mit seiner eigenen Birne hätte durchführen können. Diese Vermutung erwies sich jedoch alsbald als haltlos. Kopfhörer der höchsten Schallschutz-Kategorie, Atemschutz-Maske a la Super-Gau, Zigaretten mit Fotos von amputierten Beinen auf der Schachtel und eine Kiste Bier aus dem Sonderangebot gehörten neben dem Bosch- und Vorschlagshammer zur Grundausstattung der Rammböcke. Aber, sie verstanden ihr Handwerk! Als sie gegen Mittag aus dem Feinstaub auftauchten, ähnelten sie altägytischen Mumien. Das unaltersgerechte Bad war dem Betonboden gleich gemacht. Das Trümmerfeld glich dem Stadtkern von Hildesheim 1946 aufs Haar. Via handelsüblichen 20 Liter Eimern wurden die pulverisierten Überreste durch unser Wohnzimmer transportiert, und hinterließen eindrucksvolle Spuren der Verwüstung. Selbst kreativste, intensive Vorstellungskraft vermochten es nicht sich auszumalen, dass wir in den Ruinen jemals wieder der Reinigung unseres Körpers werden nachgehen können. Berechtigte Zweifel an dem Sinn der Modernisierung kamen auf.

Mit dem geordneten Rückzug der Abrissbirnen kehrte Ruhe ein, und wir kehrten den Bauschutt aus den hintersten Winkeln unseres gemütlichen Heimes. Dass dies zu einer wahren Sisyphusarbeit ausarten würde, wurde uns in Sekundenschnell bewusst. Sogar der Miele Blizzard CX1 saugte mit 2000 Watt an der Grenze seiner Kapazität. Der Wischmop wurde weder trocken noch kalt, und die Wettervorhersage traf sowohl für das Rheintal als auch unser Wohnzimmer zu: Der Nebel lichtete sich erst gegen spätem Nachmittag. Als gebürtige Optimisten sprachen wir uns gegenseitig Mut zu. Estrich einbringen, Fußboden-Heizung installieren, Wand- und Bodenfliesen verlegen, Wände und Decken verputzen – wo sollte denn da noch Staub herkommen?!

Jetzt warten wir seit zwei Tagen auf die Kolonne der Fliesenleger, die die offenen Krater schließen, und das altersgerechte Bad in einen Zustand versetzen soll, der dem Namen Bad zur Ehre gereicht. Ich werde detailliert berichten.

 

 

Schwarzwald-Duathlon

Dienstag, der 06.September 2016

Vor dem „jungfräulichen, weißen Blatt“ quält sich der Chronist immer wieder mit der gleichen Frage: Wie schaffe ich es den geneigten Leser von der ersten Zeile an in den Bann zu ziehen? Noch weiß er ja nicht welch atemberaubende Story ihn erwartet. Als Chronist ist es keinesfalls unlogisch vorn zu beginnen. In diesem Fall starte ich mit ein paar Vorworten, um spätere fesselnde Schilderungen nicht mit Kleinigkeiten zu unterbrechen.

Da hätten wir zunächst das ewig junge Thema: Navi. Nachdem Falk wegen geographischer Schwächen nach der Nordsee-Tour ausgemustert wurde, trat Garmin seine Dienste an. Bereits bei seinem ersten Einsatz, der Umrundung des Kaiserstuhls, offenbarten sich gravierende Mängel in der Ortskenntnis. Um eine Nähe zum Namen des Chronisten auszuschließen, war die Umtaufe eine logische Konsequenz: Aus Garmin wurde der G-Punkt. Kurz: G. Um das bittere Ende vorweg zu nehmen, G. wird das gleiche Schicksal ereilen wie Falk. Einstweilen möchte ich ihm sogar den G. streichen. Ein Höhepunkt seiner Leistungen war bei bestem Willen nicht zu verzeichnen. Fortan trägt er das Kürzel: VW (Verkehrter Weg). Für eine Manipulation der Abgaswerte konnten wir ihn zwar nicht verantwortlich machen, aber………. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass unser CO2-Ausstoss in zu vernachlässigender Größenordnung zu ignorieren ist.

Eine Umtaufe steht auch dem Kinzigtal-Rad-Wanderweg ins Haus. Aus Kinzigtal wird Kinzig-Berg und Tal, und dem Begriff „Wander“ wird eine besondere Bedeutung zu Teil.

Nun geht es aber los. Gegen 08:30 Uhr trafen wir uns auf dem Bahnhof-Parkplatz in Offenburg. Warum eine Tageskarte ausgerechnet 3,85 € kostet wussten selbst Dauernutzer nicht zu erklären. Die erste Überraschung erwartet uns im Info-Center. Aufgeschreckt aus dem Studium des OT-Börsenteils sprang eine nette Dame auf und eilte zur Infothek. Das Namensschild wies sie als Frau Annette Vogel aus. Sofort schossen mir die ornithologischen Weisheiten durch den Kopf: „Die frühe Vogel fängt den Wurm“. Außerdem wollte ich sie mit einer persönlichen Frage nicht unnötig irritieren, ob sie die Nachtigall oder Lerche sei. Sie erwiderte nichts ahnend mein Lächeln.

Mathematisch korrekt formulierte ich unser Anliegen: 1 mal 2 plus 2. Im Klartext: Eine Fahrkarte für zwei Personen plus zwei Fahrräder nach Freudenstadt. Behänd blätterte Frau Vogel im digitalen Kursbuch, um mir in Windeseile zuzuzwitschern, dass ab 09:00 Uhr Fahrräder kostenfrei wären, und zwei Personen bereits eine Gruppe seien, was bedeutete, dass wir statt je 16,- € lediglich 18,40 € zusammen zu zahlen hätten. Der Zug fuhr um 09:04 Uhr von Gleis 5 ab.

Schorschi erwarb noch eine Wegwerfflasche Asoschorle. Beim Umfüllen achtete er akribisch darauf, dass der richtige Verschluss im Abfall landete. Eine vorausschauende Vorsichtsmaßnahme.

Auf dem Weg zu Gleis 5 wählte Schorschi den Lift. Ich entschied mich für die Zuhilfenahme des Fließbandes seitlich der steilen Treppe. Nachdem ich die Handbremse betätigte war dieser Weg auch von Erfolg gekrönt. Auf dem Bahnsteig tummelten sich schon etliche Reisewillige. Um die Zeit bis zur Abfahrt in Ruhe zu verbringen wählten wir ein Wartehäuschen. Hier saßen wir weitgehend windgeschützt. Der Wind wird seit 1759 in der Einheit „Bofrost“ aufgezeichnet. Bo für Geschwindigkeit Beaufort, Frost nach den Temperaturen. Beides zeigte nach oben. Und wie sich herausstellen sollte, blies der Rückenwind zu Gunsten des Regiozuges. Auf dem Weg zum voraussichtlichen Haltepunkt achteten wir akribisch darauf, die mit nikotingelben dicken Linien gekennzeichnete Raucherzone nicht zu betreten. Im Gegenzug zu den alten Dampfloks hielt sich hier die Rauchentwicklung in überschaubaren Mengen. Erstaunlich, dass sich der Zigarettenqualm nicht an die vorgeschriebenen Grenzen hielt, und munter durch die übrigen Rumsteher wirbelte.

