scharfsinnig - unsinnig - kurzweilig

Kategorie: E Kultur

Klara Fall

Als Nach-Richter, so denke ich hin und wieder, es muss doch auch ein Leben jenseits des Richtens geben. Also auf der kriminellen, die dunklen Seite der Macht. Ohne gleich ins Fadenkreuz unseres Rechtsstaates zu geraten. Also, seine Abartigkeiten legal ausleben, in einem Roman. Und wer bietet den Gaunern Paroli? In jedem Fall – ein klarer Fall für Klara Fall!

Nun, als eifriger Quarantänekonsument diverser TV-Krimis, macht es mir das Schreiben eines  Kriminalromans kinderleicht. Man benötigt dazu lediglich ein Konzept. Einen roten Faden. Die Handlungen sind eigentlich Nebensache. Es ist wie ein Gerippe, an das man nur die einzelnen Fleischbrocken hängen muss. Also beginne ich mit einem roten Leitfaden. Der Roman muss dann erstmal noch warten. Oder, ihr fühlt euch animiert, um mit eigenen Filetstückchen Klara Fall ein gruseliges Gaunerstück auf den Leib zu schreiben. Hier nun das Rüstzeug, welche Personen und Paradigmen absolut notwendig sind.

Klara Fall (Hauptkommissarin): Fürs Casting: Blonde Mitteleuropäerin, mittleren Alters, überzeugender, intelligenter, repsektheischender Blick, Mundwinkel leichte nachdenkliche Abwärtstendenz. Wegen zu vieler Überstunden in Scheidung lebend.

Ihr zur Seite ein zur Schnodderigkeit neigender, übermotivierter Oberkommissar, ohne besonders ausgepräge Karriereambition. Ausschweifender Single.

Im Innendienst ein introvertierter, schüchterner junger Nerd. Gerne auch ein in Deutschland aufgewachsenes Gastarbeiterkind der zweiten Generation.

Der Chef der SOKO ist unbedingt mit einem trotteligen Altgedienten zu besetzen. Laut „Peterprinzip“ hat er bereits seit seiner vorletzten Beförderung den Grad seiner Unfähigkeit erreicht. Sein Auftritt, der Besoldungsstufe entsprechend = ins Büro kommen, auf die Brisanz des Falles verweisen und dringend schnelle Ergebnisse fordern. Zügiger Abgang, um höhere Aufgaben zu erledigen.

Die Forensik ist immer mit schrillen, sterilen Typen zu besetzen. Sie müssen Fragen nach dem Todeszeitpunkt und der Ursache aus dem Effeff beantworten können. Und, ganz wichtig, auf verwertbare Ergebnisse, Spuren und DNA verweisen, wenn sie das Opfer erst auf dem „Tisch“ hatten. Brillenträger*in bevorzugt. Leichte anrüchige Sprüche sind vom Drehbuchautor*in unbedingt einzuarbeiten. Lieblingstatursache ist der Schlag mit einem stumpfen Gegenstand.

Neben einer Schar beliebiger Statisten*innen an Hästräger*innen ist eine Rolle von herausgehobener Notwendigkeit. Ein Polizist*in muss ohne Wenn und Aber das rot-weisse polizeiliche Absperrband hochheben, um den Ermittler*innen beugungsfreien Zutritt zum Tatort zu ermöglichen. Sie müssen der Aufforderung, die Neugierigen auf Abstand zu halten, mit Nachdruck nachkommen können.

Die Leiche, weiblich frivol bekleidet, um den Verdacht auf einen Sexualdelikt zu fokussieren. Oder männlich, aus irgendeinem fragwürdigem Milieu. Hier sind Ostblock, Balkan und Nordafrika geeignete, aus überaus einleuchtenden Herkunftsländern. Wasserleichen sollten aus Gründen der Glaubwürdigkeit Nichtschwimmer sein.

Zeugen können den Tatvorgang nie so genau schildern. Es ging alles so schnell. Aufmerksame, neugierige Rentner*innen nerven eigentlich immer die Ermittelnden. Ein hochgradig Verdächtiger ist hier und da unter den Schaulustigen zu platzieren. Er wird allerdings nie, ich wiederhole, NIE(!) auch der Täter sein. In vielen Fällen entzieht sich ein der Tat dringend Verdächtiger spontan durch hastiges Davonlaufen dem Zugriff der Staatsmacht. Wer auf der Flucht stolpert bleibt dem Zufall überlassen. Sowohl der / die Flüchtige als auch der / die Verfolgungaufnehmenden eignen sich aus nachvollziehbaren dramaturgischen Gründen. Sollte der Verfolgungsaufnehmende gewinnen, erhält er / sie nach Feierabend ein Bier spendiert. Bei Platz zwei erntet er / sie Hohn und Spott der gesamten SOKO:

Der Täter kann der Gärtner sein. Kann, muss nicht! Auch wird er erst gegen Ende der Sendezeit überführt. Überziehungen werden nicht geduldet, da die Werbeblogs stringent einzuhalten sind. Will heißen: Wir, die Konsumenten und GEZzahler*innen, überführen den / die Ertappten quasi indirekt mit.

Um den gruselnden Zuschauer*innen vollends zu verwirren, gilt es absichtlich verschiedene undurchsichtige Spuren zu legen. Erste Tatverdächtige sind grundsätzlich niemals der / die Täter*in! Sonst wäre der Film ja zu schnell enden, vor Ablauf der Sendezeit. Man kann darauf wetten, dass der oder die Täter*in ausschließlich kurz vor Sendeschluss überführt werden. Es sein denn, es handelt sich um einen Mehrteiler. Hier kann es allerdings auch durchaus vorkommen, dass mehrere Leichen benötigt werden.

Allgemeine Standards: 1. Die städtischen Ordnungsbehörden haben rechtzeitig dafür zu sorgen, dass die Ordnungshüter*innen grundsätzlich einen optimalen Parkplatz vorfinden. 2. Tatverdächtige sind nahezu ausschließlich Zuhause anzutreffen, um sich einer ersten Befragung zu unterziehen. Ob sie Urlaub haben oder Babypause oder Harz 4 erhalten oder von Schwarzarbeit leben oder von zwielichtigen Geschäften oder eine Pause im Schichtdienst abfeiern, ist für die Ermittlung nicht relevant. 3. Das Eintreten von Türen, bei Gefahr im Verzug, wird als Kollateralschaden akzeptiert. 4. Wird ein dringend der Tat Verdächtiger in ein Polizeiauto verfrachtet, hat das Streifenhörnchen die Hand aufs Haupt zulegen. Das Handauflegen kann in der Mediathek anschaulich studiert werden. Es gehört neben dem Füssewaschen für Päpste, Kardinäle und andere Kuttenträger zur kläralen Berufsausbildung und kann kritiklos adaptiert werden.

