Ostwestfalenlippe (OWL), besser bekannt unter der Bezeichnung „gelobtes Land“, hat neun nach Christus nicht nur den tapferen, heldenhaften Bezwinger der Römer hervorgebracht, sondern in den Jahrhunderten auch Persönlichkeiten, die nie das elektrische Rampenlicht der Öffentlichkeit erblickt haben. Obwohl sie es weiß Gott verdient gehabt hätten. Ihnen zur Ehre möchte ich hier und heute eine Geschichte erzählen, deren Zeitzeuge ich sein durfte.

Mitten in OWL, unweit der Stadt die es eigentlich nicht gibt, Bielefeld, liegt Herford, meine Geburtsstadt. Im Zentrum von Herford hat sich das Kaufhaus Klingelthal ausgebreitet, dem Mekka modebewusster Ostwestfalen. Die dekorative, animierende Gestaltung der Schaufenster lag in den kreativen Händen der sogenannte Schmücker Willi und Kalla. Dem Herrn Sale gehörte damals noch nicht die bunte Vielfalt der Geschäfte aller Einkaufsmeilen. Und Sale hieß noch WSV oder SSV oder so. Der Schmücker Willi hieß Willi, weil sein Vater Willi hieß und Kalla hieß im richtigen Leben einfach nur Karl. Außerdem gehörte Barny zur Clique und eben ich. Barny hieß übrigens Michael und war langzeitleiert mit Petrilein, die in besonders brennzlichen Situationen auch gerne mit dem Schmusenamen Liebileinchen umgarnt wurde. Petrileins Eltern herrschten im „Weißen Hirsch“, eine Kneipe wie sie klassischer in OWL nicht sein konnte. Es gab Soleier, Mett- und Käsebrötchen sowie Nonnenpfürze und lag strategisch positioniert unmittelbar neben einer Kirche. Petrilein und Barny wohnten im Hinterhof des Weißen Hirsches, ebenfalls strategisch optimal positioniert, weshalb wir uns auch bei trüben Aussichten die Sun Downer bei Herrn und Frau Lippert einflößten. Frau Lippert hieß Frau Lippert und Herr Lippert hieß Kurt. Nur handverlesene Privilegierte durften Kurt zu ihm sagen, für das trinkfeste Fußvolk blieb er respektvoll Herr Lippert. Während Frau Lippert die Mettbrötchen liebevoll mit Zwiebelringen garnierte, und die nackten Käsescheiben mittels Paprikapulver zum Verzehr verfeinerte, zapfte Kurt die Pilsken. Er selbst bevorzugte im Stundenrhytmus eine Kombination aus einem Schuss Export im Wasserglas, mit einem Pinneken Wacholder, den er sich mit dem Schuss Export in Sekundenbruchteilen einverleibte. Ein kurzes Schütteln durchzuckte seinen Körper, richtete ihn wieder auf. Beide Gläser wurden flux durch das hygienisch bedenkliche Wasserbecken geschwenkt, mit einem blaukarrierten Allzweckhandtuch ausgeledert und zielsicher kopfüber zurück in die Vitrine gestellt. Die Gläser kopfüber. Nicht Kurt!

Trotz aller familiären Bande zog es uns zum regelmäßigen samstäglichen Frühschoppen allerdings ins Hotel Twachtmann. Genauer gesagt in die dazu gehörige gleichnamige Kneipe „Bei Twachtmann“, unmittelbar auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Das Hotel Twachtmann, ein feudales drei Sterne Hotel, war das erste Haus am Platz. Vergleichbar etwa mit dem Adlon in Berlin, dem Vier-Jahres-Zeiten in Hamburg oder dem Bayrischen Hof in München, eben nur mit drei Sternen und in Herford.