Einen extra Absatz widme ich den Spätgeborenen unter den Wartenden. Sie wischten ohne Ausnahme mehr oder weniger munter über ihre Smartphones, um sich mit den wichtigsten neusten Informationen aus den sozialen Netzwerken vertraut zu machen. Wer wann was gefrühstückt hat. Z.B.: Das Ei gerührt, gespiegelt oder gekocht. Von freilaufenden oder bedauernswerten Hühnern. Mit oder ohne Speck. Von freilaufenden oder unglücklichen Schweinen. Bio oder Regio. Gluten- bzw. laktosefreies Müsli. Linksrum oder rechtsrum gedrehter Joghurt. Ein Proband gestand reumütig, in Ermangelung von Aronal, Elmex zur morgendlichen Oralhygiene verwendet zu haben. Wider jeglicher warnender Hinweise der Verbraucher-Informationen.

Unter Quietschen hielt der Zug Einfahrt auf Gleis 5. Es war kurz vor 09:00 Uhr, und ein hastiger Blick auf die Anzeigetafel verriet uns: Nächster Halt Gengenbach, Haslach, Hausach….. Schnell begeisterte uns der Begriff Triebwagen, und weckte allerlei Phantasien. Der Wagon für die Räder war speziell gekennzeichnet. Der Einstieg verlief ohne nennenswerte Komplikationen. „Warum fährt der Zug bereits um 08:59 Uhr ab?“ fragte ich Schorschi. Für die Bahn ein höchst ungewöhnlicher Umstand. Irritiert schauten wir auf die Laufschrift im Übergang zum radfreien Wagon. Zielort: Konstanz über Villingen-Schwennigen. Kein Wort von Freudenstadt! Gedankenschnell erfassten wir die missliche Lage und beschlossen in Gengenbach auszusteigen und unser Glück mit dem folgenden Triebwagen erneut zu versuchen. Überraschender Weise fuhr dieser nicht nach Konstanz sondern nach Freudenstadt. Anzumerken ist: Erstens wurde Zugversuch Nr.1 von einer anderen Gesellschaft betrieben. Zweitens waren Fahrräder erst ab 09:00 Uhr kostenfrei, nicht ab 08:59 Uhr. Unsere erste Schwarzfahrt blieb unentdeckt. Außer ein paar neugierigen Passagieren, die sich verwundert die Augen rieben, dass wir kaum eingestiegen bereits wieder den Triebwagen verließen. Sei`s drum!

Erleichtert sanken wir in die nächst beste Sitzgruppe – schließlich hatten wir ja ein Gruppen-Ticket rechtens erworben. Die Räder waren ordnungsgemäß verstaut, wir hatten Muse uns ein wenig im Wagon umzuschauen. Schorschi entdeckte das Hinweisschild in unserer Reihe zuerst.

Um nicht schon wieder einen Platzwechsel einzuläuten beschlossen wir, dass Schorschi als schwanger und ich als behindert durchaus berechtigte Chancen gegenüber dem Kontrolleur geltend machen könnten. An der nächsten Station stieg eine junge Mutter ein. Sie hatte ihr Neugeborenes in einer Trage auf dem Rücken verstaut. Ich erfasste die Lage sofort und wies auf das Schild und Schorschi mit den ergänzenden Worten: Zu spät – wir sind auf dem Weg zur Schwangerschafts-Gymnastik nach Alpiersbach. Herzhaftes lachen – und sie verließ den Triebwagen gleich wieder an der nächsten Station. Die Situation war bereingt.

Ach ja, wir hatten entschieden uns bereits in Alpiersbach ins Kinzigtal zu stürzen. Erwartungsvoll enterten wir Bahnsteig 2 in Alpiersbach. Unmittelbar nach dem Verlassen des Bahnsteigs prangte das Hinweisschild „Kinzigtal-Rad-Wanderweg“ inclusive Richtungspfeil. Entschlossen schwangen wir uns auf unsere Räder. Halt! Schorschi musste ja noch seinen G-Punkt (ab jetzt VW) in Stellung bringen. Seine, und die ausgeschilderte Rute stimmten überein.

Der Tag versprach ein herrlicher zu werden. Die Kinzig murmelte friedlich neben dem Radweg, wir waren bester Stimmung. Nach ca. 10 km erreichten wir Schenkenzell. Der Radweg war immer noch hervorragend gekennzeichnet, als VW plötzlich die Route nach rechts vorschlug. Im Vertrauen auf seine geographischen Künste folgten wir widerstandslos. Es tat sich ein wahres Kleinod auf, das Tal schlängelte sich in weiten Serpentinen leicht ansteigend nach oben. Für uns erfahrene Tourer keine Herausforderung! Der separate Radweg war längst zu Ende als VW uns zu einem erneuten Richtungswechsel animierte. Er schien schon auf den ersten flüchtigen Blick keinen glücklichen Verlauf zu nehmen. Nach diversen Überprüfungen folgten wir schließlich dem Rat VWs. Der Weg wurde steiler. Die ersten Schiebe-Sektionen wurden eingelegt. Bei 500 Höhenmetern über n.N., endete der Asphalt. Bei 570 Meter über Meeresspiegel dann auch die letzten Fahrversuche. Die Strecke wurde steiniger und steiler. „Da, hinter der nächsten Kurve, sind wir oben, dann geht’s wieder bergab“. Mit dieser Hoffnung schoben wir weitere unzählige Kurven, bis wir erschöpft auf 850 Meter über Holland angekommen waren. In Ermangelung eines Sauerstoffzeltes führten wir mit den Luftpumpen die ersten Wiederbelebungs-Maßnahmen durch. Keinerlei Anzeichen auf humanes Leben weit und breit. Noch nicht einmal Wanderweg-Hinweise. Es ist müßig zu erwähnen, dass der Akku von VW ankündigte keinen Bock mehr zu haben. Wir waren auf uns allein gestellt und beschlossen für das Biwak zur Nacht eine Wagenburg aus unseren Rädern zu bauen.

Die Pumpen hatten neues Leben in unsere Lungen gepresst, die Zuversicht gewann Oberhand und wir setzten unsere Odyssee fort. Gott sei Dank ging es bergab. Steil, glitschig, selbst Mountainbiker hätten größte Vorsicht walten lassen. Wir nicht minder. Gefühlt war die Strecke zigfach länger als real. Mit Freudentänzen quittierten wir das unerwartete erreichen einer asphaltierten Trasse. Menschenleer natürlich. Aber den ersten Schildern für wagemutige Wanderer. Unter dem Schild „Jakobsweg“ erspähten wir „Schapbach“, das höchstgelegenste Mineral- und Moorbad im Schwarzwald. Vor Jahren hatten ich hier in meiner einzigartigen Karriere Tennis gespielt. Aber wir hatten die Rechnung ohne VW gemacht. Beharrlich wies er in die entgegen gesetzte Richtung. Die Gruppe stand vor einer echten Zerreißprobe. Auf die neuerlichen Anstiege hinweisend ließ sich der Begnadete dann doch überzeugen den geteerten Weg zurück in die Zivilisation zu wählen. Nach rasender Abfahrt erreichten wir Schapbach, Menschen, Radwege und Hinweisschilder. Wir hatten wieder Mut gefasst und auch wieder einen ungetrübten Blick für die Schönheiten der Natur auf dem Weg über Oberwolfach nach Wolfach. Zur Belohnung gab es SchniPoSa und Aso-Schorle. VW würdigten wir keines Blickes. Seine Ausmusterung war beschlossene Sache.