Fast hätte ich es vergessen! Die unvermeidliche Frage nach dem Alibi! Bzw. die Standardantwort auf die Routinefrage: „Wo waren sie zum Zeitpunkt der Tat?“ Und: „Gibt es dafür Zeugen?“ Zu 99% war der / die in den Fokus geratene allein Zuhause, ohne einen Entlastungszeugen*in!

Bei den Dreharbeiten zu ungünstigen Tageszeiten oder gar Wochenenden können keine Überstunden und geldwerte Vorteile geltend gemacht werden.

Um die Schurken dingfest zu machen, bedarf es gesicherter Beweise und Indizien. Sollte es am Geständnis mangeln. Geradezu unerlässlich sind dafür die Aufzeichnungen von Überwachungskameras, Auswertungen der Handydaten, das gezielte Durchstöbern der Mülleimer – auch in Laptops, Portraitfotos von Gewindigkeitsüberwachungssäulen, oder ganz profan Fingerabdrücke und DNA. Um den Übeltäter sozial verträglich erscheinen zu lassen, empfiehlt es sich, den brutalen Tathergang als unglücklichen Unfall, z.B. siebzehnmal ins offene Messer, laufen zu lassen. Schwere Kindheit sind ebenfalls gern strafmildernde Umstände.

Die letzte Szene gehört der zufriedenen Obrigkeit. Im Halbkreis stellen sich alle Akteure*innen wie zufällig ein und freuen sich über ihren Erfolg. Klara Fall hat den Fall einmal mehr souverän gelöst.

Hätte, hätte, Lichterkätte!

Oder: Hette, hette, Lichterkette!

Der Illuminationsterror rekrutiert unsere letzten eisernen Nervenreserven. In den Neubaugebieten der Gemein-den ballern Laser-Kanonen ökumenische einwandfreie Motive in changierenden Farben auf nackte Hauswände. Aufgeblasene, lebensgroße Weihnachtsmänner erklimmen Fassaden in Richtung Kamine, Sherpas tragen mit Luft und Lampen prall gefüllte, knallbunte Geschenkkartons hinterher. Andere lümmeln auf Harleys und rauben den Kindern die letzten Illusionen von prächtig geschmückten Schlitten mit Rentiergespannen. Stattdessen blinken sie an allen Ecken und Kanten ohne einen ernsthaften Plan abbiegen zu wollen. Ganze Galaxien mit Dekokampfsternen bevölkern Fenster und Türen, dass man sich nach schwarzen Löchern sehnt.  Und die jüngsten Generationen LED-Lichterketten winden sich um Bäume und Zäune, um Geländer und Strumpfbänder. Die winzigen Birnen wechseln ihre Farben im Takt eines opulenten Farbkastens von Pelikan.

Das Angebot in den Märkten lässt seit Wochen keine noch so absurden Wünsche mehr offen. Von laktosefreien Lebkuchen, über geothermisch in Dresden gebohrten Christstollen, von freilaufenden Nikoläusen in Bioqualität  und fair gehandelten Plastikweihnachtsbäumen aus biologischem Anbau, die per Knopfdruck knirpsschirmmässig automatisch zusammengeklappt werden können. Inklusive Lametta selbstverständlich! Optische und haptische Orgien von Pullovern, die vor Chemiefasern nur so knistern und auch die Motive einem alle Haare zu Berge stehen lassen. Die Luft ist hochschwanger sowie niederträchtig mit künstlichen Aromen geflutet, die zu unnützen Spontankäufen anspornen sollen. Zu wahren Höhepunkten animiert Amorellie. Mit Spielzeug für Erwachsene verspricht man be-sinnliche Weihnachten und amouröse Befriedigung in ansonsten kontaktarmen respektive abstandsvollen Quarantänetage. Flankiert von einem runtergeleierten Schallschwall abgedroschener, althergebrachter Weihnachtslieder, die uns den Restverstand verdudeln. Unzählige Kinder- und Kirchenchöre, sowie ganze Horden von Flötenorchestern bringen uns in Endlosschleifen die Flötentöne bei, ohne Rücksicht auf Verluste. Rentner schalten verzweifelt ihre Hörgeräte aus oder auf Durchzug. Leider ist uns auch der rettende Glühwein untersagt, der für eine milde Betrachtung gesorgt hätte. Es ist doch wieder eine gelungene, besinnliche Adventszeit. Nun können wir uns auf die Bereicherung durch die Jahresrückblicke freuen. Mir fällt dazu eher nix mehr ein. Wie dem auch sei. Frohe Wei(h)nachten!

Talk Shows

Seit Monaten quälen uns die Öffentlich-Rechtlichen mit Wiederholungen von Sokos und Schmonzetten aus den konservierten Perioden der Fernsehgeschichte. Im Sommer scheinen die Mittel für neue Produktionen eingefroren zu sein. Abwechslung bieten die unzähligen Talk-Shows mit den unvermeidlichen Mastern und Masterinnen zu den ewig aktuellen, zähen Themen. Gott sei Dank verübt ein Asylsuchender mal ein Verbrechen oder stürzt eine Brücke ein oder fordern die Bauern wieder Entschädigungen oder schänden die Gottesanbeter ein paar Kinder oder so, dann sitzen sie sich sofort ihre Expertenärsche in den Talk-Schlaus breit. Ist ja auch billiger als bildende Kultur! Manchmal werde ich den Eindruck nicht los, dass nur die Oberklugscheisser das Studio wechseln, die Experten bleiben einfach sitzen.

Eines der beliebtesten Schwalltalk-Themen ist das Kima. Das Wetter bot ja dieses Jahr grandiose Laberrunden. Anne Will startete neulich mit den Worten: „Ist es noch Wetter oder ist es schon Klima?“ Ein grandioses Entree! Schon mit der Definition lässt sich minutenlang gebührenpflichtige Sendezeit verschwenden. Anne Will oder treffender Anne will. Will heißen, sie will, aber kann sie auch? Allein das Posing ist allen Mode-Ratoren und Moderat-Orinnen auf den Leib geschneidert. Die intellektuell sehenswerte leichte Schrägstellung des Kopfes ist Stilmittel Nr.1, gepaart mit einem alles- gleichzeitig auch nichtssagenden Blick „Frei geradeaus ins Unendliche des Studioversums“. Gespickt mit solch genialen Statements wie: „Ist es noch Wetter…..?“. Donnerwetter!

