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Kunst und Genuss.

„Kunst und Genuss“ im Lahrer Stadtpark ist ein Event im Stadtpark von Lahr mit Kunst und Genuss. Der Sinn liegt darin begründet, dass es eine Kunst ist, den Genuss auch als solchen zu empfinden. Und wir waren erstmals dabei!

Es lagen keine wirklichen Alternativen für den Samstagabend vor. Die Fernsehanstalten vergeudeten unsere Gebühren mit dem üblichen Schwachsinn, wie, inzwischen täglichem Fußball, Wiederholungen von Krimis, mit denselben Toten und Mördern und irrtümlich Verdächtigen und Hauptkommissarinnen und Hauptkommissaren, und schrägen Hauptkommissar-Anwärtern, und stets freien Parkplätzen vor den Tatorten, und selbstverständlich den Ausgeburten einschläfernder Quizshows. Die Formate beeindrucken durch ihre niveaulose, kreatiefe Vielseitigkeit, wie: Hyperaktive Kinder gegen Helikoptereltern, Promille-Promis gegen nüchterne Beamte, Spätaussiedler gegen Frühaufsteher, Politiker gegen unbescholtene Bürger, Google gegen Konrad Duden, Veganer gegen Hamburger, Herrenknecht gegen Windräder, usw.. Moderiert werden alle Shows grundsätzlich durch seine Selbstherrlichkeit Johannes B-Punkt Kerner, und im Rahmenprogramm die unvermeidliche, atemlose Helene Fischer, der nuschelnde Gnom Peter Maffay, und all die anderen abgehalfterten, reanimierten Veteranen aus der Schlagergruft. Also dann doch lieber „Kunst und Genuss“!

Ich darf es vorwegnehmen: Uns ist das Kunststück nicht gelungen, den Genuss zu genießen. Aber der Reihe nach. Die Anfahrt verlief ohne große Hindernisse auch nicht vor und in den Kreisverkehren. Trotz frühzeitigem Aufbruch waren die Parkplätze bereits belegt. Ohne schlechtes Gewissen habe ich eine weitere Parkreihe eröffnet, auf die die örtlichen Verkehrsplaner noch nicht gekommen sind. Zugegeben, ein wenig Risiko war dabei. Aber eine knöllchenfreie Windschutzscheibe rehabilitierte meine Entscheidung nachträglich. Die Kassenhäuschen-Insassin wollte partout auf unsere Rentner-Ausweise keinen Nachlass gewähren, und auch einen Gruppentarif für zwei Teilnehmer wurde achselzuckend nicht akzeptiert. Das abendliche Lüftchen wehte lau, das Ambiente im Lahrer Stadtpark war berauschend, ein lauschiges Fest harrte unser.

Auf staubigen Pfaden, unter uralten Bäumen, vorbei an Weckgläsern mit Teelichtern von Ikea, die ursprünglich Glasuff beherbergen sollten, führte uns der Hunger auf den Eventplatz. Noch warteten hier und da Sitzgelegenheiten auf Zweisitzer und so beschlossen wir uns hemmungslos dem Genuss hinzugeben. Die Entscheidung fiel uns schwer, aus dem armhaltigen Angebot unseren Wunschgenuß zu ermitteln. Zwischen Spanferkel mit Bratkartoffeln und asiatischer Nudelpfanne mit Hähnchenbrust pendelten die Gelüste. Der Hunger siegte über den Geschmack und auch Plastikteller und Plastikbesteck ließen keinen spontanen Genuss aufkommen.

Voller Vorfreude steuerten wir auf den einzigen Weinstand zu, deren Winzer uns so fremd war, wie ägyptische Hieroglyphen auf Grabtafeln in Pharao-Pyramiden. Da sich das Gros der Kunst- und Genußsuchenden dem Mahl hingaben, war die Reihe schnell an mir. Umgehend führte das Kopfkino in meinem Kopf Regie, und spielte mir Szenen vor Augen, wie es wohl ablaufen würde, wenn mehr als zwei Trinkfeste gleichzeitig ihr Ansinnen äußern würden. Das Kopfkino war eine schamlose Untertreibung der Realität! Wer mit viel Glück, starken Nerven und einer ordentlichen Portion Stehvermögen ein Viertele ergattert hatte, dem sei zu raten gewesen sich umgehend erneut einzureihen, bevor ihm der Durst und nicht die Promille Fatamorganen vorgaukelte. Der Spuk erreichte in Bälde weitere, himmelschreiende Dimensionen. Die Gläser waren ausgegangen. Was allerdings nicht so schlimm war, denn es gab ohnehin keinen Wein und keine Cocktails mehr. Die Polizeibehörde der Ortenau löste augenblicklich ihre Kontrollen auf, da mit zu beschlagnahmten Führerscheinen an diesem Abend nicht zu rechnen war. Müßig zu erwähnen, dass der Wein, so noch vorhanden, sowohl untrinkbar als auch hoffnungslos überteuert war. Insofern hatte der Mangel auch sein Gutes! Zusammen mit dem Glaspfand zog es mir nahezu den finanziellen Boden unter den Füßen weg.

Gesäumt wurden die Plätzchen und Wege von Ausstellern von allerlei nutzlosem Zeugs, wie man es nur von Jahr- bzw. Wochenmärkten in Regionen mit überwiegend ländlicher Struktur antrifft. Glasperlen und geschliffene Steine, wie man sie in der Jungsteinzeit zum Tauschen verwendete, hübsche gedrechselte Holz-Rumstehchen, gebatikte, luftig leichte Tücher, Lakritze in Stangen- oder Schneckenform – die Kunst hat sich hauptsächlich in künstlichem Schnickschnack präsentiert. Ich muss gestehen, dass wir uns eher weniger intensiv mit den gutgemeinten Auslagen beschäftigt haben.

Ein Schwätzchen hier, ein Hallöchen da, viele durstige Seelen suchten alsbald ergiebigere Trinkstätten auf, die auf mehrere Gäste eingerichtet waren. Und so plätscherte der Abend dahin und wir sehnten uns nach einem gemütlichen Abend mit einem Gläschen Rotwein, einer langweiligen Quizshow und der einschläfernden Berieselung durch Johannes B-Punkt Kerner.

Ach ja, die Live-Musikdarbietungen im Lahrer Stadtpark waren echt um Klassen besser als Fischer, Maffay und Co.

 

Großwildjagd

Bitte keine Heldenverehrung! Wenn überhaupt, dann ein wenig stille Bewunderung, anerkennende Blicke und gebührenden Respekt. Dann soll´s aber auch gut sein. Zuviel Eigenlob wird gerne auch als Überheblichkeit oder Eitelkeit interpretiert, und das ist bei Leibe nicht der Fall.