Gestärkt durch allerlei Cerealien und Kohlehydranten setzten wir uns Gengenbach als nächstes Ziel. Hier sollte ein erfrischendes Eis die Schmerzen lindern. Über Hausach, Haslach und Biberach schlugen wir in Gengenbach auf. Einen Querverweis auf Bofrost sei an dieser Stelle angemerkt: Der Rückenwind für den Treibwagen hatte seine Richtung nicht geändert. Aufgefrischt und böig minderte er unser Tempo – brachte allerdings auch ein wenig erfrischende Kühlung an dem sonnigen Herbsttag.

In Windeseile waren die 4 Kugeln Eis, ohne Sahne, verzehrt. Es sei diesem Kälteschock geschuldet, dass der Gekühlte plötzlich den Fahrplan der Deutschen Bundesbahn studierte. In 20 Minuten würde der nächste Regio-Express gen Offenburg rattern. Ungläubiges Staunen meinerseits – allerdings nach den Tortouren durchaus überlegenswert. Eine Entscheidung musste her. Nach der SWOT-Methode wägten wir die Vor- und Nachteile, die Chancen und Risiken ab. Der Bahnhof in Gengenbach spielte ja schon auf der Hinfahrt eine richtungsweisende Rolle. In meiner Phantasie sah ich auf meiner Stirn, für jeden sichtbar: „Der Schwächling bricht die Tour kurz vor dem Ziel ab“. Womöglich kennt mich sogar jemand im Zug. Wie peinlich! Diese Vision ließ uns dann doch unter Aufbietung der letzten Kräfte die verbleibenden 10 Km radeln. Selbst die Fahrradkette ging auf dem Zahnfleisch. Wir, die Helden des Kinzig-Berg und Tal-Radwanderweges ziehen die Sache durch. Der Sportsgeist besiegt alle körperlichen und geistigen Wehwehchen. Wir schaffen das!

Übrigens: Wir haben an der erwähnten Schwangerschafts-Gymnastik in Alpiersbach stillschweigend nicht teilgenommen!

Nach 5 ¾ Std. reiner Fahrzeit legten wir eine Strecke von 83,5 Km zurück (lt. VW) mit einem Schnitt von 14,7 Km/Std. bei gerade einmal 1 ½ Std. Pause

Kaiserstuhl-Tour

Kaiser – Kronen, Kaiser – Stuhl und Kaiser – Wetter!

Das Leben ist voller Überraschungen. Nachdem im Spätherbst 2015 die eher zufälligen Grabungen unter der Abdeckung im Kofferraum zum Fund eines historischen Artefaktes führten, traf die nächste Überraschung am 11. August 2016 gegen 09:30 Uhr in Nonnenweier ein. Ohne große Widrigkeiten gelang es dem Bekronten sowohl Anhängerkupplung als auch Fahrradständer nebst Velo fachgerecht und verkehrssicher zu montieren. Diesem Umstand war es auch zu verdanken, dass ER, ewig vor der vereinbarten Zeit, rückwärts in die Hofeinfahrt des Elsnerschen Anwesens rangierte.

An dieser Stelle sein vermerkt, dass wir mit einer Gedenkminute unseres treuen Partners Flak gedachten, der uns im Großen und Ganzen sicher begleitete. Auch wenn seine Vorhersagen nicht gänzlich dem Ideal entsprachen, so war er doch einer von uns! Wahre Freundschaften verzeihen auch Fehler!

Wie sich im Verlaufe der Umzingelung der Sitzgelegenheit des Kaisers noch manifestieren sollte, wich die Vorfreude über den neuen Kollegen GARMIN bereits bei der ersten Bewährungsprobe. Er war eben nicht Falk! Soviel muss an dieser Stelle gesagt werden – ohne hier bereits näher auf die Details einzugehen. Auch möchte ich für den Verlauf weiterer Dokumentationen mögliche Irritationen mit meinem Namen von vorne herein ausschließen. Naheliegend ist die konsequente Abkürzung. Ich werde ihn ab sofort ausschließlich als „G-Punkt“ (weiter reduziert „G.“) benennen. Sollte er sich zukünftig als zuverlässiger Radgeber erweisen, und zur Befriedigung der Begnadeten beitragen, so konnte diese Nomenklatur nicht treffender gewählt werden.

Hinzugesellt hatte sich ebenfalls ein bisher namenloser Kollege, der uns mit allerlei Informationen im Nachhinein versorgte, während bei G. sich die Anforderungen eher nach vorne orientierten. Da er u.a. über den Verbrauch von Kalorien Buch führt, möchte ich ihn spontan „Kalli“ taufen. Das Einverständnis des Gekrönten voraus gesetzt.

Wie bei einer Rundfahrt üblich, befinden sich Start und Ziel in unmittelbarer Nähe. Lediglich die Entscheidung „Wo starten wir?“ galt es zu treffen. Mit dem Wissen, dass sich die Eismanufaktur in Königschaffhausen einen überaus positiven Namen erkühlt hatte, gab es keinerlei Diskussionen über den Beginn der Tour. Lockten doch bereits vor den ersten ernsthaften Tritten in die Pedalen wahrlich ausgezeichnete Köstlichkeiten.

 

Hätte, Wenn und Aber: Dass unerwartet frühe Aufkreuzen des Gekörnten, die Folge glücklicher Umstände, zogen leider eine Verkettung weiterer denkwürdiger Umstände nach sich. So z.B. das Erreichen der Eismanufaktur vor der offiziellen Öffnungszeit um 11:00Uhr! Enttäuschung macht sich breit. Da es bis Breisach allerdings nur ganze 15Km waren, lag die nächste Labung in nicht allzu weiter Ferne. Auch ohne diverse Kugeln Eis entpuppte sich der Fahrtwind als sehr erfrischend. So erfrischend, dass uns die vorsorglich mitgeführten Jäckchen kuscheliges Wohlfühlen angedeihen ließen.

In flotter Fahrt ging es Breisach entgegen, wo uns unmittelbar an der Stadtgrenze die ersten Fangruppen frenetisch empfingen. Anders als erwartet lag der Altersdurchschnitt signifikant über unseren Jahrgängen. Offensichtlich hatten sie werden Lust noch ein gesteigertes Interesse die olympischen Spiele im TV zu verfolgen. Live ist eben life, und nirgends sonst kann die reale Geschwindigkeit so hautnah empfunden werden, wie auf Armlänge an der Strecke selbst. Im Stadtkern, wo wir die Aufnahme von Cerealien geplant hatten, standen wir einer schier undurchdringlichen Mauer von Rentnern gegenüber. Wir bahnten uns eine Schneise zum Café, das mit einem fruchtigen Buffet auf uns lauerte. Wie sollten wir Kalli davon überzeugen, dass seine bisher gespeicherten Daten mit Nichten denen der Angaben der emsigen Bäckereifachverkäuferin entsprachen. Wir entschuldigten es mit den noch vor uns liegenden fünfzig Kilometern und der Aufstockung auf Kallis Speicherkarte. Die ebenfalls emsigen Bedienungen, deren Wiegen nicht in Breisach schaukelten, sondern in südöstlichen Gefilden, versuchten nicht vergebens uns mit freundlich rollendem R zu einem üppigen Trinkgeld zu animieren. Wir erlagen den Verführungskünsten und stellten ihnen sowohl Kalli, als auch den G. vor. Nach kurzer Überlegung beschlossen wir unsere Notdurft während der Fahrt fachgerecht zu verrichten – immer konsequent in Fahrtrichtung.