Je intellektueller der Blick, frei geradeaus, die Teilnehmer in der Runde und die Teilnahmslosen vor dem TV ergreift, umso folgenschwerer trifft uns Stilmittel Nr.:2.

Es wird geradezu diabolisch ausgekostet – der Abbruch eines Gedanken mitten im Satz! Da steht es nun im Raum, das Satzfragment: Allen schauen ratlos drein. Die Länge der Sprechpause gewinnt von Sekunde zu Sekunde an Dramatik. Nach einem meist oberflächlichem Atemzug wird die sprachlose Pause abrupt und stilvoll beendet. Nachdem sich die Teilnehmer in der Runde und die Teilnahmslosen vor dem TV ihrer absoluten Unwissenheit bewusst geworden, oder in einen leichten Dämmerschlaf versunken sind, kann der Pausensprechen unmöglich nahtlos in seiner Gedankenwelt fortfahren. Was folgt ist die einmalige oder gar mehrmalige Wiederholung (wie bei den Sokos!) voran geäußerter Worte mit und ohne Zusammenhang. Gestattet mir, zum besseren Verständnis, ein niedergeschriebenes Beispiel: „Ist es noch Wetter oder ist……….(Pause)……..oder ist es schon Klima?“ Es könnte allerdings auch so zelebriert werden können: „Ist es noch Wetter oder ist……..(Pause)…….oder…….(Pause)……..oder ist es schon Klima?“

Wer hier nicht spätestens vor Neugier schier implodiert, der sollte lieber die Zweitausstrahlung der Soko Köln aus dem Domplattenjahr 2016 anschauen und sich fragen, ob in diesen 45 Minuten der Täter auch wieder innerhalb der Sendezeit gefasst wird. Nahtlos schließen sich die Werbeblocks an, die ihre wichtigen Verbraucherinformationen jede Atem- und Denkpause füllen.

Sollte einem Experten einmal ein zusammenhängender Satz entfleuchen, der wird bei Markus Lanz konsequent eingebremst. Er, Markus Lanz, ist der perfekte, smarte Unterbrecher vor dem Herrn und der Frau. Er, Markus Lanz, zwingt jeden zu Satzfragmenten. Wann und wo er, Markus Lanz, es will. Ob es passt oder nicht. Selbst relativ neutrale, unbefangene  Zuhörer merken augenblicklich – hier stimmt was nicht! Der hoffnungslos Überforderte, in ganzen Sätzen Sprechende wird unvermittelt und unvorbereitet mit dieser Situation, dieser Gedanken-Sollbruchstelle konfrontiert. Und mit welchem bisher unausgesprochenen Gedanken soll er dann fortfahren? Vorausgesetzt er kommt überhaupt noch einmal zu Wort. Und lässt er, Markus Lanz, ihm dann ausreichend Zeit seine Gedankenspiele in Gänze loszuwerden? Oder fällt er, Markus Lanz, ihm schon beim ersten Luftholen erneut ins Wort? Es ist nicht einfach in so einer Talk-Show.

Sollte nun wirklich gar keine Katastrophe, aber auch wirklich gar keine, die Runden der Talk-Shows beleben, hätte ich evtl. ein paar Dauerbrenner beizusteuern. Wie wäre es mit den katholischen Kinderschändern in äh……..(Pause)…..in äh den USA? Oder unmittelbar….(Pause)…..vom der eigenen Portal? Oder, wenn wir schon bei den Scheinheiligen sind: Sind Katholiken Kannibalen? Denn wie sonst wäre der Spruch anlässlich der Kommunion zu erklären: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib…….(Pause)…..nehmet hin und trinket, das ist mein Blut.“ Na dann Prost Mahlzeit!

Genial sind auch die Expertenrunden zum Thema Sport. Besonders zum Fußball. Die Themen gehen hier nie aus. Irgendeine Mannschaft gewinnt immer. Eine andere verliert überraschend. Tausend Einwürfe jeden Pass, jedes Foul, jedes Tor, jeden Thor in epischer Breite abzugrätschen. Hier würden übrigens Wiederholungen keinem auffallen. Die beeindruckende Leistung besteht für mich darin, nach jedem Spieltag den gleichen Senf mit großer Ernsthaftigkeit über die Mattscheibe flimmern zu lassen. Andernfalls, was würden ohne diesen Talk unsere Dauerbrenner Lodda, Stinkefinger Effe und Teflon Wontorra sonst sinnloses anstellen? Lodda könnte noch mal heiraten, Effe könnte Trainerstatement nacheffen und Wontorra könnte nix anbrennen lassen. Darüber ließe es sich dann wieder bei Anne Will oder Markus Lanz……(Pause)… vortrefflich ereifern.

Jaja, was waren das noch für goldene Zeiten, in denen Werner Höfer sonntags zur besten Mittagszeit den „Internationalen Frühschoppen mit sechs Journalisten aus fünf Ländern“ moderierte? Mit Format! Hier rauchten nicht nur die Köpfe.

Vernissage

Die Sichtweise auf bestimmte Ereignisse liegt immer im Auge des Betrachters. Da es von mir nicht unbekannt ist, dass ich stets eine spezielle Interpretation bevorzuge, möchte ich auch hier und heute meine eigene Reflektion auf die Vernissage gestern zu Papier bringen.

Vorweg bemerkt: Es ist mir ein besonderes Bedürfnis ein paar persönliche Worte über den Schaffenden zu verlieren. Als Mensch, Freund und Künstler kenne und schätze ich Axel Bleyer überaus und bewundere seine Arbeit und seine Arbeiten. Die Artefakte seiner aktuellen Ausstellung sind absolut sehenswert. Ein lohnender Blick auf seine beeindruckenden Bilder war uns vergönnt. Kreativität gepaart mit perfektem handwerklichem Können und einem sicheren Gespür für den richtigen Zeitpunkt etwas Außergewöhnliches auszulösen.

Zurück zum eigentlichen Geschehen. Es war eine weise Entscheidung ein wenig eher die Galerie aufzusuchen, um in Ruhe die Werke betrachten zu können. Trotz TV-Primetime fanden sich bei Zeiten Familie, Freunde und eine große Schar kulturaffiner Bürger in der Städtischen Galerie ein. Der und die ein oder andere hatten sich prächtig herausgeputzt, einige wenige hätte wenigstens ihr Schuhwerk putzen können. Aber die Kunst ist für alle da. Auch für, die sehen und nicht nur gesehen werden wollen.