Vom Kaufhaus Klingenthal aus sind es nur ein paar Schritte durch die Passage, gesäumt von einer Schaufensterfront auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Pommesbude von Herrn Fels. Herr Fels sein Sohn Gunther war ein Klassenkamerad von mir. Er versorgte uns täglich mit den übriggebliebenen Frikadellen vom Vortag, und trug sommers wie winters den unverwechselbaren Duft von Frittenfett im Ranzen. In den Gründerjahren gab es ausschließlich die besten Rostbratwürstchen vom Metzger Spengemann, Currywurst und Pommes rot/weiß, und ausschließlich Stehtische. Bratwürstchen, Currywurst und Pommes rot/weiß werden in OWL kulturgerecht ausschließlich im Stehen gegessen! Im Zuge der Erweiterung des kulinarischen Angebotes um panierte Schweineschnitzel, halbe Grill-Hähnchen und Kartoffelsalat aus dem Eimer, gesellten sich in den Wachstumsjahren auch kleine runde Blechtische, umringt mit weißen Plastikstühlen, zum Mobiliar, welche die Freiräume der Passage Quadratmeter um Quadratmeter eroberten. Panierte Schweineschnitzel und halbe Grillhähnchen mit Kartoffelsalat aus dem Eimer werden traditionell in OWL im Sitzen verzehrt.

Auf dem Weg zum Hotel Twachtmann begrüßten wir kurz aber höflich Gunther, der um diese Uhrzeit gelbliche Kunststofftuben mit Senf bzw. rote mit Ketchup sowie weiße mit Majo und Metallständerchen mit Papierservietten auf den Tischen bereitstellte. Darüber hinaus legte er frisches Eau de Bulette in den Nuancen Frittenfett, Frikadellenöl und Hähnchenmarinade nach. Erste Passagenpassanten bestaunten die bunten Auslagen in den Schaufenstern und erste Geschmacksfäden bevölkerten ihre Mundhöhlen. Man beschloss sich nach dem Shopping, derzeit noch Einkaufsbummel genannt,  eine Spengemann bei Herrn Fels zu gönnen.  Willi und Kalla hatten bereits seit dem frühen Morgen die entblößten Schaufensterpuppen mit den neuesten Fummeln sittsam bedeckt und sich den Frühschoppen reichlich verdient.

Einmal einen kurzen Schlenker um 90° nach rechts und schon stand man vor dem Hotel Twachtmann, respektive der dazugehörigen Kneipe „Bei Twachtmann“. Öffnete man das schwere hölzerne Eingangsportal nur um einen winzigen Fingerspaltbreit, schwappt einem eine volle Breitseite aus Bierdunst, Zigarettenqualm und Transpiration entgegen. Der dicke, schwere Filzvorhang, der halbkreisförmig den Eingangsbereich abschirmt, und die frische Luft im Freien und die miefschwangere Dunstglocke im Gastraum sichert, verbirgt zunächst für wenige Sekunden den Blick auf die Schar der illustren Gesellschaft und gibt dem Neuankömmling die Chance sich für das spezielle Klima im Inneren zu aklimatisieren. Nach heutigen Normen wäre die Ausgabe von Gasmasken sicher unumgängliche Vorschrift. Beim Betreten des Lokales durch den filzenen Vorhang konnte man sich der Blicke aller Anwesenden gewiss sein. Einige murmelten ein gezwungenes guten Morgen, anderen konnte man ansehen was sie dachten: Ach, die schon wieder.

Es war eine Ära, in der man sich unterhielt. Von Angesicht zu Angesicht. Das Smartphone war noch nicht erfunden. Und wer nichts zu sagen hatte, der schwieg einfach vor sich hin, starrte sein Pilsken an und freute sich über eine willkommene Abwechslung durch Neuankömmlinge. Die Wirtsleute, allesamt Angestellte des Hauses Twachtmann, gehörten seit Jahren zum Inventar. Herr Meise, genannt Meise, Herr Wacker genannt Herr Wacker und seine Frau Mathilde, die Wackermathilde. Die Herren waren traditionell gekleidet in schwarzem Anzug, mit Weste und Krawatte. Weißes, fleckenfreies Hemd selbstverständlich. Ganz Oberkellner, vom Scheitel bis zur Sohle. Dem Schuhwerk sah man auf den ersten Blick an, dass sie bereits unzählige Kilometer zwischen Theke und durstigen Seelen zurückgelegt hatten.