Nachdem das Gejammer der Winzer und Bauern nach dem Frühjahrsfrost verebbt ist, und die Ernten voraussichtlich, allen Unkenrufen zum Trotz, doch in der Qualität akzeptabel sein werden, verwöhnt uns der Sommer mit sommerlichen Temperaturen und den dazugehörigen Gewittern. Örtlich begrenzte Hagelschauer lässt die Agrarier aber bereits wieder in ihren Grundfesten erschüttern, und auch die Lieferzeiten von Daimler sind viel zu lang.

Gut, das hat nun wirklich gar nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun, musste allerdings einmal zu Papier gebracht werden! Und die lauen Sommernächte bilden den geschmeidigen Übergang zum Kern des Ereignisses. Es war eine solche laue Sommernacht. Das Morgengrauen kündigte sich bereits an, als mich fremdartige Geräusche jäh aus lieblichen Träumen rissen. Zunächst nur unklar. Wie aus einer größeren Entfernung. Sobald sich aber Gehör und Verstand auf einem Level bewegten, gestaltete sich die Wahrnehmung deutlich konkreter: Die fremdartigen Geräusche waren erschreckend hautnah. Offensichtlich in unmittelbarem Kontakt mit unserem Haus. Da mein absolutes Hörvermögen, welches einseitig ein wenig gelitten hat, und ein wager Ansatz von Tinnitus manch stille Weise zu übertönen wagt, erhob ich mein Haupt leicht, um mit beiden Ohren eine dreidimensionale Ortung der Quelle zu ermöglichen. Alsbald wurde diese Quelle lokalisiert – auf dem Dach unseres Hauses. Ohne jeden Zweifel war dort unter einer Herde Elefanten in eine Stampede ausgebrochen. Eine andere Interpretation ließ die frühe Morgenstunde nicht zu!

Mit dem eigentlich unnötigen Absatz möchte ich ein wenig mehr Dramaturgie in die Schilderung bringen. Ähnlich einer künstlerischen Pause bei einem ergreifenden Vortrag über die Wärmedämmung von 599mm X 199mm X 150mm Ytong-Steinen.

Es war der zunehmenden Wachheit geschuldet, dass der Verstand dem Gehör folgte, und an logischem Denken gewann. Eine Elefanten-Stampede auf dem Dach unseres Einfamilienhauses mit Einliegerwohnung war schlichtweg nur schwer vorstellbar, und weder mündlich noch schriftlich zu vermitteln. Augenblicklich schossen mir die täglichen Polizeiberichte durch den Kopf, dass osteuropäische Diebesbanden ihr Unwesen gerne in grenznahen Regionen ausüben. Aber auf dem Dach? Die Ratio gewann auch hier die Oberhand. Blieb eine weitere Variante: Santa Claus versucht durch den Kamin Geschenke unter dem Strauß Sonnenblumen zu platzieren. Da es bis zum Fest des Kaufrausches jedoch noch etliche Monate hin ist, schied auch diese Vermutung vernünftiger Weise aus. Schließlich entpuppte sich die Stampede der Elefanten als ein blutrünstiger, unter Naturschutz stehender, Marder. Normalerweise finden seine Streifzüge in den Motorräumen der Fahrzeuge von Laternenparkern statt. Allerlei elektrisches Kabelgedöns und Isolierungen sollen sehr schmackhaft sein, auch wenn sie weder ein Biosiegel aufweisen, noch aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt sind. Sei`s drum.

Offensichtlich liebestoll gebärdete sich der nächtliche Störenfried von Dachrinne zum First und zurück. Die Holzdecke erwies sich dabei eindrucksvoll als hervorragender Resonanzboden! Das Spielchen wollte nicht anfangen aufzuhören, und so fasste ich den mannhaften Entschluss dem Treiben ein Ende zu setzen. Todesmutig, bewaffnet mit einem Indoor-Besen, schlich ich mich elfenhaft in den ersten Stock, um direkt vor Ort den genauen Laufweg des Aufdringlings auszukundschaften. Seine Laufwege waren eindeutig abgestimmter als die der deutschen Frauen-Nationalmannschaft bei der Fußball-EM. Im Gegensatz zu ihnen beabsichtigte der Marder die erste KO-Runde zu überstehen, und meine ersten zaghaften Klopfgeräusche zu ignorieren. Ich entschied mich für eine härtere Gangart! Mittlerweile wusste ich fehlerlos die Routen auf dem Dach zu lokalisieren, und traktierte das Monster mit gezielten kräftigen Schlägen gegen die Holzdecke. Der Resonanzboden erwies sich ab sofort als mein engster Verbündeter. Nach wenigen Minuten ertrug offensichtlich das Getier die akustische Folter nicht länger und stürmte unter bestialischem Fauchen über die Dachrinne zurück in die Wildnis. Der Sieg war meiner!

Neben dem Morgengrauen leuchtete inzwischen in allen umliegenden Nachbarhäusern in allen Räumen die hellst mögliche Licht-Stufe, die man mit dem Dimmer regulieren konnte. Schemenhaft huschten leichtbekleidete Gestalten von Zimmer zu Zimmer, um schlaftrunken und verzweifelt nach dem nächtlichen Radau zu fahnden. Ergebnislos, denn ich hatte mich bereits wieder in die ehelichen Gemächer zurückgezogen.

Am Frühstückstisch schmückte ich dann die Schreckensnacht ein wenig blumig aus, um mich in den bewundernden Blicken der Gattin zu sonnen. Der Tag konnte nicht besser beginnen. Ein Held war über Nacht geboren. Immerhin wurde aus dem Elefanten keine Mücke, sondern wenigstens ein Marder. Ist doch auch was. Oder?

 

Bella Italia

Es gibt sie noch, die geliebten Kleinode in dieser Welt. Feriendomizile der besonderen Art. Eines davon wird von uns seit nahezu 20 Jahren mindestens einmal im Jahr heimgesucht. Das Royal Colombo in Menaggio am Comer See. Hier herrscht Mario Colombo und schüttet seinen ganzen Charme kübelweise über seine Heimsucher aus. Schon sein Name ist ein absoluter Klassiker: Mario Colombo! Legendär ist seine Laudatio morgens zum Frühstück, wenn er das Menü des Abends wortreich und blumig präsentiert. Selbst wenn die Grenze des Völlegefühls bereits touchiert wird, läuft einem sprichwörtlich das Gewässer im Munde zusammen. Dass er es grundsätzlich an jedem Tisch aufs Neue zelebriert ist seine ganz persönliche Note. Man kann es aber auch nicht oft genug hören – deshalb verlässt kein Gast das Szenario, bevor Mario nicht seine komplette Runde abgeschlossen hat.

