scharfsinnig - unsinnig - kurzweilig

Oh Tannenbaum

Früher war mehr Lametta! Heute erleuchten LED-Lichterketten die Besinnlichkeit. Früher tropften Wachskerzen auf die Auslegware. Heute klebt Kunstschnee aus der Sprühdose auf dem Laminat. Varta und Duracell melden Umsatzrekorde und die Atomkraftwerke fahren Sonderschichten. An Dachrinnen, Tür- und Fensterrahmen, an Bäumen und Sträuchern blinkt es so bunt wie auf dem Jahrmarkt und in den Vorgärten leuchten lebensgroße Bambis, Elche und der Weihnachtsmann auf dem Schlittengespann, alternativ auf einer Harley, bepackt mit Fake-Paketen. Laserkanonen beschießen Hauswände mit allerlei überflüssigen Motiven. In den Straßen und Gassen sausen die Fahrzeuge der Lieferdienste hin und her. Man traut sich gar nicht aus dem Haus, sonst landet die nächste Lieferung von Amazon prompt beim Nachbarn, und man muss sich einer intensiven Vernehmung unterziehen, welche Überraschungen dieses Jahr ins Haus stehen.

Früher war mehr Lametta! Jedes Jahr wurde es frisch aufgebügelt, bis es über die kargen Äste der Tanne gehängt wurde. Es gab natürlich immer einen gewissen Schwund, aber die Lücken wurden umgehend mit gebastelten Strohsternen zugestopft. Auch hier kam das Bügeleisen zum Einsatz – ohne Dampf selbstverständlich. Und ohne Bügelstation. Das Geschenkpapier nebst der güldenen Bändern blieb ebenfalls die Reanimation unter dem heißen Eisen nicht erspart. Und unter dem Baum fanden sich SOS (Schlips / Oberhemd / Socken), selbstgestrickte Pullover, die derart kratzten, dass das traditionelle, einfache Essen mit Bockwurst und Kartoffelsalat Sinn machte. Man benötigte die freien Hände um die nervende Krätze zu bändigen. Heute schützt atmungsaktive Funktionsunterwäsche vor dem Kaschmir nepalesischer Bergziegen. Das Menü besteht aus Gänsestopfleber, Kalbsbäckchen und Panna Cotta, dazu eine im Barrique gereifte Cuvee aus Cabernet Sauvignon  und Merlot. Espresso und Grappa lindern das Völlegefühl, Alexa leiert Weihnachtsweisen. Die Hohner C (für musikalisch Unbedarfte: eine Blockflöte, die bereits in Vorschulen die Kinderlein zu einer Orchesterkarriere animieren soll) blieb verwaist in ihrem Samtsäckchen.

Früher war mehr Lametta! Am Tannenbaum wurden noch einzelne Äste dekorativ verpflanzt, die die Natur etwas unnatürlich hatte gedeihen lassen. In besonders krassen Fällen mussten außergewöhnlich gewachsene, aber außergewöhnlich günstige Exemplare zusätzlich via Spannseilen korrigiert und gesichert werden. Heute zieren ihn LED-Lichterkette, Kugeln und Glassternen. In naher Zukunft werden wir wohl Hologrammtännchen mit „Stille Nacht“ besingen lassen und Christkindeldrohnen bescheren uns zeitnah nach dem Menü. Es gibt Astronauten-Food. Parallel projektiert ein Beamer eine Retrospektive der Carmen Nebel Shows in den weihnachtlichen Himmel. Alternativ präsentiert uns Alexa Peterchens Mondfahrt oder Der kleine Lord. Na dann, eine schöne Bescherung!

4 Kommentare

  1. Eva

    Lieber Armin,
    ein leckeres Menü, falls es so gegessen wurde. Unsere Nordmanntanne kommt aus Nordrach, frisch geschlagen, natürlich. Aber kein Lametta – es time goes by.
    Hoffen, ihr habt trotz aller Unbill ein schönes Fest gehabt.
    Übrigens, der heilige Nikolaus kam aus Myra (heute: Demre)Türkei, dort war er Bischof. Myra war damals Teil des römisches Reiches, weil eine Türkeit ja noch nicht existierte. Wir haben von Patara /Lykien aus Myra mal besucht, als man noch in die Türkeit reisen konnte. Habe gestern in einem Bericht gesehen, dass Istanbul an Silvester ein beliebtes Touristenziel ist. Es scheinen sich nicht allzu viele Leute an Erdogan zu stören. Einen guten Rutsch wünschen euch die Ichenheimer.

  2. Martin Korff

    Jetzt wird es wirklich Zeit Dir für Deine erquicklichen Worte zu danken und der ganzen Familie Elsner frohe Festtage zu wünschen! Martin und Barbara

  3. Hans2

    Lieber Armin ,
    Zu Deinem Weihnachtsbaum Thema möchte ich noch etwas bemerken ..ich bin schon etwas verwundert wie viele Christbaumfans sich Tannenbäume aus der Türkei in die Wohnung stellen .
    Die hochgelobte Nordmanntanne (Abies nordmanniana) kommt trotz dieses sehr deutsch klingendem Namen aber aus Kleinasien + Kaukasus …sehr merkwürdig
    Mit dem dort gesammelten Samen wird also bei Erdogan die Staatskasse aufgebessert …und das nur weil wir uns unsere einheimischen Fichten (Picea abies) + Weiß-Tannen ( Abies alba) nicht gut genug sind
    Ein anderes aber ähnliches Problem ist ja unser Nikolaus ( später durch Coca Cola zum Weihnachtsmann verwandelt ) – dieser wirkte als Bischof in Myra ( ebenfalls Türkei ) …wie kommt denn das ?
    Eine Möglichkeit wäre das dieser Mann die ersten Samen der Nordmanntanne nach Europa geschickt hat und zum Dank feiert man immer noch zu seinem Gedenken den Nikolaustag am 06.Dezember…
    Das waren nur so ein paar Gedanken …
    Gruß
    Hans2

    • Armin

      Sehr aufmerksam. Hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm, dass der wahre Weihnachtsmann in der Türkei beheimatet ist. Hat sich ja bis heute nicht geändert. Evtl. könnte man die Nordmanntanne in Mordmanntanne umtaufen? Zu denken gibt mir allerdings auch, dass ein christliches Symbol ihren Ursprung derart verschleiert!
      Und zum Thema Coca Cola: Die haben den goldenen Windbeutel 2018 verliehen bekommen, als Anerkennung für die schönste Bescherung.
      Aber frag doch mal Hans1, der durfte als Nikolaus (verkleidet!) in strahlende Kinderaugen schauen. Ohne Cola aber mit viel Erfolg!
      P.S.: Unsere Nordmanntanne kommt aus Langenwinkel, geschlagen bei Vollmond in Durbach. Samenspender unbekannt. Getauft mit eine paar leckeren Glühwein.
      Meine Frau weigert sich noch standhaft, dass ich diese Jahr meine BVB-Kugeln aufhängen darf – vom Herbstmeister übrigens!
      Bleib aufmerksam und wissend!
      Armin

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