Zur Begrüßung hatte sich die Oberbürgermeisterin persönlich auf die Einladung setzen lassen. Ich war angenehm überrascht, welch` passende Worte sie gewählt, dem erwartungsvollen Publikum darbot. Jaja, die Sprache der Kunstaffinen ist beileibe keine geläufige. Es stellte sich jedoch alsbald heraus, dass die passenden Worte buchstabengetreu so in der Einladung zu finden waren. Wahrscheinlich von des Meisters Hand höchstpersönlich verfasst. Augenblicklich geisterte mir Karl-Theodor zu Guttenberg durch den Kopf, dem einstigen Haargel- und Hoffnungsträger der unchristlichen unsozialen Union. Der Adel war ohnehin im deutschen Parlament unterrepräsentiert. Mir fallen im Moment lediglich Alexander Sebastian Leonce, Freiherr von Wenge Graf Lambsdorff, kurz Graf Lambsdorff, Konstantin von Notz, Beatrix von Storch und M. von Würselen ein, und natürlich der Hochadel aus Niedersachsen: Flinten Uschi, Ursula von der Leyen. Die Herrin über ein Heer von Freiwilligen und dem größten militärischen Schrotthaufen aller Zeiten. Das Gerede fand trotz meiner gedanklichen Fremdgänge seine Fortsetzung und die Frau OB reichte das Wort sinnbildlich an Herrn Prof. Dr. Dingenskirchen weiter. Übrigens schneller als im weiten Rund befürchtet.

Dem Lehrkörper der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe widme ich zwei eigene Absätze. Als beredeter Laudator ließ er es sich nicht nehmen darauf hinzuweisen, dass er gerade an einem Buch arbeitete, welches sich überraschend mit dem Thema Kunst beschäftigte. In Karlsruhe bereitet er seine Studenten auf ein Leben als Künstler, Laudatoren oder Taxifahrer vor. Er ergriff sogleich beherzt das dargebotene Wort. Ohne großen Prolog kam er direkt zum Thema und auf die staunenden Besucher regnete ein Schatz von bisher ungehörten Worten nieder. Deren Münder wuchsen in Dimensionen, die einer Zahnbehandlung zur Ehre gereicht hätten. Andere zogen sich gekonnt in ihr inneres Ich zurück, was erfahrungsgemäß mit geschlossenen Augen nahezu perfekt gelang.

Normalerweise reicht dem erwachsenen Erdenbürger im Alltag ein Wortschatz von ca. 400 Wörtern. Der durchschnittlich gebildete Sprecher verfügt über ein Depot von 4.000 bis 10.000 Wörter und Johann Wolfgang von(!) Goethe gar von 80.000. Andererseits kommt ein amerikanischer Präsident spielend mit 280 Zeichen aus! Die Wortgewalt des Prof.Dr.Dingenskirchen hingegen übertraf alle Erwartungen. Mein zunächst gehegter Gedanke, die Unbekannten später zu googeln, scheiterte bereits zu Beginn des zweiten Absatzes mangels ausreichend Speicherkapazität. Ich ließ es einfach geschehen und fand mich mit der Schmach ab, als Unwissender unter der staunenden Menge mein jämmerliches Dasein zu fristen. Plötzlich und unerwartet für alle Anwesenden endete die Laudatio. Waren ihm die Worte ausgegangen? Oder zeigte er ein Einsehen mit den offensichtlich hoffnungslos überforderten Kleingeistern?

Wie dem auch sei. Jetzt schlug die Stunde der üblich verdächtigen Intellektuellen. Im Nu fand sich der Kreatör und Wortschöpfer umringt von Bewunderern (ich erspare mir die beiden verbleibenden, politisch korrekten Genderansprachen. Man möge es mir verzeihen!), die ihn umgehend mit intelligenten Fragen löcherten, um ihren schier unendlichen Wissensdurst zu löschen. Der Großteil der kunstaffinen Anwesenden löscht dagegen seinen Durst am Buffet(t) mit einem Gläschen Prosecco.

Zu guter Letzt: Möge dem kunstschaffenden Lichtbildner der kreative Blick erhalten bleiben, damit er uns noch viele bildschöne Artefakte präsentieren kann!

Lang lebe der Tod

Nein, nein, die November-Depri hat nicht ihr erstes Opfer gefunden! Der Nach-richter war auf einem Konzert, von dem ich einfach berichten muss. Und meinen Titel habe ich lediglich vom Konzert-Titel abgekupfert. Ja, ich war als sicher ältester Fan ever auf dem Konzert von Casper in der Stuttgarter Porsche-Arena. Freiwillig, auch wenn ich auf der persönlichen Gästeliste des Gitarristen von Casper stand. Jaja, Beziehungen sind einfach alles. Und hoffentlich habe ich noch ein paar Mal Gelegenheit dazu, denn es war richtig klasse!

Casper ist (lt. Stuttgarter Nachrichten) der: „..derzeit wohl erfolgreichste deutsche Pop-Musiker, der die größten Hallen füllt….“ Der Stil, ein Mix aus Hip-Hop, Rock und Pop. Gefällt sicher nicht jedem, aber mir! Egal. Nach-richten-swert ist allemal das Drumherum. Da bin ich als Grufti dann doch nicht mehr so am Start. Obwohl, es waren nicht ausschließlich Zahnspangen unter den ca. 10.000 textsicheren Casper-Fans. Außer mir, soweit geht die Liebe nun doch nicht.

Samstag, am späten Nachmittag nach Stuttgart fahren ist auch nicht gerade prickelnd. Besonders wenn parallel der Zirkus Krone gastiert, die Wasen noch tagt und die Läden bis 24:00Uhr geöffnet haben. Das Christkind lässt bereits grüßen. Von Stammheim bis zur Porsche-Arena haben wir genauso lange gebraucht, wie von Nonnenweier bis zur P.A.. Wir, will heißen, Sohn nebst Freund. Altersgerechte Fans. Als erfahrener Ex-In-der-Weltgeschichte-Rumkommer wusste ich natürlich wo die besten Parkplätze sind. Nur Geduld war angesagt, aber das sollte sich auf der Heimfahrt bezahlt machen. Bezahlt, im wahrsten Sinne des Wortes, denn das perfekte Parken hat seinen Preis. Aber wir haben es ja! Ruck zuck an die Kasse, den Blues abgedrückt, dass wir auf der Gästeliste stehen, Ausweis als Beweis vorzeigen, Top-Kärtchen empfangen – fertig. Die Mädels hinter uns waren schon ganz aufgeregt und wollten wissen, wie man denn an solche Karten kommt. Wir haben mangels besserer Idee den Pressebonus angeführt. Offenbar gaben sich die Mädels damit zufrieden, bewunderten aber weiterhin unser Glück für solche Plätze.