Der alte Charmeur hat natürlich noch mehr auf der Pfanne als vier Gänge anzukündigen. Bei jeder passenden und gelegentlich auch unpassenden Gelegenheit flaniert er die Damenwelt mit Anekdötchen aus seinem Leben. In wie weit sie immer der reinen Wahrheit und nichts als der Wahrheit entsprechen sei dahingestellt. Ist aber auch total egal, lustig sind sie allemal. Mario lässt es sich auch nicht nehmen für jeden Landsmann und jede Landsfrau eine Fahne zu hissen. Selbstverständlich nur die Landeswappen, was aber genug Aufmerksamkeit bedeutet. Passend zu den Nationen bewegt sich Mario fehlerfrei in nahezu allen europäischen Sprachen. Angemerkt sei, dass sich sein Repertoire keinesfalls auf das schnöde Herunterbeten der Köstlichkeiten beschränkt. Im Gegenteil – auch seine Anekdötchen und beliebige freie Themen beherrscht er mit bemerkenswertem Wissen und linguistischem Geschick.

Wen wundert es also, dass wir Jahr aus, Jahr ein sein schmuckes Domizil aufsuchen, um ein paar wunderschöne Tage zu erleben. Abgesehen von den lächerlichen paar Gramm Gewichtszunahme kann man nun wirklich nicht meckern. Es liegt natürlich nicht allein an den italienischen Speisen, die grundsätzlich einen kohlenhydratischen zweiten Gang kredenzen, sondern ebenso an den dazu passenden harmonischen Getränken. Und an deren reichhaltigem Genuss! Dass Panacotta und co nicht gerade kalorienarm sind, und ein Grappa das Mahl perfekt abrundet soll an dieser Stelle auch nicht unterschlagen bleiben. Ach ja, und zum Start, sowie als Sundowner auf dem legendären Feldherrenhügel gehört unzweifelhaft ein kühler Mezzo Litre. Habe ich was vergessen? Man möge es mir verzeihen!

Untrennbar verbunden mit einer Reise an den Comer See zu Mario ist ein Frühstück am Lago. Je nach Stau am Gotthard finden wir zwischen neun und zehn Uhr bei Gabi und Jürgen einen reichlich gedeckten Tisch, wachsweiche Eier, frische Panini, Käse und Wurst, und: Rotebeetepaste von Allnatura! An dieser Stelle meinen allerherzlichsten Dank an Kathrin, die nachdrücklich darauf hingewiesen hat!!! Ohne Rotebeetepaste wäre ein Frühstück am Lago für mich kein Frühstück am Lago!

Bestens gestärkt werfen wir uns dann in das Getümmel der italienischen Gassen. Den Schlagbaum des Schweizer Zolls  noch im Rückspiegel, erfährt jeder am eigenen Leibe wo er ist. Enger und dunkler wird es in den Tunnels,  LKWs und Busse rasen hupend über die Sträßchen, bis sie sich im nächsten Örtchen mit einem holländischen Wohnwagenfahrer duellieren. Wer gewinnt brauche ich sicher nicht zu erwähnen. Dieses Prozedere wiederholt sich alle paar Kilometer in jeder, wirklich jeder Ortschaft. Nur sind es nicht generell Grachtenrutscher, auch Opelfahrer, gerne Rentner, avancieren zu mobilen Verkehrshindernissen, die selbst ich hier und da geneigt bin abenteuerlich auszumanövrieren. Außerdem katapultieren sich ständig Motorräder und Roller an uns vorbei, Hornissenschwärme gleich. Gegenverkehr wird grundsätzlich ignoriert – nach dem Motto wer bremst verliert. Ihr Outfit ist eher selten auf Sicherheit bedacht und schon dreimal nicht dem Fahrstil angepasst. Shorts und Flipflops aber Helm müssen ausreichen. Nicht weniger behindernd, aber deutlich langsamer, treten zusätzlich unzählige Radler in perfektem Look in die Pedale ihrer Rennmaschinen. Da die Randstreifen sich nahtlos an den italienischen Straßenbelag anpassen, ist klar, welchen Part der Fahrbahn sie bevorzugen.

In der vertrauten Residenz bei Mario, ohne nennenswerte mechanische Kaltverformungen am Auto und mit leicht angegriffenem Nervenkostüm, angekommen, fallen wir zunächst erleichtert in Marios Arme, bevor der Feldherrenhügel erobert wird und der tägliche Kreislauf mit einem Mezzo Litre de la Casa und einem knackig frischem Salat Tonno eröffnet wird. Der Panorama-Rundblick auf den Lago di Como, die Berge, den Pool und Marios erste Anekdötchen entschädigen umgehend für die Wohnwagengespanne mit gelben Kennzeichen und ergrauten Opelfahrer. Der Urlaub kann beginnen. Der Rest ist hinreichend bekannt.

Es war wie immer im Juni 2017. Und es war wie immer sensationell schön!

P.S.: Nicht unerwähnt soll bleiben, dass die Temperatur des Pools zwischen 28°C und 30°C pendelte, und die wahre Erfrischung deshalb ausnahmslos dem Mezzo Litre Vino Bianca vorbehalten blieb!

 

 

Badrenovierung 2.0

Einige von euch warten seit ein paar Monaten auf den finalen Bericht unserer Badrenovierung. Denjenigen, die jetzt ahnungslos auf die Zeilen starren, empfehle ich sich zunächst mit den Fakten einen Einstieg in das Thema zu verschaffen.

Seit ein paar Monaten können wir nun barrierefrei Duschen und Dinge tun, die man so in einem Bad tun kann. Nur schöner als bisher. Auch meine Traumatisierung ist behoben – den erfahrenen Badrenovierungs-Psychologen sei Dank. Alles, was man so an abenteuerlichen Dramen über Handwerker zu berichten weiß – sie stimmen! Es gibt grundsätzlich zwei Zuverlässigkeiten: Sie kommen bzw. sie kommen nicht. Letzteres mit überwältigender Mehrheit. Auch die Aussagen zu Fachfragen beschränken sich auf zwei Kernsätze: Geht bzw. geht nicht.