Die Wackermathilde, im bunten Schurz, war verantwortlich für Hygiene, führte das Regiment in der Küche und achtete auf defekte Glühbirnen, die offensichtlich in der lebensbedrohlichen Atmosphäre früher verglühten als in gemeinen bürgerlichen deutschen Haushalten. Meise und Herr Wacker konnten unterschiedlicher nicht sein. Herr Wacker hoch aufgeschossen und klapperdürr. Heute würde die Größe XXS sicher angemessen sein. Passend dazu trug er seit seinem Engagement ein mürrisches Gesicht, mit dem er, unbestätigten Gerüchten zufolge, bereits zur Welt gekommen sein sollte. Leise Regungen der Gesichtszüge glaubte der geneigte Stammkunde nur gelegentlich zur Quittierung einer Bestellung zu erkennen. Bei Meise konnte man getrost auf das Herr verzichten. Es wäre auch seinen Proportionen nicht angemessen gewesen. Er war etwas zu kurz geraten, trug seine Haare akkurat kreisförmig im Uhrzeigersinn gekämmt um seinen Kopf, der wiederum durchaus auch mit einem etwas größeren Körper harmoniert hätte. Außerdem sprach Meise sogar das ein oder andere Wort mit den Gästen. Allerdings nur mit den Stammgästen, versteht sich von selbst. Und  dieses Privileg musste man sich über Jahre redlich ertrinken. Meise war so kleinwüchsig, dass man ihm ein Fussbänkchen hinter dem Tresen platziert hatte, damit er überhaupt den Bierzapfhahn auf Zehenspitzen und mit ausgestreckten Armen erreichen konnte. Es war für uns absolute Ehrensache, dass wir unsere Bestellungen ausschließlich bei Meise in Auftrag gaben, und zwar sorgsam getrennt, nie in ganzen Runden. Es bereitete uns die größte Freude, wenn Meise um die Ecke der Theke bog und wir seinen kreisrunden Haarschopf bei jedem Schritt über den Schanktisch wippen sahen. Ob auf Meise in seinem trauten Heim ein sorgendes Weib wartete ist leider nicht überliefert.

Meise und wir waren zu einem eingespielten Team avanciert. Auf seine knappe, aber berechtigte Frage: „Frühstück?“ mussten wir nur noch bestätigend mit dem Kopf nicken und das Schicksal nahm seinen Lauf. Unter einem „Frühstück“ verstanden Auftraggeber und Auftragnehmer das klassische Gedeck, bestehend aus einem Pils und einem Körnchen. Den Korn bevorzugten wir ohne Ausnahme aus eckigen Flaschen. Korn aus runden Flaschen war unter unserer Würde. Eigentlich müsste es nicht erwähnt werden, aber für Nichtkenner der Szene in OWL: Mit Körnchen war automatisch ein Doppelkorn gemeint. Aus eckiger Flasche wie gesagt.

Als Stammkunden stand uns selbstverständlich das Recht auf einen reservierten Platz am Stammtisch zu. Der tönerne Ascher inmitten eines schmiedeeisernen Ständers prangte auf der Tischmitte. Über dem Ascher pendelte das unverzichtbare Schild „Stammtisch“. Es hielt unbedarfte Gäste davon ab, rücksichtslos Platz zu nehmen und sich von den messerscharfen Blicken Herrn Wackers an den Pranger nageln zu lassen. Meise bevorzugte mit einem militärischen Befehl „Reserviert!“ unmissverständlich für Ordnung zu sorgen. Unsere Gespräche drehten sich um die drei wichtigsten Themen des aktiven Lebens. Nur beim Auto wollte Barny nicht so recht  teilnehmen. Mangels grundsätzlichem Interesse. Barny war zwar im Besitz einer gültigen Fahrerlaubnis und eines Autos, zog es aber generell vor, Petrilein das Lenkrad zu überlassen. Außer ihm selbst, Petrilein und tiefgläubigen Nonnen mit großem Gottvertrauen war es auch nicht möglich, solch ein Gefährt zu chauffieren. Oder ist irgendjemand schon einmal das Abenteuer eingegangen einen DAF zum Fahren zu bewegen? Na also.