Ich reihte mich in die Schlange der Leibesvisitationen ein. Meine Priorität lag auf der Absperrgitter-Allee, an deren Trichter eine nette junge Frau mit geübten Handgriffen nach Was-weiß-denn-ich fahndete. Trotz privilegierter Karte wurde ich in die Absperrgitter-Allee nebenan umdirigiert, wo mich ein grobschlächtiger zwei mal zwei mal zwei Meter Mann aus allen Fantasien riss. #Metoo hatte sich bis Schwaben herumgesprochen und galt offensichtlich auch für das männliche Geschlecht. Mann kann eben nicht alles haben! Jetzt kurzer Rückruf bei unserem Gönner, ein quasi Familienmitglied, und die Warteposition am Fanartikelstand beziehen. Michael, unser Gönner und Gitarrist ließ nicht lange auf sich warten. Mit ein paar Bierchen zur Einstimmung.

„Das ist doch…ist das nicht… schau mal wer da steht…kann ich ein Selfie machen (früher stand man stundenlang für ein Autogramm an), bist du das auf dem Bild hier?, meine Freundin hat dich erkannt…….“ wir verschoben unser privates Gespräch auf das nächste Familienfest in Ostwestfalen. Auch nach dem Konzert war ein Treffen nicht günstig, denn mit fünf eigenen Night-Linern ging es gleich weiter nach Berlin zum nächsten Auftritt.

Wir bezogen unsere Plätze, mussten aber noch die letzten Klänge einer Vorgruppe ertragen. Von herausgehobener Position hatten wir perfekten Blick auf die tosende Masse und die Bühne  sowieso. Allen Unkenrufen zum Trotz, das Konzert begann überaus pünktlich. Kaum wurde das Licht in der Arena gedimmt, verstummte das allgemeine Gemurmel und ein frenetisches Gejohle brach aus. Zeitgleich mit einem Tinnitus-Anfall. Und es war noch keine einzige Note gespielt! Ich hatte irgendwie vergessen, wie durchdringend laut so ein Konzert sein kann. Der Pegel steigerte sich noch einmal drastisch beim ersten Klang der Instrumente und noch einmal als Casper die Bühne rockte. Die Ohrstöpsel von Formel 1 Rennen hätten garantiert für ein wenig Dämpfung gesorgt. Ein wenig!

Casper hatte die 10.000 textsicheren Brüller total im Griff. Er kasperte auf der Bühne von einem Eck ins andere. Und wenn er sie alle hopsen sehen wollte, dann hopsten alle, und streckten den Effe-Finger in die Höhe, wenn er ihn sehen wollte. Zu meiner Überraschung wussten alle welchen der zehn Finger er sehen wollte. Ohne auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren! Überrascht hat mich ebenso, wie viele Zuhörer und Mithopser doch Sitzplätze gebucht hatten, obwohl sie zwei Stunden ausschließlich standen oder eben hopsten. Neben der Lightshow sorgten tausende von Smartphones für ein stakkatomäßiges Blitzlicht-Gewitter. Der dazugehörige Donner prasselte bauchfellbebend unaufhörlich aus den Trommeln und Gitarren. Besonders der Pfänderbass ließ die Mitte des Körpers zwei Stunden vibrieren.

Ein Mix aus den besten Songs aller Alben begeisterte die hopsende Schar. Auch mein Lieblingslied war dabei: Perfekt. Wie der Titel schon sagt. So pünktlich wie es  begonnen hatte, so pünktlich endete das Konzert. Die Ruhe war wohltuend aber irgendwie unerwartet. Der kurze Weg zum Auto war ja geplant, und so gelang es uns vor allen die Landeshauptstadt zügig zu verlassen. Auch A8 und A5 boten freie Fahrt für freie Bürger. Ohne einen Zwischenstopp bei Burger King wären wir noch am Samstag wieder in Nonnenweier gewesen.

Abendgrauen

Zugegeben, ich berufe mich gerne auf die Wissenschaft. Ist sie doch sehr wahrscheinlich die einzige zuverlässige Komponente in dieser merkwürdigen Zeit. Wenn auch das Trumpel im Weißen Haus manchen wissenschaftlichen Erkenntnissen keinen Glauben schenkt. Und können sich so viele Millionen US-Bürger, die ihn gewählt haben, irren?! Schließlich ist die überwiegende Mehrheit  als Wirtschaftsflüchtlinge europastämmig. Also aus Ländern, denen man eine gewisse Kultur nachsagt. Haben sie doch anerkannte Koryphäen aus Kultur und Wissenschaft hervorgebracht.

Genug der Vorrede. Uneinigkeit jedenfalls herrscht unter allen Gelehrten, ob nun das Abendgrauen vor dem Morgengrauen war – oder umgekehrt. Hier lassen sich gewisse Parallelen zum Huhn und dem Ei nicht verleugnen. Wie dem auch sei. Auf jeden Fall überfiel mich das Abendgrauen neulich in einem Restaurant plötzlich und völlig unerwartet in Persona des Stefan Mross! Nahm er doch mit schmückendem Beiwerk und seinem Hofstaat am Nachbartisch Platz. Wie bitte? Ihr kennt Stefan Mross nicht? Den Sonntags-Vormittags Fernsehgärtner aus dem ZDF? Macht gar nichts! Zur Erklärung: Die Fernsehgemeinde unterteilt sich in vier Gruppen:

  1. Die jungen Seher. Diese schlafen zu den Übertragungszeiten noch tief und fest. Somit bleibt ihnen das Morgengrauen (in diesem Fall) erspart.
  2. Die mittlere Generation. Sie walken oder joggen zu dieser Tageszeit, nachdem sie sich bewusst glutenfrei ernährt haben.
  3. Die Nachkriegsgeneration. Hier steht Mutti, nach dem Kirchgang, am Herd, und bereitet das Sonntagsmahl vor. Sollte es an einem Zweitfernsehen in der Küche mangeln, entgeht auch ihr diese bedauernswerte Sendung.
  4. Die älteren Bürger haben die Muse sich dem Programm hingebungsvoll zu widmen. Ihnen wird das Sonntagsmenü per Kurier unmittelbar auf den Esstisch geliefert. Diese Klientel ist die treueste aller Treuen.

Bemerkenswerter Weise stammen etliche weitere Selbstdarsteller wie Stefan Mross ausnahmslos aus Alpenländern. An dieser Stelle sei nur auf die Barden Florian Silbereisen und Hansi Hinterseher verwiesen. Der eine oder andere mag dem einen oder anderen geläufig sein.