Entlang von lustig murmelnden Bächen, wogenden Kornfeldern und be-E-biketen Angebern ließen wir Breisach schnell hinter uns. Erste Unstimmigkeit mit G. und der offiziell perfekt ausgeschilderten Route des kaiserlichen Tourismusverbandes führten überraschend doch auf den gewünschten Weg. Jedenfalls solange die Strecke durch Wasserläufe, Straßen und Häuser automatisch begrenzt waren. Gegen besseres Wissen, also meines, steuerte G. den Weinbergen entgegen. Erste Steilhänge wurden noch mit Bravur erklommen. Nun säumten Reben unseren Weg. Trotz all meiner korrekten Räte, wie es erfahrene Westmänner nun mal beherrschen, bestand der Verfahrensmann auf unkritisches Folgen des G..

Es ist müßig zu erwähnen, dass Schorschi jede Gelegenheit nutzte seine Fingerfertigkeit am G. zu trainieren. Auch Kalli sollte nicht hinten anstehen, und ER überprüfte regelmäßig Kontostand der Kalorien, der zurückgelegten Wegstrecke und des Durchschnittstempos. Dieses sank mit jedem Meter, den wir den Vorschlägen des Laienhaften folgten. Inzwischen fehlten sogar ausreichend kleine Gänge, um den Steigungen Herr zu werden. Was bei den Ritzeln mangelte, war an Kg zu viel. Diese Hangabtriebskraft allerdings erwies sich in den Bergab-Passagen als förderlich, um Geschwindigkeit ohne körperliche Anstrengung aufzunehmen.

Kalli summierte neben Höhenmetern auch Kalorien, was Schorschi umgehend in die beliebte Währung von Eisbollen brillant und fehlerfrei umrechnete. Die Piste wechselte von Asphalt auf Schotter, die Steigung tendierte gen Senkrecht, beherztes Einschreiten meinerseits war die einzige Möglichkeit ein drohendes Debakel abzuwenden. G. hatte die Übersicht nun völlig verloren. Und Kalli war mit anderen Aufgaben rund um die Uhr ausgelastet. Schorschi schaute hilfesuchend zu mir. Geistesgegenwärtig gelang es mir einen betreckerten Kaiserstühler Jungwinzer zu stoppen, um seinen ortskundigen Rat einzuholen. Wie vermutet, das Ziel befand sich in 180 Grad Richtung. Schotterpiste hangabwärts zurück, den G. keines Blickes würdigend erreichten wir nach gerade einmal zwei Kilometern Endingen. Jetzt trennte uns die Winzigkeit von zweitausend lächerlichen Metern von der ausgelobten Eismanufaktur.

In Windeseile waren unsere Stahlrösser geparkt, und Schorschi stürmte auf die Eisauslagen zu. Ich hätte mir diese seine Dynamik in den Bergetappen gewünscht. Ohne auch nur einen müden Blick auf Kalli zu verschwenden, wanderte die Bestellung über den Tresen. Schokolade, Walnuss und Joghurt-Kirsch. Noch bevor ich die zweite Kugel anlöffeln konnte, eilte der Unterkühlte schon wieder Richtung Tresen, um mit weiteren Kugeln Mango, Erdbeer und Weissnichtmehr sein Kompotpurri zu vervollständigen. Sahne wurde mit einer fahrigen Handbewegung abgelehnt. Kalli schlug sinnbildlich die Datenspeicher über dem Display zusammen. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, die letzten Reste Erdbeereis vom Löffel saugend, konnte er Kalli nicht länger ignorieren. Seine klammen Finger huschten zusehends langsamer über Tastatur. Doch die Daten ließen das Grinsen noch breiter werden! 6.430 Kalorien – da konnten selbst die 6 Kugeln feinstes Eis kein Wässerchen trüben.

Unaufgeregt entlockte der Herrscher über Nullen und Einser an seinem Handgelenk weitere bemerkenswerte Tatsachen aus Kallis digitalem Datenspeicher: Sechzig Kilometer in viereinhalb Stunden – abzüglich dreißig Minuten Pause entspricht einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 16,3 Km/h. Immerhin, bei der Steilheit der Rebetappen…! Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass die Hangabtriebskraft uns zu einer Höchstgeschwindigkeit von 48,6 Km/h katapultierte. Was will man mehr?

Nordsee Radtour Teil 2

Volle – Fahrt

Mittwoch 15. Juli 2015

Bei schönem Wetter kann jeder fahren. Auch die Vergötterten. Um 09:00 Uhr rasseln die Ketten vor Ungeduld. Kleine chirurgische Eingriffe an der Satteltasche des Begnadeten verzögern den Start nur um Nuancen.

Falk hatte einen unglücklichen Start. Nach einer Dreiviertelstunde passierten wir freudestrahlend erneut unser Hotel. Und die Falkschen Irritationen sollten sich noch über den ganzen Tag hinziehen. Soviel der Geehrte Falk auch drangsalierte, er weigerte sich standhaft die Route nach Jever preiszugeben. Ein besonderes Lob möchte ich an dieser Stelle dem Schreiberling aussprechen, der angesichts der verfahrenen Situation die Ruhe bewahrte, und dem Peloton den richtigen Weg wies. Ohne der Fähigkeit nach Sonnenstand, Sternenbild und Wegweisern zu navigieren, wäre Jever in weite Ferne gerückt. Never Jever.

Um die zerrütteten Nerven wieder in Einklang mit Natur, Raum und Zeit zu bekommen, steuerten wir das Café an, in dem Frau Bruns das Zepter schwang. Eine Käffchen und je ein Viertel des großzügig ausgelegten Mohnkuchens brachte die Konzentration auf das Wesentliche zurück. Frau Bruns überzeugte durch Freundlichkeit und jugendlich knuspriger Anmut. Ungeachtet dessen zog uns der Ruf des Nordens schließlich weiter hinaus in die Wildnis.

Heute sollten sich noch drei Begegnungen der niederschreibenswerten Art ergeben. Gegen Mittag erreichten wir Friedeburg, was seinem Namen alle Ehre machte. Ein ausgeschilderter Imbiss offerierte die schmackhaftesten Köstlichkeiten. Links gab es Frikadellen mit und aus Brötchen, rechts bot man Brötchen mit Frikadellen an. Innen waren beide Läden eins. Wir bestellten Käsebrötchen.