Geplant waren 2 – 3 Wochen Bauzeit. Das war absolut korrekt. Allerdings blieben die jeweils notwendigen Trocknungszeiten einzelner Teilarbeiten unerwähnt. Sie addierten sich schließlich auf insgesamt 2 – 3 Monate. Mitten im Winter. Unser täglicher Aufenthaltsort befand sich unmittelbar am Heizkörper neben dem Fluchtweg der Handwerker. Ihr Weg führte unzählige Male pro Tag an uns vorbei hinaus ins Freie. Sie hinterließen unbeeindruckt jedes Mal wieder eine offene Terrassentür. Der eisige Wind wirbelte lustige Wolken feinsten Staub an uns vorbei durchs Wohnzimmer. Wir waren zu wahren Profis im Abdecken von Sofas, Tischen, Stühle, Lampen, Fußboden und Co. gereift. Jeden Abend – Folien runter, ausschütteln, morgens wieder positionieren, bevor die braven Handwerker wieder eintrafen. Wenn sie denn eintrafen, und nicht gerade wieder eine Trockenphase ihren Tatendrang bremsten.

Nachdem wir in den ersten Tagen der Zusammenarbeit den Fehler begangen hatten, quasi mit dem Eintreffen des Personals zu frühstücken und uns den aktuellen Tagesthemen der Zeitung zu widmen, stellten wir unsere Gewohnheit kurzfristig um, und aßen bereits vorher, um den schmachtenden Blicken auf Leberwurststulle und Co. nicht weiter ausgesetzt sein zu müssen.

Herauszuheben sei auch die Pünktlichkeit der Handwerker. Jedenfalls gegen 16:00 Uhr wurde die Intensität der Tätigkeiten drastisch reduziert. Der Rückweg zum Depot gehörte logischerweise zur Arbeitszeit der üppig Bezahlten. Auch die tägliche Rückkehr zur Mittagspause war inklusive. Lediglich die Natopause wurde in den staubigen Räumen abgehalten. Wir versüßten sie mit frischem Kaffee. Exklusiv. Unterbrochen wurde die Arbeitswut, neben den tarifvertraglich zugesicherten Pausen, ausschließlich um vergessenes oder ausgegangenes Material zu beschaffen, oder dem aggressiven Drängen anderer Kunden nachzugehen, bzw. bei Notfällen ihr Geschick beweisen zu können. Einer ausgesprochen groben verbalen Attacke unsererseits war es letztendlich auch zu verdanken, dass die kleinen Restarbeiten en bloc erledigt wurden. Ohne ausufernde weitere Diskussionen. Mit sensationeller Pünktlichkeit und Schnelligkeit überraschten die engagierten Unternehmen mit der Rechnungstellung. Die Türklinke war noch warm, da klapperte schon die Rechnung im Briefkasten. Verbunden mit einem herzlichen Dank für das entgegengebrachte Vertrauen und 3% Sko

Geschenkte Zeit

Um Unwissende aber Interessierte auf einen einheitlichen Wissensstand zu manövrieren, hier eine kurze Einführung in die Lage. Geburtstagsgeschenke stellen die meisten vor eine kreative Herausforderung. Insbesondere, wenn es sich um runde handelt. Da ist es von unschätzbarem Vorteil, wenn der Zubeschenkende mit seinen Wünschen schon mal eine passende Richtung vorgibt. So geschehen auch bei Lothars 70er. Sein Herzenswunsch war Zeit. Wir, das heißt Roswitha, Hubert, Elisabeth und ich, der Chronist, beugten uns diesem Wunsch gerne. Selbstverständlich war Hiltrud untrennbar mit von der Party. Wir entschieden uns für die Variante „Laufen & Saufen“ und wählten eigens dafür ein Datum, das uns meteorologisch einen herrlichen Tag bescheren sollte – den 06. Mai 2017.

Sowohl der Weg, als auch das Ziel war und blieb überraschend. Geplanter Start war um 11:00 Uhr mit dem Aufsammeln des Jubilares nebst Gattin, sowie ca. 30 Minuten später das Eintreffen in Nonnenweier. Trotz Staus auf der A5, pünktlich wie die Maurer, trafen die Fischers und Maiers im Wörtelweg ein. Nach herzlicher Begrüßung und dem Erkunden des allgemeinen Befindens, brachte ein Gläschen Sekt die erwartungsvolle Runde recht schnell auf die brisanten Themen der aktuellen Politik, und die anstehenden Wahlen bei unseren Nachbarn und bei die Döspaddels im hohen Norden. Die Zeit konnte uns nicht davon laufen, wir hatten sie fest im Griff.

Ohne Hektik wurde die Sitzordnung im Camper besprochen, der uns sechs gemeinsam an den Kaiserstuhl bringen sollte. Ein Camper ist nun mal kein Bus und die freien Plätze waren im Nu an Fahrer, Geburtstagskind und die Damen vergeben. Der Chronist saß die paar Kilometer im wahrsten Sinne des Wortes auf einer A-Backe ab, und Roswitha (offensichtlich mit solchen Situationen vertraut), auf dem Boden kauernd zwischen ökonomisch einwandfreiem, Solarzellen gespeistem Herd und dem Kombiraum Dusche/Toilette. Vereinzelte kleine Spritzer an der Windschutzscheibe wurden einfach ignoriert.

Programmpunkt Nr.2 war die Eismanufaktur in Königschaffhausen. Wir waren die einzigen Gäste, ließen uns allerdings den Genuss nicht vermiesen. Etwas später, als die Eiseskälte sich bereits im Körper breit macht, wagte sich eine fremde Dame in die Eisbar. Sie begnügte sich jedoch mit einem Bollen – angeblich wegen Geldmangels. Wir überredeten sie sich dann doch für die Sorte Orange/Joghurt zu entscheiden. Sie bedankte sich für diese Empfehlung. Auf dem Rückweg zum Camper, vorbei an der Fischergasse, störten wir ein Spatzenpärchen, das aufgeschreckt seine Paarungsaktivitäten auf dem Fensterbrett abbrach und zeternd davon flog.

Programmpunkt Nr.3 war der Abmarsch vom Parkplatz in Burkheim. Altersgerecht spazierten wir einen seichten Anstieg hinauf auf eine Terrasse zwischen den Reben. Der Rundweg war mit einer gelben Raute gekennzeichnet. Aber das nur nebenbei. Wie im Frühling nicht anders zu erwarten, erwachte die Vegetation zum Leben. Der Weg war gesäumt mit allerlei Kräutern und Unkräutern. Augenblicklich begann man mit der Bestimmung derselben und Ratschlägen für welche Wehwehchen sie nützlich seien, bzw. welche Aromen in Salaten oder Kräuterbuttern besonders schmackhaft. Der Outdoor-Naturkunde-Unterricht setzte sich mit der angestrengten Identifikation des Vogelgezwitschers fort. Dabei wurde des gesamte Arten-ABC bemüht: Von A, wie Amsel oder Ammer bis Z, wie Zaunkönig oder Zeisig. Zur Sprache kamen Namen, die ich mein Leben lang noch nicht gehört hatte und bei den Gesängen reichte meine Kenntnis gerade einmal für Taube, Kuckuck und Käuzchen. Aber meine Stunde sollte noch kommen.