Apropos geläufig: Werfen wir gemeinsam einen Blick auf das schmückende Beiwerk. Einige Lenze jünger als St.M. (in diesem speziellen Fall sind die Initialen bitte nicht mit Sankt Martin zu verwechseln! Oder sollte ich besser S.M. verwenden? Obwohl diese aber auch falsch interpretiert werden könnten.), mehr oder weniger gehüllt in ein Kleidchenchen, dessen Materialkosten gen Null tendieren. Das Kleidchenchen war schlicht und rot, das schmückende Beiwerk schlicht und blond. Den oberen Saum schmückte ein weißer gehäkelter Bord, wie sie uns aus hölzernen Sennhütten bekannt sind, wo solche Schmuckstücke die Küchenfenster zieren. In beiden Anwendungsfälle gestatten sie einen ungetrübten Blick auf prachtvolle Alpenpanoramen. Während die einen durch Verschiebungen der tektonischen Platten vor Jahrmillionen entstanden sind, erhoben sich die anderen unter fachmännischer Hilfe modernster Chemie. Die beiden unteren Enden des schmückenden Beiwerks waren in Plateausandalen festgezurrt, die das schmückende Beiwerk auf ein körperlich höheres Niveau hievten. Körperlich wohlgemerkt! Bei dem Anblick überfielen mich Panikattacken, da ich extrem unter Höhenangst leide. Mit unsicheren, ungelenken Schritten bewegte sich das schmückende Beiwerk gelegentlich zwischen Tisch und „Stuhl“.

Im Hofstaat befanden sich außerdem zwei erwähnenswerte Personen. Unter anderem offensichtlich eine Kameraassistentin, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen, wenn sie ab und an unbeabsichtigt durchs Bild huschen. Unschwer auszumachen an der für Kameraassistentinnen unvermeidlichen Kleidungsstücken aus natürlich nachwachsenden Rohstoffen, fair hergestellt und umweltfreundlich transportiert. Sie erinnern an Ökos, deren Pullover aus diversen ausgeleierten Socken bei einem Tütchen gestrickt wurden, und Jahre später aus den unverfilzten Resten erneut zu solchen reanimiert wurden. An den Füssen die altgedienten, klassischen Jesussandalen.

Zur Rechten von St.M. lungerte ein ganz in weiß gekleidetes Individuum. Von seinem Hemd waren die obersten vier Knöpfe geöffnet, zum Vorschein kam eine grobgliederige Kette an der ein schweres Kreuz hing. Ob die gebeugte Haltung der Schwere des Materials geschuldet war bleibt unerforscht. Das Pendant zur Kette zierte das rechte Handgelenk, während eine Uhr im Format einer Kirchturmuhr für den statischen Ausgleich am linken Gelenk sorgte. Offensichtlich der Manager.

Die restlichen Personen entsprachen durchaus ganz normalen Durchschnittsbürgern.

Ach ja: Über St.M. selbst gibt es nun wirklich nichts Aufregendes zu berichten. Abendgrauen eben.

Erlitten und beobachtet an einem eigentlich herrlich warmen Frühlingsabend, dem 28. Mai 2017.

 

 

 

 

Aschermittwoch

Frohe Kunde im Lande: Die Narren haben ihre Schuldigkeit getan. Leider nicht alle. Wenn man die Tageszeitungen aufschlägt, sind die Seiten voller Verrückter. Es dominieren partiell natürlich die Hästräger, aber die Anzugträger gewinnen zusehends wieder die Oberhand. Sie sind im realen Leben leider nicht am Aschermittwoch zu begraben, oder als Hexen zu verbrennen. Der Wunsch bleibt Vater des Gedanken.

Paradox, dass sich sogar in der sogenannten fünften Jahreszeit die Narren über die Narren lustig machen, und die Narren über die hintergründigen Witze und Zoten der Narren lachen. Der Unterschied zwischen Narren und Narren ist folgender: Die wahren Narren müssen wir nur über einen definierten Zeitraum ertragen. Sie sind nach einem genauen, festen Zeitplan verrückt. Sie tragen Strumpfhosen und rote Schühchen (wie der Papst!), trinken unmäßig Alkohol, hopsen wie aufgezogene, trommelnde Spielzeughasen herum, quälen uns mit mehr oder weniger gelungenen Reimlingen, schneiden den Anzugträgern die Krawatten ab, plärren merkwürdige Schlachtrufe, ziehen mit Händen auf den Schultern der Vorderleute durch Gemeindehallen, und bewerfen sich mit bunten Papierschnipseln. Ist der Spuk vorüber werden Heringe gegessen und anschließend gefastet.

Die dauerhaften Narren erhöhen erst einmal ihre Diäten, kaufen sich neue Krawatten, ihre Büttenreden reimen sich nicht – man kann sich sogar keinen Reim darauf machen. Sie sind inhaltslos und man kann so gar nicht darüber lachen. Manchmal wünsche ich mir, dass sie lieber auch eine Polonaise durch Bundestag und Europarat veranstalten, dann wären sie wenigstens sinnvoll beschäftigt. Achtung: Kopfkino! Jetzt, so kurz vor den Wahlen werfen sie anstelle von Kamellen verbal virtuelle Steuergeschenke unters Volk. Irgendwie auch olle Kamellen. Aber diese Drops sind wieder schnell gelutscht. Wenn am Wahltag die Lokale schließen hat jeder gewonnen, und die Steuergeschenke waren eben nur Versprechen. Kann ja mal passieren. Kommt erst in vier Jahren wieder vor. Versprochen!

Spontan kommt mir ein Gedanke: Könnte man nicht die beiden Narrengruppen gegeneinander austauschen? Mal auf Probe! Wäre doch einen Versuch wert. Die einen könnten so viel Blödsinn reden wie sie wollen, und die anderen sind ja ohnehin schon in den Rathäusern. Man könnte anstelle der PKW-Maut eine Maut auf die Polonaisen erheben. Ein kräftiges Prost auf eine Promille-Steuer. Schlechte Reimlinge sollten mit Haft in einem Narrenkäfig geahndet werden. Das Dreigestirn wird für sondierende Gespräche in die USA, die Türkei, nach Ungarn und Polen entsandt, um den größten Narren den Orden „Wider den demokratischen Ernst“ zu verleihen. Alle Lobbyisten sollten an den Pforten des Bundestages Lollies statt Zuwendungen verteilen. Ach, wie schön könnte der politische Alltag doch sein! Buntes Treiben statt grauer Tristesse. Hästräger statt Hosenträger. Papierschlangen statt Papierstapel. Motivwagen statt Dienstwagen. Törö statt Trara.

Nun kommen wir wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Schade. War gerade so schön im Flow. Saure Herringszeit ist angesagt. Wenigstens verschwinden die Pappnasen aus der Presse. Jetzt bleiben uns nur noch die anderen Narren. Hm.