Gerade hatten wir uns die Majonäse aus dem Bart geputzt, als ein reiferes Ehepaar uns auf ihre neuen Zähne aufmerksam machte, die sie just eben beim Experten hatte einzementieren lassen. Noch trunken von der Betäubung, gierte sie nach einem herzhaften Biss in die eben erworbene Bulette. Die dazu dringend notwendige Atempause nutze ihr Mann gewieft aus, um auf seine Zähne hinzuweisen, die er jedoch schon im vergangenen Jahr hatte implantieren lassen. Der Fahrtwind verschlang die Ausführungen der Drittzähnler zu den durchgemachten entbehrungsreichen Nachkriegszeiten.

Wie schnell sich unter Gleichgesinnten Freundschaften schließen lassen, dafür geben Ria 60 und Johann 63 ein beispielhaftes Zeugnis. Radler sind sich näher, als man glaubt! Nach inniger Verbrüderung chauffierten wir ohne die beiden Geburtstagskinder weiter durch die Ammerländer Puppenstuben und überraschten Amerika und Russland mit einer spontanen Stippvisite. Leider weilten die Herren Obama und Putin nicht in ihren Residenzen, so dass wir lediglich unsere besten Wünsche ausrichten ließen. Und man solle nicht alles zu schwarz – weiß sehen. Ein kleiner Beitrag zu einer entspannteren Ost- Westbeziehung.

Zirka 7,6 km hinter Russland und 6,5 km hinter Amerika durften wir den Herrn über vier Schleusen bei seinen Dreharbeiten bewundern. Es lag allein in seiner Macht zwischen Deichen herumschippernde Bötchen durch seine Schleusen hindurch zu lassen. Oder eben nicht. Das in diesem Idyll dabei der gesamte Radverkehr zum Erliegen kam, war uns einerlei. Wir versüßten diese Zwangspause mit einem „k“alten Klassiker: dem dreifarbigen Fürst Pückler Eis von Langnese. Schokolade, Vanille und Erdbeer, zusammengehalten von einer geschmacksneutralen Waffel. Wer soll da nicht schwach werden? Aus dem Schatten des Bootshauses „Paddeln für Ammerland“ konnten wir jeden Arbeitsschritt des emsigen Deich- und Schleusenwärters studieren und ihm nach getaner Arbeit zu seinem Job aus tiefster Überzeugung gratulieren. Seinen Erzählungen folgend, gab es in den Wintermonaten weder Fürst-Pückler-Eis, noch Bötchen. In dieser tourilosen Zeit hatte er die Schleusen zu ölen, und die Deiche auf Dichtigkeit zu prüfen. Der Radverkehr kommt bei diesen Wartungsarbeiten nicht zum Erliegen. Die Bötchen scheuen das Packeis, und Fürst Pückler hatte die Produktion der dreifarbigen Köstlichkeit auf Eis gelegt.

In Jever empfingen uns die ersten Tropfen. Sie waren bedauerlicherweise nicht aus Pilsener, sonder aus purem Wasser. Eine herbe Enttäuschung, und so bleibt es weiterhin dem Herrgott vergönnt, Wasser in Alkoholika zu verwandeln. Obwohl – manche zweifeln dieses Wunder nachvollziehbar an, denn die Messweine sind bis heute eher irdischer Natur.

Das per Internet gebuchte Hotel bot uns und unseren Stahlrössern Schutz vor dem nahenden Wolkenbruch. Hunderte, wenn nicht Tausende von erschöpften Schutzsuchenden hatten in den unzähligen Jahrzehnten dieser Herberge zu ihrem maroden Charme verholfen. Highlight war ohne Zweifel die Garage für die stählernen Kameraden. Gemeinsam mit leeren Marmeladegläsern, die ursprünglich für die Aufbewahrung von Gurken und Perlzwiebeln gefertigt wurden, sowie allerlei undefinierbare Haus-, Garten- und andere nutzlose Utensilien mit fortgeschrittener Patina, umrandet mit einer ordentlichen Portion Unrat. Sie hatten wahrlich Besseres verdient.

Dagegen war die Wahl des Restaurants wie ein Sechser im Lotto. Fangfrischer Fisch, ein ordentlich gezapftes Jever, ein Weisswein und ein Schnäpschen ließen uns die Herberge ein klein wenig erträglicher erscheinen. Aber nur ein ganz klein wenig! Jugenderinnerungen zufolge kennt man das Phänomen, wie auf Dorffesten der zunehmende Alkoholgenuss die Landschönheiten zusehends erblühen ließ.

Ein Kommentar zu Jever sei erlaubt. Im Gegensatz zu Flensburg kann man in diesem Ort zwar Punkte erhalten, aber in Flensburg werden sie notiert und gesammelt. Das Herbe des Nordens jedoch findet sich in den Spezialitäten beider Städte wieder. Im krassen Gegensatz zum Hamburger, oder Wienerle, oder Frankfurter, oder Berliner, oder Pariser, oder so, reflektieren die Biere ausschließlich den Namen ihrer Städte. Bestelllt man aber z.B. in Jever ein Flensburger, erntet man irritierte Blicke, wie ein spontaner, unvorbereiteter Versuch ergab. Die Pendant-Frage konnte allerdings bisher noch nicht gestellt werden, sodass eine faire Beurteilung schier unmöglich ist. Bestellt man hingegen in Berlin einen Hamburger, so stört das keinen Menschen. Gleiches gilt für Wiener, Frankfurter. Oder umgekehrt. Nur Bestellungen von Parisern kann zu spontanen Errötungen führen, gelegentlich zu verachtendem Bedauern. Eine diesbezügliche vertiefende Nachfrage bei Alice Schwatzer habe ich mir für die kommenden tristen Winterwochen aufgehoben. In der Hoffnung, dass sie bis dahin alle Irritationen mit der Steuerhinterziehung und den Finanzämtern abgeschlossen hat. Emanzen sind doch nicht so arm dran, wie wir ursprünglich vermutet haben. Das Jever, der Weisswein, das Schnäpschen und die Resettaste halfen auch das böse Kopfkino o.g. Person nachhaltig, ohne psychische Folgeschäden zu löschen.

Als bekennender Fan des Flensburger Gebräus fehlt mir beim Jever der Blupp. Das Zischen beim Öffnen des Jever- Pilseners entschädigt einfach nicht für den Flensburger-Blubb! Hingegen kann ich auf den Blubb z.B. beim Spinat jederzeit verzichten. Beim Bier aber auf gar keinen Fall. Wobei es beim Punktesammeln einerlei ist, ob man zuviel Pilsener mit Blubb oder Zisch konsumiert hat. Hier ist nun wieder der Spinat eindeutig im Vorteil. Ob mit oder ohne Blubb, er darf nach Belieben verzehrt werden, ohne Gefahr zu laufen, auch nur einen einzigen Punkt dafür zu riskieren. Gönnt man sich zum Spinat ein Bierchen, ist es unmaßgeblich, ob mit Blubb oder Zisch. Die Blubbs des Bieres addieren sich keinesfalls mit dem Blubb des Spinats. Beim Zisch besteht ohnehin keine Gefahr der Doppelung. Warum sich allerdings die Blubbs und Zischs addieren ist wissenschaftlich bis heute nicht hinreichend erforscht. Auf jeden Fall stehe ich als Probant nicht zur Verfügung. Ich kann mich ja nicht um Alles kümmern!

Gesamttageslage:

Bis 25*C / strahlend blauer Himmel (bis abends) / geschorene Schäfchenwolken / windlos

Tagespensum: 66,4 km / aktive Fahrzeit 3 Std. 51 Min.