Die Gesprächsthemen gingen nicht aus, und mit stets wechselnden Laufpartnern war allerlei Kurzweil angesagt – schließlich waren irgendwann alle Kräuter und Laute identifiziert. Immer wieder gerne genommene Themen der BestAger sind gesundheitlicher Art und, mit welchen Plänen man gedenkt in den nächsten Wochen und Monaten dem Lieben Gott die Zeit zu stehlen. So marschierten wir durch Gottes freie Natur, bis die Wetterfrösche Recht behalten sollten und der vorhergesagte Mairegen an Intensität zunahm. Regencapes und –Schirme wurden aus den Rucksäcken gezaubert und die Wegstrecke besonders aufmerksam studiert, um ja nicht auf einer glitschigen Baumwurzel auszurutschen und womöglich einen Oberschenkelhalsbruch zu riskieren. Irgendwie sehen Wanderer mit Schirmen blöd aus! Aber noch blöder tropfnasse Radfahrer ohne Schirme.

Die Wanderung endete dort, wo sie begonnen hatte: In Burkheim. Bei der Suche nach etwas Schutz und Wärme landeten wir im Art Café. Wir frotzelten noch über den Namen, und ob der Kaffee wohl eher eine Art von Kaffee sei. Leider war der Name Programm. Auch die ersehnte Wärmestube war komplett besetzt und wir mussten, zwar bedacht aber mehr oder weniger im Freien, Platz nehmen. Notdurftmässig jedoch 1A-Lage, unmittelbar am Eingang zur Unisex-Toilette. Kälte und Kaffee sind immer Garant für überproportionalen Harndrang, und so durften wir uns über ausreichend Abwechslung erfreuen. In einer kleinen Stauphase gesellte sich ein hübsches junges Mädchen zu unserer Gruppe. Sie konnte ihre Herkunft aus einem zentralafrikanischen Land nicht verbergen, und ihr Teint erinnerte mich irgendwie an die Sorte „Zartbitter“ aus der Eismanufaktur in Königschaffhausen. Die Unaufmerksamkeit des hübschen jungen Mädchens nutzte ein anderes Mädel schamlos aus, und schlüpfte aufs WC obwohl sie noch nicht an der Reihe war. Wir machten sie auf ihr Vergehen sofort nach Verlassen des Örtchens aufmerksam. Es war allerdings für ein Rückgängigmachen zu spät und sie bedauerte die Tat zutiefst.

Nach schlechtem, teils kaltem Kaffee aber ordentlichem Kuchen stromerten wir durch die romantischen Gassen von Burkheim zurück zum Camper. Der Mairegen nahm sich eine schöpferische Pause, sodass wir trockenes, sauberes Schuhwerk anlegen konnten und mit einem Blick in den Rückspiegel auch einen ordnenden Strich durch das verbliebene Haupthaar machen.

Nachdem wir die bekannte Sitzordnung wieder eingenommen hatten, ging die Fahrt in Richtung Abendmahl. Auf der Fahrt aus Burkheim heraus eskortierte uns ein Stück des Weges eine Rotte blutjunger Mädels im heiratsfähigen Alter. Offensichtlich die letzte Gelegenheit für eine aus ihrer Mitte, das Singleleben zünftig abzuschließen. Trotz des Mairegens schauten sie ein wenig niedergeschlagen ins Wetter.

Programmpunkt Nr.4, dem abschließenden Höhepunkt des Tages – ein Abendessen in der Kellerwirtschaft in Oberbergen. Allen Unkenrufen zum Trotz befindet sich die Kellerwirtschaft nicht unten, sondern oben. Unten, in der Vinothek, verköstigte sich eine Busladung Hobby-Sommeliers aus dem kulinarischen Niemandsland. Mit fachkundiger Mine begutachtete man Farbe und Struktur des Weines, erschnüffelte die Duftnoten des Bouquets und diskutierte über die Nachhaltigkeit des Abgangs am Gaumen. Wir überließen die Laienweinkenner ihrem Schicksal und stiegen erwartungsvoll empor in die Kellerwirtschaft. Dem Anlass entsprechend hatten wir einen Tisch mit Ausblick reserviert. Dieser jedoch unterschied sich lediglich nur in Nuancen von dem Sichtbeton-Mauerwerk. Wir konzentrierten uns deshalb mehr auf Gerichte und Weine. Nun war meine Stunde gekommen! Die Wahl der begleitenden Weine wurde vertrauensvoll in meine Hände gelegt. Ohne großes Eigenlob – die Wahl des Weißen und Roten konnte nicht besser sein. Zum Start jedoch ließen wir Männer uns nicht irritieren und orderten im Weingut Keller erst einmal ein Sturzbier.

Das Essen war ausgezeichnet, und es kam nur noch einmal wenig Unruhe unter der Weiblichkeit auf, als eine Schar junger Männer die Lokalität betrat, denen man durchweg eine gewisse Attraktivität nicht absprechen konnte. Ausgleichende Gerechtigkeit! Man wandte sich schon bald wieder den Ehemännern zu, man wusste schließlich zu schätzen, was man an ihnen hatte. Nachdem die Teller geschleckt, und die Flaschen geleert waren entschloss man sich für die Heimfahrt und einen Scheidebecher im Wörtelweg. Lothar empfand, dass der Salat ziemlich fettig gewesen sein soll. Mit einem Klaren konnte kurzfristig für Erleichterung gesorgt werden.

Zunächst schien es so, als ob der Jubilar der Runde zum jähen Aufbruch animieren würde. Eine schöpferisch geistige Schwächephase wurde rasant überwunden. Beim Stichwort „Mutti“ erwachten die Lebensgeister zusehends und so konnte die Zeitreise mit komplettem Teilnehmerkreis zu einem glücklichen Ende geführt werden.

Auf eine baldige Wiederholung!

 

 

Karfreitagswanderung

Der alte Brauch wird nicht geknickt, Karfreitag wird gewandert. Auf Deubel komm raus! Wir bewegen uns garantiert schon im dritten Jahrzehnt in dieser guten alten Tradition. Doch das Teilnehmerfeld hat  im Laufe der Jahre den allgemeinen Veränderungen Rechnung tragen müssen. Die meisten Best Ager können nicht mehr. Einige Mitläufer der ersten Stunde wollen nicht mehr. Die ein oder andere ehemals bessere Hälfte darf nicht mehr. Der Nachwuchs muss noch und ein harter Kern ist nach wie vor freudig mucker mit dabei. Immerhin findet das finale Diner in nahezu kompletter Runde statt, da Fuß-, Herz- und Kreislaufkranke sich generell noch einer motorbetriebenen Mobilität erfreuen.