Obwohl, uns beglückt ja gelegentlich eine weitere Gattung von Maskenträgern. Die selbsternannten Prominenten. Auf dem roten Teppich zum Oskar ließen sie sich bestaunen wie die Affen im Zoo. Magersüchtige Damen, zum Teil in Naturdarm gepresst, wandeln auf dem Catwalk der Eitelkeiten. Ein wahres Botoxfestival. Ein Schaulaufen für Silikonprodukte vorn und hinten. Garantiert unbiologisch gehaltene, freilaufende Klamottenständer aus natürlich nachwachsenden Rohstoffen. Hofnarren der Verblödungsindustrie. Hofiert von vernarrten Fans und Sponsoren.

Uns bleibt aber auch nichts erspart. Narri!

Aschermittwoch 2017

 

 

Au Weih-Nachtsmarkt

Wenn sich die letzten Vogelscharen nach Süden verzogen haben, fallen die Weihnachtsmärkte ein, wie eine biblische Plage über Städte, Gemeinden und Dörfer. Vergleichbar mit den Heuschrecken, die die ägyptischen Hirsefelder regelmäßig heimsuchen. An hoffnungslos zugeparkten Straßen und Gassen erkennt man: Hier findet ein Weihnachtsmarkt statt. Und endlich macht sich auch der SUV bezahlt, da es sich nicht vermeiden lässt, auch einmal auf einem unbefestigten Seitenstreifen parken zu müssen.

Bunte LED-Lichterketten künden schon von Ferne das nahe Inferno an. Unsere lieben Kleinen werden zu unserer Beruhigung umgehend mit einem Laserschwert bewaffnet, mit dem sie ununterbrochen in der Menge herumfuchteln. Zwischen all den Beinpaaren werden auch Vierbeiner ohne Rücksicht auf Verluste herumgezerrt. Die verängstigten Tiere wissen gar nicht in welche Wade sie zuerst Beißen sollen. Selbst ein freundschaftliches Schnüffeln am Hinterteil eines Leidgenossen fällt dem hektischen Treiben zum Opfer.

„Hallo, seid ihr auch auf dem Weihnachtsmarkt?“ Grüßen nach ein paar Metern die ersten Bekannten. Die Antworten sind ebenso genial: „Nein, wir gehen erst morgen“, oder, wahrheitsgemäß „Wir sind gerade erst gekommen“. Wie Krimis im Fernsehen, so wiederholt sich dieses Ritual mit jedem weiterem Vordringen – ohne irgendwelche Nuancen bei den Gesprächsthemen.

Das Schöne an Weihnachtsmärkten sind ohne Zweifel die Düfte. Von Anis bis Zimt sind sie allerdings ausschließlich in Form von Duftkerzen zu erschnüffeln, welche die fantasievollen Bezeichnungen tragen, wie: Adventszauber oder Weihnachtstraum oder X-Mas-Taste. Traditionsbewusste Duftkerzenanbieter tendieren gelegentlich auch zu Bratapfel oder Lebkuchen oder so. Diese Köstlichkeiten selbst wurden jedoch auf dem Altar des schlechten Geschmacks geopfert. Döner und Pizza animieren mit Knoblauch und allerlei exotischen Röststoffen zum Verzehr. Rostbratwürste konnten sich erstaunlicher Weise nach wie vor behaupten – vegetarisches Tofugullasch und vegane Labberlinge bereichern das Niveau des Speisenangebotes leider abschreckend. Wer glaubt, der klassische Weihnachtspunsch sei das kulinarische Highlight, der irrt gewaltig. Roter und Weißer Glühwein, verfeinert mit den Resten aus der Café-Freiluftsaison wie Amaretto, Cointreau oder mit einem Hauch von Orange bringen die Wangen zum Glühen. Und für unsere Hardcoretussen wird selbstverständlich Grüner Tee, Ingwertee und Kompositionen von Bachblüten aufgebrüht. Oh du Fröhliche!

Bei den Sortimenten des Schreckens rangieren die selbstgestrickten Socken ganz oben in den Weihnachtsmarkt-Charts. Und zwar deutlich vor den Namensschildern und Hausnummern aus Salzteig! Und wer einmal das Leuchten in den Augen von Müttern, Schwiegermüttern und Omas gesehen hat, der erkennt auch den Grund für diese Pole Position. In unzähligen Farbvarianten, ob uni, genderneutral, meliert, gestreift oder kunterbunt – Hauptsache sie trotzen Väterchen Frost. Vorbei sind die Zeiten der kratzenden Wollen, die Generationen von Kindern an den Rand des Wahnsinns getrieben haben. Und vorbei sind die Zeiten, in denen alte Pullover aufgezogen wurden und einen neuen Sinn in einem Paar Socken gefunden haben. Der Fußschweiß sorgte für rasches Verfilzen, was ihre isolierende Wirkung jäh reduzierte. Doch das Repertoire Wollwohlfühlartikel beschränkt sich keinesfalls auf Socken. Schals, mit und ohne Enden, Mützen und Kappen, Handschuhe, mit und ohne Finger, Eierwärmer und allerlei weiteres Unnützes zeigen den ganzen Ideenreichtum der Strick Liesels. Begeistert haben mich auch die Shorts mit ihren lustigen Weihnachtsmotiven. Nikoläuse, Tannenbäume, Christbaumkugeln, Knecht Ruprechts mit Sack und Rute verzieren das Darunter mit und ohne Eingriff. Ihr Kinderlein kommet!

Sobald besorgte Helikoptereltern ihren Nachwuchs in Richtung SUV zerren, erscheinen die ersten Singles. Man erkennt sie sofort an ihrem weihnachtlichen Outfit. Nikolausmützen, Mützen mit Blinklichtern anstelle der althergebrachten Bommel oder Alpakakappen mit Elchgeweih zieren ihre Häupter. Ungeachtet aller Köstlichkeiten und erwärmendem Strickwerk steuern sie zielstrebig den Glühweinständen zu, von dem sie sich im Laufe des Abends nur kurz zum ToiToi verabschieden. Der Andrang auf die heißen Köstlichkeiten führt nicht selten zu Verwirrungen des ungeschulten Personals. Die Ausgabe von Pfandmarken bei größeren Bestellungen, der Tausch der Gläser und Tassen „alt gegen gefüllt neu“ und fehlendes Wechselgeld lassen leichte Panik aufkommen und die hektischen Flecken im Gesicht sind keinesfalls auf den Genuss des Pansches zurückzuführen. Bedeutend ruhiger und entspannter geht es bei der Bewirtung in Einwegbechern zu. Platzsparend ineinander gestapelt gibt nur der Verbrauch des schwindenden fossilen Rohstoffes Anlass zur Sorge. Für die Entsorgung ist vorausschauend gesorgt. Alle Jahre wieder!