Durchschnittsgeschwindigkeit 17,17 km/Std.

 

See-Fahrt

Donnerstag 16. Juli 2015

Das Frühstück wurde zügig beendet, um unsere treuen Gefährten umgehend aus ihrer Traumvilla zu befreien. Trotz leichtem Regen, Polarwind und Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt wollten wir diese Bleibe so rasch wie möglich hinter uns lassen. Falk schien noch etwas schläfrig. Nach einer Ehrenrunde ums Hotel gings schliesslich mit Hussa und Verve der Nordseeküste entgegen. So eintönig wie das Wetter gestaltete sich auch die Landschaft. Monokulturen mit Mais und Gerste wechselten sich mit großzügigen Wiesen ab, auf denen schwarz- und braungefleckte, wiederkäuende Rindviecher die dämlich dreinschauten.

Der Wind hatte sich offensichtlich auf uns versteift. Denn außer uns hatten nachweisbar alle anderen Radler entweder Rückenwind oder E-Bikes. Oder beides.

Pünktlich um 12:30 Uhr verschwanden die Wolken – nicht der Wind. Die Sonne ging auf, die langen Hose runter. Wir erreichten das Meer. Tausende standen an den Deichen und Küsten. Wir wären niemals auf die verwegene Idee gekommen, dass der dämliche Gesichtsausdruck der Rindviecher noch zu Töpfen wäre. Bis uns die Schafe eines Besseren belehrten.

Bis heute rätseln wir, ob Ebbe oder Flut unser Begleiter entlang von Wattenmeer, Deichen und Schafsköppen war. Sollte jemand den Namen Horumersiel auf einem Ortsschild lesen, empfehlen wir das Gaspedal kräftig zu betätigen. Falk weigerte sich standhaft die Eingabe zu akzeptieren. Scharen von Campern, die sich einen Wettstreit mit den Schafen lieferten, wer nun das trostloseste Mienenspiel sein Eigen nennen darf, und Scharen von Menschen, deren idealer Bodymassindex entweder am Umfang oder an der Größe scheiterte. Meist an beidem.

Immerhin, der Käsekuchen war köstlich.

Schorschi sah sich nach einem weißen T-Shirt um. Verunsichert irrte er durch die Kleiderständerreihen einer Damenoberbekleidungsboutique. Ich bugsierte in kurzerhand eine Tür weiter, wo er sofort fündig wurde.

Erleichtert nahmen wir wieder Fahrt auf und bereits ein paar Orte weiter trafen wir in Hooksiel die Atmosphäre an, die man von Postkarten und Prospekten kennen gelernt hat. Schorschi zog es wie von Geisterhand auf eine Holzbank unmittelbar am Hafen, um ein Nickerchen zu halten. Er würdigte die Schiffe an der Mole keines Blickes. Der Kopf ruhte auf seiner Packtasche, die Beine übereinander geschlagen. Zum Entsetzen meines Kulturverständnisses erblickte ich, dass seine blässlichen Beine in ein Paar weißer Socken übergingen. Schlimmer noch, die Socken waren gekennzeichnet mit „L“ und „R“, damit der richtige Socken auch den passenden Fuß erwischte. Vorausgesetzt, die Interpretation ist gelungen. Die weißen, gekennzeichneten Socken wiederum steckten in grauen Plastiksandalen. Ich verwende bewusst den Begriff „grau“. Nicht „gräulich“! Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Außerdem lehne ich jede Verantwortung strikt ab.

Ungeachtet dieses modischen Fauxpas gelangten wir zu unserem Tagesziel Wilhelmshaven. Eine Stadt, die wohl vor den Attacken der alliierten Streitkräften keine Gnade fand – aber ohne jedes Gespür für architektonische Gestaltung in Windeseile wieder erbaut wurde. Eine misslungene Mixtur aus Gelsenkirchener Barock und ostdeutscher Platte. Auf der Suche nach dem Hafen und der Anlegestelle der Fähre hätten wir Falks Hilfe dringend nötig gehabt. So landeten wir unversehens am Schlagbaum der Hochsicherheitszone des Marinehafens. Die geographischen Kenntnisse des Wachhabenden mögen wohl auf See beeindruckend sein, an Land lies er jede Teilnahme am Unterrichtsfach „Heimatkunde“ vermissen. Wir waren auf uns alleine gestellt. In den Tiefen der Häuserschluchten konnten wir uns nur an dem Gezeter der Lachmöwen orientieren und kurvten schließlich über die Kaiser Wilhelm Brücke dem ersehnten Ziel entgegen.

Es ist Schorschis Spontaneität zu verdanken, dass wir, unmittelbar an der Promenade, im Strandhotel „Delfin“ zwei Zimmer zur Seeseite bekamen. Man beachte: mit Fernglas, um bei Ebbe dem Meer in die Weiten des Ozeans zu folgen. Optisch wohlgemerkt. Die hereinbrechende Nacht machte uns jedoch einen Strich durch dieses Naturschauspiel.

Das Jever hatten wir uns jetzt radlich verdient.

Was auf der Promenade flanierte entsprach allerdings weniger unseren Vorstellungen. Eher schien es, dass die Gäste aus Horumersiel uns zu Leid ihren Aufenthaltsort gewechselt hätten. Unbeeindruckt ihrer Körperfülle verschlangen sie auch hier die größten Portionen Eis und Kuchen und die fettigsten Mahle, die sich auf den Speisekarten identifizieren ließen. Apropos Eis. Hier endete jede Freundschaft. Schorschi ging erstmals eigene Wege. Zur nächsten Eisbude. Es war ihm gegönnt.

Die Streifen, die der Fährkartenverkäufer auf seiner Uniform trug, wiesen ihn nicht als Brigadegeneral aus. Operettenliebhaber und Interessierte fremder, ferner Länder, vorzugsweise Drittländer auf schwarzen Kontinenten, sind derartige Uniformen sicher geläufig. Seine norddeutsche unterkühlte Art wies ihn eindeutig als frustrierten Fährkartenverkäufer aus, der tagein, tagaus Touristen die selben Fragen zu beantworten hatte: Wann geht die einzige Fähre nach Eckwarderhörne? Und von wo? Es kam nie eine Gegenfrage über seine Lippen. Etwa wie viele Karten man bräuchte, bzw. ob mit oder ohne Fahrrad? Oder gar woher, wohin? Er betrachtete dies konsequent als Bringschuld. Wir ließen ihn einsam in seinem Fährkartenverkäuferhäuschen mit freundlichen Grüßen zurück.

Tageszusammenfassung:

Morgens schattig, mittags sonnig und warm, abends lau.

Fahrstrecke 71,5 km / effektive Fahrzeit 4 Std. 32 Min.

Durchschnittsgeschwindigkeit immerhin 14,7 km/Std.