Barny hatte belgische Wurzeln. Väterlicherseits. Als quasi eingefleischter Belgier war eine besondere Affinität zum Radsport tief in seinen Genen verwurzelt. Eddy Merckx war sein unanfechtbares Idol und er, Barny, konnte jedes Radrennen in akzentfreiem Belgisch kommentieren. Emotionsgeladen, mitreißender als jeder ausgebildete Sportreporter jemals vermochte. Besonders die Kopfsteinpflaster-Abschnitte des Frühjahres-Klassikers Paris – Roubaix gehörten zu seinem bevorzugten Repertoire, das Barny nach einigen Frühstücksgedecken bei Twachtmann gerne zum Besten gab. Es ist müßig zu erwähnen, dass das vorgetragene Rennen stets nur einen Sieger kannte: Eddy Merckx! Natürlich mussten wir den Erfolg des abgöttisch Verehrten gebührend feiern, und so ergab es sich mehr oder öfter regelmäßig, dass aus Petrilein ein Liebileinchen wurde. Ihr fiel stets die ehrenvolle Aufgabe zu die Ultras aller belgischen Radrennfans sicher mit dem DAF in Richtung Mittagsschläfchen zu kutschieren. Im Überschwang der Gefühle wurden für den Abend rechtzeitig Pläne geschmiedet, an deren Ende wieder der DAF und Liebileinchen eine entscheidende Rolle spielen sollten.

Während Willi und Kalla ihre erlernten Berufen als Schmücker weiter zu neuen, ungeahnten Ufern dekorierten, schloss ich den zweiten Bildungsweg mit der Fachhochschulreife ab, um mich dann Barny anzuschließen, der als Kreativ Direktor die Geschicke der Werbeagentur Texart leitete. Barny war nicht nur ein begnadeter Reporter für klassische Radrennen mit belgischem Sieger, sondern auch ein ebensolcher Texter. Geschliffene Worte, Slogans und Kampagnen flossen aus seiner Feder wie heutzutage das Epo und Anabolika aus den Spritzen der Radprofis. Doch Liebileinchen konnte sich nicht dauerhaft damit arrangieren den DAF und uns regelmäßig sicher durch den Verkehr zu lotsen. Ihre gerne gehegten Pläne für ein erholsames ruhiges Wochenende in Zweisamkeit wurden zu selten realisiert. Ausgenommen der wenigen Samstagabende, die auf Grund ausgedehnter, intensiver Siegesfeiern belgischer Radrennfahrer eine andere unerwartete Wendung nahmen. Sie wurde zur Barnys Verflossenen.

Barny zog es aus dem gelobten Land nach Hamburg und von dort nach Zürich, wo er munter weiter textete und entwarf. Der DAF bereicherte den Gebrauchtwagenmarkt und soll, unbestätigten Kleinanzeigen zu Folge, einer Ordensfrau zur Mobilität verholfen haben. Ein paar Liaisons gaben seinem Leben keinen wirklichen Halt, und er führte die Tradition des Frühstücks konsequent in der Hansestadt und bei den Konföderierten fort. In Ermangelung des Körnchens aus eckiger Flasche mussten der Küstennebel bzw. der Pflümli das Gedeck vervollständigen. Beide Kurze waren jedoch nicht wirklich zielführend für seine berufliche Entwicklung. Als letztes Highlight erwarb Barny die Rechte eines heruntergewirtschafteten schweizer Pornomagazins und wollte es wieder in befriedigende Höhen schreiben. Wollte. Alsbald stellte sich heraus, dass die Leidenschaft der Konsumenten nackter Tatsachen für Radrennen über belgisches Kopfsteinpflaster eher zweitrangig, weniger befriedigend war.

Die Vita von Meise, Herrn Wacker und der Wackermathilde wurde nicht weiter verfolgt. Man kann aber wohl mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass Herr Wacker sein mürrisches Gesicht weiter mit Würde getragen hat  und Meise sich weiter auf Zehenspitzen und auf seinem Fußbänken nach dem Zapfhahn gestreckt hat. Die Wackermathilde schraubte sicher weiter verglühte Birnen, reinigte Gläser, Tische und die Theke und führte ihr strenges Regiment in der Küche.

Ein Wohl auf alle Protagonisten!