Adventliche Stimmung beschert uns auch die Beschallung aus Aktivboxen unter Einbeziehung von Blue Tooth. Aus jeder Bude plärren wechselweise Kinderchöre, gemischte Kirchenchöre und Flötenspiel im Einzelvortag oder Gruppen. Gelegentlich hört man auch ein zartes Glockenspiel. Die engelsgleichen Weisen gehen leider im all-gemeinen Singsang unter. Ich stelle mir ernsthaft die Frage, ob nicht doch Helene Fischer, Xavier Naidoo oder Peter Maffei eine wohltuende akustische Abwechslung wären. Ich verwerfe den Gedanken dann aber doch recht bald wieder zu Gunsten eines weiteren Glühweins (weiß) ohne Schuss. Schluss!

Frohe Weihnacht!

Auslegware

Es begab sich abermals, da war ganz Deutschland bedeckt mit Auslegware. Sie bot Pilzen, Bakterien und Milben ein gemütliches Zuhause. Und die Vorwerke dieser Welt vermochten ihnen nicht Herr zu werden. Allergien machten sich breit und die geplagten Hausfrauen klagten über raue Hände. Alsbald hielt eine saubere Erlösung Einzug in die gutbürgerlichen Stuben – das Laminat war erfunden. Und die Hersteller der Auslegware haderten mit dem Verlust ihrer Einkommens-Quelle. Da ersann ein findiges Menschlein eine List. Es erfand die Awards! Und auf wundersame Weise stieg die Nachfrage nach altherkömmlicher Auslegware exorbitant. Die Fokussierung auf rote Meterware brachte, durch wöchentlichen Bedarf, bei jeder Witterung und in allen Metropolen dieses Laminats dominierten Welt das ersehnte Klingeln in die Kasse.

Mit den Awards erwachte auch das Leben auf der roten Meterware. Nicht Pilze, Bakterien und Milben nisteten sich ein, sondern international erfahrene Mitesser und hoch ansteckende Bazillen.

Die Weibchen, putzen sich heraus, als gebe es kein Morgen mehr. Es gilt die Faustregel: Mit der Zunahme des Alters nimmt die Tiefe des Ausschnittes ab. Wobei die Ausschnitte sich nicht trivial ausschließlich auf den Klassiker, das Dekolleté beschränken. Rückseitig bis zum oberen Ansatz der fünf Buchstaben. Auf der entgegengesetzten Partie, auf der Frontseite der Garderobe, fast bis hinauf zum Dekolleté. Aber nur fast, weil ansonsten der mechanische Halt wider der Erdanziehungskraft versagen würde. Und schließlich in den Seitenansichten von der Achsel, bzw. im niedrigsten Fall einer Handbreite über dem Knie, bis zum  Beckenknochen. Gerne sieht man bei den geifernden Betrachtern auch transparente Applikationen, die das Wesentliche zur Einsicht freigeben. Gesponsert von plastischen Chirurgen, den Herstellern von Implantaten und den Lieferanten von Häuchen von Nichts.

Die Männchen kommen dagegen einfach und schlicht daher, maßgeschneidert zum Gemüt. Sie brüsten sich mit den Silikon-Oberweiten ihrer Begleiterinnen, die, wie gesagt, mit Häuchen von Nichts erahnen lassen, wie der kosmetisch-medizinische Eingriff plastisch der Natur und Physik unter die Arme gegriffen hat. Nicht zu übersehen sind auch die Anstrengungen, aus Lippen Schlauchboote zu formen. Faltenbügelautomaten von Bauknecht (Bauknecht weiß, was Frauen wünschen!) sind der Renner. Sie sind neben der roten Auslegware die heimlichen Gewinner. Auf Rang zwei des Must have rangieren Akkuepilierer, die sowohl für die Beine, als auch für die Region oberhalb der Schlauchbootlippen geeignet sind. Ob sie des Weiteren im gebleichten oralen Bereich eine zweckmäßige Anwendung finden können, ist nicht überliefert. Gerüchten zufolge allerdings ja.

Perfekt einstudiert stellen sich auch die Posen dar. Die zur Schau gestellten Schokoladen-Seiten gewähren den fotogensten Einblick auf die Resultate kosmetisch chemischer Eingriffe. Die Ellenbogen in der Hüfte, leicht nach vor gedreht, den Kopf lasziv zur Seite geneigt, das Bein zum Stolpern neckisch nach vorne / bzw. seitwärts auswärts ausgefahren. Ein dämliches Dauergrinsen a la Uschi von der Leyen – und das leblose Gebilde ist perfekt. Nach der Verunstaltung müssen sich einige Probanden Not-Operationen unterziehen, um einen halbwegs menschliches Antlitz wieder zu erlagen.

Parallel zu den roten Meilen der Eitelkeit verlaufen stabile Gatter. Wer hier vor wem geschützt werden soll ist auf Nachfrage der Ordnungshüter strittig. In Zoos z.B. ist die Rollenverteilung weitgehend geklärt. In diesem speziellen Fall tendiere ich zu einem nachvollziehbaren Urteil: Auf Grund der Artenvielfalt zwischen den Gattern werden sicher die Zuschauer vor den Lackaffen, den Bordsteinschwalben und Pfauen, den Partymäuschen und Stinktieren geschützt. Stellvertretend seien die unvermeidlichen Till Schweiger, Veronika Verres, Uschi Glas, Udo Walz geprangert. Eine umfängliche Liste würde absolut jeden Rahmen sprengen.

Andererseits sei die Frage gestattet: Was um Himmels Willen veranlasst mündige Bürger sich hinter diesen Gattern zu versammeln, kreischend, geifernd, einem Kollaps nahe, sich zu gebärden wie pubertierende Zahnspangenträger? Oder eine Rotte Brüllaffen vor der Fütterung ihres Wärters? An dieser Stelle enthalte ich mich dezent.

Der Vollständigkeit halber sei ergänzt, dass der Begriff des „Auslegens“ neben Teppichen und Laminaten auch bodenständige Bedeutung haben können.

  • Man kann einer vertrauenswürdigen Person in einer Notlage ein paar Euro auslegen, um ihnen aus einer misslichen Lage zu helfen.
  • Man kann Waren in die Auslage bringen. Beispiel modische Kleidung an Menschen ähnliche Figuren zu hängen. Oder Kohlköpfe in Holzkisten auf dem Markt. Wobei die Differenzierung nach Bio Wurst ist.
  • Man kann Begriffe auslegen. Wie zum Beispiel den Begriff: Auslegen.