 

Rück-Fahrt

Freitag, 17. Juli 2015

Eine kühle Meeresbriese und die heranschwappende Flut empfing uns zum Frühstücksbüffet. Schorschi orakelte schon wieder bei den Wetterdiensten umeinander. Heute ging es zurück zu unseren bildungsneutralen Hotel- und Koiteichbesitzern nach Westerstede. Welch Defile erwartete uns? Zunächst hatten wir allerdings noch ein Rendezvous mit unserem Fährkartenverkäufer-Brigadegeneral in Operettenuniform. Die einzige Fähre des Tages lief pünktlich um 09:00 Uhr aus, und wir wussten nicht, welch bürokratische Aufgaben uns zum Erwerb der Tickets zwangen. Also waren wir bei Zeiten am Ablegesteg. Die Tickets erhielten wir zügiger als befürchtet. Der Brigadegeneral riss sie von einer großen Rolle, wie früher die Biergutscheine beim alljährlichen Betriebsfest. Vergebens warteten wir auf eine Frage nach dem woher, wohin geschweige denn auf ein paar aufmunternde Worte. Sicher wusste der Litzenträger was auf uns in den nächsten Stunden, im wahrsten Sinne des Wortes, zukommen würde. Für ihn sprach, dass er wirklich alle Fährschiffgäste konsequent gleich behandelte.

Die Fregatte lag bereits vor Anker. Es sollten noch andere fleischgewordene Fregatten auftauchen, die sich ebenfalls mit nach Eckenwarderhörne einschiffen wollten. Der Fährkartenverkäufer wusste nicht wo ihm der Kopf steht und war am Ende seiner Kräfte, als die Fregatte mit den Fregatten und Fregattinnen in See stach. Die Wellen schlugen an die Bordwand, die Gischt benetzte die Gesichter mit salziger Feuchte, der Wind frischte auf und veranlasste die Wolken ihre nasse Fracht über uns zu ergießen. Gischt und Regen summierten sich zu einem Feuchtigkeitsgehalt, der uns in den Rumpf der Fregatte trieb. Doch kaum waren die Anker gelichtet, erspähten wir auch schon wieder Land. Das also war Eckenwarderhörne? Man hätte es leicht übersehen können, wenn es nicht ausdrücklich auf unseren Passagen dokumentiert gewesen wäre.

Der Anlegesteg präsentierte sich in einem erbärmlichen Zustand. Bootsjunge und Maat wiesen uns nachdrücklich auf die latente Rutschgefahr hin. Die altersschwache Betonrampe war durch die Tieden mit Schlick und Algen übersät und wir wären beim Erklimmen für die Bruchteile von Minuten dankbar um eine ordentliche Winterbereifung gewesen.

So, wie der Regen uns überrascht hatte, so überraschend zog er sich wieder zurück aufs Meer. Er wollte uns wohl mit einem flüchtigen Auftritt der möglichen Urgewalten der Natur beeindrucken. In dem Maße wie sich der Regen zurückzog, böte der Wind auf. An 364 Tagen blies er aus nördlicher oder westlicher oder nord-westlicher Richtung. Am 17. Juli 2015 machte er seine legendäre Ausnahme und jagte mit überhöhter Geschwindigkeit exakt gegen unsere Fahrtrichtung. Der Blanke Hans konnte nicht unerbittlicher sein.

Schorschi leidet seit Jahren unter einer latenten Gegenwind-Intoleranz, und hieß mich in vorderster Front dem Sturm die Stirn zu bieten, um ihn im kräftesparenden Windschatten mitzuziehen. Letzte Reserven wurden mobilisiert. 65 km lagen vor uns, die Meute, die uns applaudierend erwartete, durfte nicht enttäuscht werden. Und so traten wir beherzt in die Pedale, die unter der Last der schweren Tritte ächzten.

Mit Falk war es so lala, er konnte uns keine großen Fallen stellen. Rechts das Meer, links der Deich, von vorne der unbändige Sturm, in weiter Ferne der schützende Hort. Ach ja, der Tacho war, wie bereits auf irgendeiner Seite prophezeit, ein Totalausfall. Er litt unter akutem Energiemangel. Was uns jedoch keineswegs daran hinderte einen zusätzlichen Umweg von ca. acht lächerlichen Kilometern in Kauf zu nehmen. Wer oder was war schuld? Eigentlich der erfahrene Front- und Fahrensmann. Aber, der Windschattenspendende fuhr, den Kopf KW-Wert günstigst gesenkt, achtlos am eigens aufgestellten Hinweisschild vorbei, bis der Tross in einer unbefahrbaren Baustelle jäh zum Halt und zur Umkehr gezwungen wurde.

Lebhaft in Erinnerung kam uns die nette, junge Damenriege in den Sinn, nach deren Begleitung mit Rad und Tat wir jeden Tag Ausschau hielten. Wie gesagt es kam anders. Ganz anders!

Beim korrekten Überholen eines langsameren Radrennfahrers, der nicht nur mit seinem Rad gegen den Sturm ankämpfte, sondern auch mit seiner Stimme, bat er uns sehnlichst ihm ebenfalls die Fahrt in unserem Windschatten zu gestatten. Männer von Welt, wie wir, erfüllten ihm großzügig, ohne eine Geste der Arroganz, die Bitte. Wir hatten uns allerdings keine jungen, windschattensuchenden Damenradlerinnen eingefangen, sondern ein ganz seltenes Exemplar. Quasi das krasse Gegenteil unserer Idealvorstellung. Stolze 84 Jahre, aus Kassel, am Vortage 175 Km aus Hamburg angereist, vor dem Zusammenschluss mit uns Umjubelten schon über 40 Km hinter sich, vor sich das Treffen mit seiner Freundin (Alter unbekannt). Mit ihr und ihrem E-Bike wollte er zu einer gemeinsamen Radtour aufbrechen. Auch er kannte das glorreiche Gefühl umjubelt zu sein. Als mehrfacher deutscher Meister im Radrennen in verschiedenen Altersklassen, und als Sieger des Rennsteig-Ultramarathons mit 78 Km, hatte er uns ohne Zweifel ein paar Jahre voraus.

Am schwimmenden Moor trennten sich unsere Wege. Trotz üppigem Windschatten stand eine Pause zum Kraftschöpfen an, die wir nicht mit ihm teilen wollten. Schorschi zog nicht nur der Windschatten sondern eher die Eisbude in Varel unwiderstehlich an. Diese, man mag sich erinnern, gleich am ersten Tag vor seinen Augen schloss, ohne von ihm heimgesucht worden zu sein. Je näher wir diesem Zwischenziel kamen, ignorierte Schorschi seine Gegenwind-Intoleranz, schoss an mir vorbei und übernahm die Führung des Pelotons. Letzte Kräfte wurden mobilisiert.

Zusätzlich zum Sturm gesellten sich auch noch Hitze und Schwüle. Nach Erreichen der Oase, wurde das Eis sowohl im Wind-, als auch im Sonnenschatten eingenommen. Der anerkannte Spezialist in allen Milchspeise- und Fruchteisfragen verzehrte mit gewohnter, beneidenswerter Zungentechnik den größtmöglichen aller Eisbecher in rekordverdächtiger Zeit. Noch ehe der Chronist seine bescheidenere Portion auch nur ansatzweise genossen hatte, gab sich der Begnadete noch ein paar alternativen Sorten hin. Sein Urteil fiel, bei der ganzen Bandbreite der Testreihe, bescheiden aus. Die Empfehlung für qualitativere Basiszutaten verfehlte wohl ihre ernstgemeinte Wirkung. Oder ging im Getöse des Sturms ungeachtet unter. Wie dem auch sei.