Mit kritischem Blick in die Wettervorhersage wird geplant. Die App „Wetter to go“ wird bereits Tage zuvor regelmäßig heimgesucht, um die Ausrüstung bei Zeiten parat zu legen. Es naht der Tag der Wahrheit. Ort und Zeit werden festgezurrt wie die Riemen der Rucksäcke. Frikadellen werden gebraten, Getränke gebunkert, Eier hart gekocht, Gemüse in Stifte geschnitten, Pfefferbeisser und Wienerle bissbereit verpackt. Manch Wanderschuh hat über die Wintermonate eine leichte Staubschicht angesetzt, hin und wieder ist ein morscher Schnürsenkel beim Festzurren in zwei ungleiche Stücke zerrissen. Schweizer Taschenmesser tauchen aus den Tiefen der Schubladen auf, Kapselheber und Korkenzieher mit Seele liegen bereit. In den letzten Jahren haben stille Wasser die prozenthaltigen Geister ersetzt. Und Absteller für die Jugend nehmen ihren Platz in den Rucksäcken ein.

Start und Ziel stehen fest. Bis alle Wandersleute zur Stelle sind, findet die alljährlich gefürchtete Organisation des Auto-Verstellens statt. Die Anzahl der Sitzplätze, abzüglich der Fahrer, und ausreichend Stau- und Kofferraum wird berechnet, um Mann und Maus sicher und vollzählig vom Ziel wieder an den Start zu chauffieren.

An den ersten Steigungen zieht sich das Peloton bereits ein paar hundert Meter auseinander. Die körperlichen Konstitutionen differieren im Einzelfall erkennbar. Doch der Gruppengedanke behält kameradschaftlich die Oberhand. Die ersten fiebern dem ersten Stopp entgegen. Legendär sind diese Brotzeiten, die dem kirchlichen Fastengedanken und der Enthaltsamkeit vehement die Stirn bieten. Der Inhalt der Rucksäcke reduziert sich im Handumdrehen um einen beachtenswerten Anteil. Man isst ja schließlich nicht zum Vergnügen unterwegs!

Die ersten schüchternen Fragen nach der verbleibenden Länge bis zum Ziel machen die Runde. Mit alternativen Wahrheiten werden die Gemüter kurzzeitig beruhigt, und hektisches Suchen nach ablenkenden Aktivitäten wird gefahndet. Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob nun der Weg das Ziel sei, oder umgekehrt. Die verbliebenden Best Ager verkürzen sich die Zeit mit detaillierten medizinischen Diagnosen aller Zipperlein. Das Mittelalter diskutiert die aktuellen Ergebnisse der Bundesliga, sowie heiße Themen aus dem Berufsleben. Vorübergehend ist der Empfang von Instagram, Facebook und WhatsApp gefährdet, was eine leichte Unruhe in Teilen der Gruppe aufkommen lässt. Es soll sich später herausstellen, dass sich die Welt weiter gedreht hat, und nach wie vor keine Scheibe ist.

Mit Erleichterung aber auch Zufriedenheit kommt das reservierte Ziel ins Visier der Ausgedörrten. Auch die Fuß-, Herz- und Kreislaufkranken sind bereits in Stellung gegangen. Runter mit den Rucksäcken, rein mit den erfrischenden Bierchen, denn das mitgeführte Arsenal ist entweder Leergut oder aber die Temperatur bietet keine Labsal mehr.

Ob geräucherte Forellenfilets, die ersten Spargel, Schniposa, Berge von Brägele, Pommes sowie das ganze Spektrum an Maggisaucen füllt zunächst die Tafel und dann die Bäuche. Kinderaugen glänzen, wenn die Eisbecher serviert werden. Die Erwachsenen begnügen sich mit Obstler, Willi oder Framboise. Trotz erheblicher Sättigungsgefühle und körperlicher Ermattung klappt die Verteilung der Passagiere auf die umgestellten Fahrzeuge. Die Rechnung ist aufgegangen!

Man wünscht sich noch weiter frohe Ostertage und Gesundheit sowieso. Daheim warten Sofa und Entspannung. Es war wieder einmal eine tolle Karfreitagswanderung. Bis nächstes Jahr!

Saisonstart 2017

So früh waren wir noch nie am Start. Gerade Mal Ende März. Aber die Sonne, und die damit verbundenen Temperaturen locken ins Freie! Es ist früh Frühling, meteorologisch und kalendarisch und biologisch noch dazu. Die Bollen fliegen bereits, obwohl der Wind noch böig seinen kühlen Hauch über Natur und DOB wehen lässt (DOB = Damen Ober Bekleidung).

Dieses Jahr beginnt alles anders. Erstens war ein passender Termin recht schnell gefunden, und zweitens fiel die Antwort auf die Frage nach dem bevorzugten Navi kategorisch negativ aus. Ich wollte dem Navigations-Legastheniker erst gar keine Chance auf vage Möglichkeit einer Irreführung geben.

Nota bene: Dem unkundigen Leser empfehle ich an dieser Stelle, zum besseren Verständnis der allgemeinen Orientierungsfrage die Reportagen der Touren des Vorjahres, bzw. des Vorvorjahres!

Wie nicht anders zu erwarten erschien der Sportkollege etliche Minuten vor der vereinbarten Zeit, was aber nicht zwingend auf ausgeprägten Tatendrang und überraschende Frühform schließen ließ. Es war schlicht und ergreifend der seit Jahrzehnten praktizierten Ungeduld geschuldet. Erfahrene Mitstreiter erahnen das damit verbundene Überraschungsmoment und kontern ihn rechtzeitig. Mit anderen Worten: Ich war startklar, als bereits um 09:39Uhr, anstelle der vereinbarten 10:00Uhr, die vertrauten Grußformeln auf der Terrasse erklangen. Trotz kurz zuvor umgestellter Sommerzeit!

Frohgemut traten wir in die Pedale – ohne Falk, G-Punkt und anderen neumodischen Hilfsmitteln. Zögerlich akzeptierte der Technikversessene auf meine soliden, in iks Touren erworbenen, Ortskenntnisse. Zunächst mit gelegentlichen Nachfragen, mit zunehmender Distanz schwand das Mistrauen, ohne die heimlich gehegte Begeisterung erkennen zu geben.