Bis auf wenige Grade über Null heruntergekühlt, bestiegen wir letztmalig unsere Velos. Noch lagen über 30 Km vor uns. Wind, Temperaturen und Luftfeuchtigkeit wollten nicht nachlassen ihre erbärmlichen Klauen nach uns zu strecken. Erfreulich, dass Falk wieder mit von der Partie zu sein schien. Ein Trugschluss, wie sich alsbald herausstellen sollte.

Die Reise führte uns durch eine Gegend, in der höchstwahrscheinlich eine Atombombe explodiert war, so menschenleer waren Felder, Wälder und Orte. Orte? Noch nicht einmal ein stilles Örtchen im Umkreis von 30 Km. Geschweige denn Cafés, Frau Bruns, Rentner mit E-Bikes oder neuen Zähnen, oder gar Eisbuden!

Allgegenwärtige Richtungsschilder wiesen unmissverständlich in die entgegengesetzte Richtung, in die uns Falk zu schicken versuchte. Gegen besseres Wissen und dem Gebot des überlieferten Sprichworts „der Klügere gibt nach“, folgten wir Falks Rat. Ein folgenschwerer Irrtum. Über mit Klinkersteinen gepflasterte Straßen, die die Ureinwohner regelmäßig und regelgerecht zum Bosseln einluden, ging es schnurstracks in einen Feldweg, der von Schotter in Treibsand überging, über ungespurte Grasflächen schließlich in einem Waldstück mündete. Alle noch so quälenden Strapazen sollten sich alsbald als lächerlich erweisen, als wir der Schlammmassen ansichtig wurden. Nur 300 Meter frohlockte Schorschi, der kaum noch Falk im Auge behalten konnte. Es ging an die Grenzen unserer Fahrkünste, Kräfte und Nerven, die Boliden geschickt durch Dick und eher Dünn zu manövrieren. Aus 300 Metern wurden gefühlte drei km, bis wir ausgelaugt eine Kopfsteinpflasterpiste erreichten. Die Schlammschlacht war gewonnen, der Krieg noch nicht. Gott sei es getrommelt und gepfiffen, Westerstede war nur noch wenige Kilometer entfernt. Wir konnten uns mental auf den rauschenden Empfang vorbereiten und auf ein kühles Blondes.

Die Vorbereitungen hatten sich gelohnt. Wir waren überwältigt von den Aufbauten des städtischen Bauhofes. Im Ortszentrum, auf dem Marktplatz, standen Tribünen, um den euphorisierten Damenmassen Herr zu werden. Das gemischte Hauptschülerorchester eröffnete die Huldigungszeremonien. Die Trommlergruppe der Realschule (männliche Jugend) riss alle Anwesenden zum stakkatoartig Mitklatschen hin. Der Chor der Freiwilligen Feuerwehr sang „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ und die ersten Sensibelchen wischten sich verschämt eine Träne aus den Augen. Wer mag es ihnen verdenken? Zum krönenden Abschluss schmetterte der Kirchenchor ein „Halleluja“ und „Großer Gott wir loben dich“. Bewegende Szenen spielten sich auf und hinter der Tribüne ab, als wir zu den Klängen von Emerson, Lake und Palmer „Fanfare for the common man“ durch das Spalier der Fans zu den bildungsneutralen Hotel- und Koiteichbesitzern radelten. In aller Stille, aber mit Respekt und Anerkennung ließ man uns hier die Ruhe finden, die wir nach all den Entbehrungen für einen Moment bitter nötig hatten.

Unerkannt und unbehelligt genossen wir ein letztes Mal die Köstlichkeiten des Nordens. Dazu ein Gläschen vollmundiger italienischer Rotwein, danach ein klarer Obstbrand aus Baden-Würstchenberg rundeten den Tag, die Woche, die Tour erfolgreich ab. Schön wars! Echt!

Finaler Tagesbericht:

Vom Regen in die Traufe, vom Wind in den Sturm, aus der Kälte in die Gluthitze mit über 30*C, von glühendem Asphalt in mörderischen Schlamm.

Quälende Kilometer ca. 65 / gestresste Fahrzeit nicht nachvollziehbar

Durchschnittsgeschwindigkeit sage und schreibe 10,4 km/Std.

 

Heim-Fahrt

Samstag, 18. Juli 2015

Aus den Vorderreifen war die Luft raus, die Überbleibsel der Schlammschlacht hatte ein Kalfaktor an der Tankstelle bereits gestern mit Hochdruck entfernt. Die Räder waren verstaut und im Packen der Packtaschen machte uns inzwischen keiner mehr was vor. Routiniert fanden Schmutz- und Sauberwäsche, fein säuberlich getrennt, ihren Platz. Schorschi hatte am Vorabend noch an einer privaten Fete teilgenommen. Der bildungsneutrale Hotel- und Koiteichbesitzer hatte sich entgegen aller inneren Überzeugung hinreißen lassen, ein Pils zu spendieren. Kein Jever! Ein Radeberger. Er wollte einen Kontrapunkt zu den regionalen Angeboten setzen. Und da mich Schorschi an diesem unverhofften Freibier egoistisch nicht teilhaben lassen wollte, bin ich unbedacht ins Bett, und habe dafür nüchtern die Ereignisse vor meinem geistigen Auge Revue passieren lassen. Andererseits, ob sich der bildungsneutrale Hotel- und Koiteichbesitzer zu zwei Radebergern hätte hinreißen lassen, alle schlechten Vorsätze über Bord werfend, sein dahingestellt.

Nach etlichen guten Wünschen und guten Räten, verließen wir zügig aber innerhalb der Verkehrsregeln Westerstede, Heim ins gelobte Land. Unsere Lieben warteten ja sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer erfolgreichen Heros. Der Daimler sog die 650 Km in sich auf, als ob auch ihm sein trautes Heim fehlen würde. Einmal tanken, ein Eis für Schorschi natürlich, und sicherheitshalber ein Kontrollanruf bei der ach so Lieben zur Avisierung der Helden. Die Gute war mal wieder Kleidchen kaufen, und so wären wir um ein Haar vor verschlossenen Türen gestrandet. Doch welch ein Empfang. Blumen, das Gelbe Trikot, überdimensionale Plakate und das Lächeln der Frauen versüßte uns die Heimkehr und war Entschädigung für alle Strapazen und Entbehrungen. Erste Anekdoten und Zoten wurden zum Besten gegeben, Räder und Gepäck umgeladen bzw. versorgt – das Abenteuer hatte ein glückliches Ende genommen. Die Helden sind unbescholten zurück im Schoß der Familie.

Ein Tag später. Schorschi will am Morgen (Sonntag Morgen) sein Velo mit dem Vorderrad vervollständigen. Gestern fand er nicht mehr die Kraft dazu. Montieren, aufpumpen und fertig. Ab in das Arsenal, bereit für neue Touren. Die Fahrt vom Serviceplatz zum Arsenal wird zur Schicksalsfahrt. Der Vorderreifen platzt wenige Meter vor dem Rennstallstall. So spielt das Leben.

 

Resümee

Der Anlauf war lang. Die Tour gelungen. Neue Planungen sehr wahrscheinlich. Schön!

 

 

 

 

 

 

 

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