Die Routenwahl basierte auf unvermeidlichen Einschwüngen in diversen Eisbuden und Bäckereien mit vorzüglichem Plundergebäck. Um die forsche Fahrt nicht unnötig zu behindern wählte ich den ersten ernsthaften Stopp nach ein wenig mehr Kilometern. Nur ein kurzes Labsal ließ uns in einer Apfelpause genügend Freiraum unser Rentnerdasein hochleben zu lassen.  Am Dorfbrunnen in Schuttern bestaunten wir einen Mitarbeiter des Bauhofes beim Aufbringen einer wasserfesten Substanz im Inneren des Brunnens. Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass aus dem Kupferrohr kein Trinkwasser floss. Diese Warnung war jedoch überflüssig, da der Brunnen ohnehin ausgetrocknet schien. Zumindest für die Zeit der Malerarbeiten.

Die erste geplante größere Rast entwickelte sich in eine Zweistopp-Strategie innerhalb nicht wesentlich mehr als 200 Metern. Bei Plundergebäck, Rhabarberkuchen (ohne Sahne!) und einem Kaffee bandelten wir mit den Damen des Nachbartisches an, die beim Verzehr eines Salates kalorienbewusst auf ihre Figur achteten. Selbst die Bedienung (weiblich) erkannte uns augenblicklich als weitgereiste, sportliche Fahrensleute und zwang uns in einen unverbindlichen Wortwechsel. Sicher ein ordentliches Trinkgeld vor Augen.

Nach Verrichtung der Notdurft ging es flugs weiter in die ca.200Meter entfernte Eisbude. Während andere Sportskollegen vier Kugeln in Windeseile verschlangen, reduzierte ich mein Verlangen auf gerade einmal drei Köstlichkeiten. Und noch bevor ich mich dem Genuss der knusprigen Eiswaffel hemmungslos hingeben konnte, war auch schon der zweite Eisgang vollendet. Dafür meine Hochachtung!

Als nächste kulinarische Ziele schlug ich die bekannten Eisbude in Grafenhausen bzw. Rust vor. Allerdings wären hier weitere 15 – 20 Kilometer Strecke zu bewältigen gewesen. So fiel die Entscheidung über die anstehende Route einstimmig – also nur mit einer Stimme – für eine kürze Variante aus. Fürs Erste sollte es genug sein. Die Anzahl der konsumierten Eiskugeln erfüllte ja bereits die untere Normgrenze, sodass uns auch keine Repressalien drohten.

Die verbleibenden gut zehn Kilometer radelten wir gemütlich und einträchtig zurück zu Start und Ziel. Die Sonne hatte es gut gemeint, der Weg wurde, bis auf eine Handvoll Meterchen, und gänzlich ohne technische Krücken, fehlerfrei bewältigt. Neue Ziele wurden fixiert, Pläne geschmiedet, Termine wage festgezurrt. Die Radsaison war erfolgreich gestartet.

Ach ja: 47 Kilometer, 2 ¾ Stunden reine Fahrzeit. Pausenzeiten bleiben unberücksichtigt. Summa Samarium: Ein Apfel, zwei Rhabarberkuchen, ein Kirschplunder, ein Stück Blechkuchen, insgesamt neun Kugeln Eis, zwei Kaffee, due Espressi, zwei Liter Wasser (Medium).

Alles am Dienstag, den 28.März 2017

Modernisierung

Allerheiligen Anno 2016

Wenn man in die Jahre kommt, macht man sich so seine Gedanken. Altersarmut und altersgerechtes Wohnen reifen zu zentralen Themen. Zum altersgerechten Wohnen gehört nicht nur ein wohlsortierter Weinkeller, sondern auch ein barrierefreies Bad. Doch schon bei den ersten Planungsüberlegungen zur Modernisierung taten sich schnell Barrieren auf, groß wie ein Doppeloxer beim Mächtigkeitsspringen in Aachen. Die oberste Querstange fiel bereits beim leichten Touchieren mit dem Kontostand. Die Formel: Gefällt uns = kostet aber, bestach mit ihrer Gesetzmäßigkeit. Im internationalen Netz surften wir stunden- und tagelang auf der Welle der innenarchitektonischen, barrierefreien Glückseligkeiten. Keine Badausstellung war vor uns sicher, und beim Stichwort “Modernisierung“ flackerten die Dollarzeichen in den Augen der sogenannten zertifizierten Berater auf. Aufwendigste Kataloge zeugten von den satten Margen, die nicht ausschließlich in den Präsentationslabyrinthen verkachelt wurden. Mit jedem Besuch wuchs der Stapel Infomaterial in unserer unaltersgerechten Bleibe. Mit den Stapeln wuchs allerdings auch die Verwirrung. Wo hatten wir jetzt was favorisiert? Das WC auf oder unter Putz? Ach, das war ja bei der Kopfdusche! Das WC war mit Rinless, patentierter Hygienebeschichtung und automatisch geräuschlos, sanft absenkbarem Deckel. Ohne Fernbedienung! Und ohne automatische Spritzdüse für rückstandslose Sauberkeit am Allerwertesten. Soviel war er uns dann doch nicht wert. Als Befürworter fachgerechter Handarbeit war es schließlich nicht nur eine Frage des Budgets, sondern auch eine Frage der Konsequenz.

Nach den unabdingbaren Investitionen wie Waschbecken, Brausen, Hähnen und Brillen, folgte augenblicklich die Suche nach attraktiven Accessoires wie Becher für Zahnbürsten (trotz Ladestation für E-Bürsten), Schalen für in Handarbeit  hergestellte Seifen aus biologisch abbaubaren, nachwachsenden natürlichen Rohstoffen, schattenfreie Beleuchtung zum Schminken, Rollenhalter für hautschmeichelndes Toi-Papier (4-lagig), Handtuchhalter mit Anwärmsensoren und dergl.. Eine zentrale Frage beschäftigt uns noch heute: Wohin legen wir unsere Klamotten, wenn uns keine Badewanne mit nützlichem Badewannenrand mehr hilfreich zur Seite steht? Dafür ist der weiße Hochglanz-Hängeschrank, unabhängig vom Türanschlag, zu verwenden. Nur die Glasböden sollte man herausnehmen, bevor man die 180° Drehung vollzieht.

Es ist ja wohl eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit, dass Optik, Haptik und Anmutung eine einzigartige Harmonie in Form und Farbe ausstrahlen.

Der schöngeistige Teil der Modernisierung endete brachial am Montagmorgen mit dem Anrücken der Abrissbirnen. Ausgestattet mit schwerem Gerät, das zur Einebnung der Dolomiten durchaus prädestiniert wäre. Böse Vorahnungen wurden beim ersten Inkraftsetzen des Boschhammers zur staubigen Realität. Die Erscheinung einer der beiden Abrissbirnen ließ die Vermutung aufblitzen, dass er den Abriss mit seiner eigenen Birne hätte durchführen können. Diese Vermutung erwies sich jedoch alsbald als haltlos. Kopfhörer der höchsten Schallschutz-Kategorie, Atemschutz-Maske a la Super-Gau, Zigaretten mit Fotos von amputierten Beinen auf der Schachtel und eine Kiste Bier aus dem Sonderangebot gehörten neben dem Bosch- und Vorschlagshammer zur Grundausstattung der Rammböcke. Aber, sie verstanden ihr Handwerk! Als sie gegen Mittag aus dem Feinstaub auftauchten, ähnelten sie altägytischen Mumien. Das unaltersgerechte Bad war dem Betonboden gleich gemacht. Das Trümmerfeld glich dem Stadtkern von Hildesheim 1946 aufs Haar. Via handelsüblichen 20 Liter Eimern wurden die pulverisierten Überreste durch unser Wohnzimmer transportiert, und hinterließen eindrucksvolle Spuren der Verwüstung. Selbst kreativste, intensive Vorstellungskraft vermochten es nicht sich auszumalen, dass wir in den Ruinen jemals wieder der Reinigung unseres Körpers werden nachgehen können. Berechtigte Zweifel an dem Sinn der Modernisierung kamen auf.

Mit dem geordneten Rückzug der Abrissbirnen kehrte Ruhe ein, und wir kehrten den Bauschutt aus den hintersten Winkeln unseres gemütlichen Heimes. Dass dies zu einer wahren Sisyphusarbeit ausarten würde, wurde uns in Sekundenschnell bewusst. Sogar der Miele Blizzard CX1 saugte mit 2000 Watt an der Grenze seiner Kapazität. Der Wischmop wurde weder trocken noch kalt, und die Wettervorhersage traf sowohl für das Rheintal als auch unser Wohnzimmer zu: Der Nebel lichtete sich erst gegen spätem Nachmittag. Als gebürtige Optimisten sprachen wir uns gegenseitig Mut zu. Estrich einbringen, Fußboden-Heizung installieren, Wand- und Bodenfliesen verlegen, Wände und Decken verputzen – wo sollte denn da noch Staub herkommen?!

Jetzt warten wir seit zwei Tagen auf die Kolonne der Fliesenleger, die die offenen Krater schließen, und das altersgerechte Bad in einen Zustand versetzen soll, der dem Namen Bad zur Ehre gereicht. Ich werde detailliert berichten.

 

 

Schwarzwald-Duathlon

Dienstag, der 06.September 2016

Vor dem „jungfräulichen, weißen Blatt“ quält sich der Chronist immer wieder mit der gleichen Frage: Wie schaffe ich es den geneigten Leser von der ersten Zeile an in den Bann zu ziehen? Noch weiß er ja nicht welch atemberaubende Story ihn erwartet. Als Chronist ist es keinesfalls unlogisch vorn zu beginnen. In diesem Fall starte ich mit ein paar Vorworten, um spätere fesselnde Schilderungen nicht mit Kleinigkeiten zu unterbrechen.

Da hätten wir zunächst das ewig junge Thema: Navi. Nachdem Falk wegen geographischer Schwächen nach der Nordsee-Tour ausgemustert wurde, trat Garmin seine Dienste an. Bereits bei seinem ersten Einsatz, der Umrundung des Kaiserstuhls, offenbarten sich gravierende Mängel in der Ortskenntnis. Um eine Nähe zum Namen des Chronisten auszuschließen, war die Umtaufe eine logische Konsequenz: Aus Garmin wurde der G-Punkt. Kurz: G. Um das bittere Ende vorweg zu nehmen, G. wird das gleiche Schicksal ereilen wie Falk. Einstweilen möchte ich ihm sogar den G. streichen. Ein Höhepunkt seiner Leistungen war bei bestem Willen nicht zu verzeichnen. Fortan trägt er das Kürzel: VW (Verkehrter Weg). Für eine Manipulation der Abgaswerte konnten wir ihn zwar nicht verantwortlich machen, aber………. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass unser CO2-Ausstoss in zu vernachlässigender Größenordnung zu ignorieren ist.

Eine Umtaufe steht auch dem Kinzigtal-Rad-Wanderweg ins Haus. Aus Kinzigtal wird Kinzig-Berg und Tal, und dem Begriff „Wander“ wird eine besondere Bedeutung zu Teil.

Nun geht es aber los. Gegen 08:30 Uhr trafen wir uns auf dem Bahnhof-Parkplatz in Offenburg. Warum eine Tageskarte ausgerechnet 3,85 € kostet wussten selbst Dauernutzer nicht zu erklären. Die erste Überraschung erwartet uns im Info-Center. Aufgeschreckt aus dem Studium des OT-Börsenteils sprang eine nette Dame auf und eilte zur Infothek. Das Namensschild wies sie als Frau Annette Vogel aus. Sofort schossen mir die ornithologischen Weisheiten durch den Kopf: „Die frühe Vogel fängt den Wurm“. Außerdem wollte ich sie mit einer persönlichen Frage nicht unnötig irritieren, ob sie die Nachtigall oder Lerche sei. Sie erwiderte nichts ahnend mein Lächeln.

Mathematisch korrekt formulierte ich unser Anliegen: 1 mal 2 plus 2. Im Klartext: Eine Fahrkarte für zwei Personen plus zwei Fahrräder nach Freudenstadt. Behänd blätterte Frau Vogel im digitalen Kursbuch, um mir in Windeseile zuzuzwitschern, dass ab 09:00 Uhr Fahrräder kostenfrei wären, und zwei Personen bereits eine Gruppe seien, was bedeutete, dass wir statt je 16,- € lediglich 18,40 € zusammen zu zahlen hätten. Der Zug fuhr um 09:04 Uhr von Gleis 5 ab.

Schorschi erwarb noch eine Wegwerfflasche Asoschorle. Beim Umfüllen achtete er akribisch darauf, dass der richtige Verschluss im Abfall landete. Eine vorausschauende Vorsichtsmaßnahme.

Auf dem Weg zu Gleis 5 wählte Schorschi den Lift. Ich entschied mich für die Zuhilfenahme des Fließbandes seitlich der steilen Treppe. Nachdem ich die Handbremse betätigte war dieser Weg auch von Erfolg gekrönt. Auf dem Bahnsteig tummelten sich schon etliche Reisewillige. Um die Zeit bis zur Abfahrt in Ruhe zu verbringen wählten wir ein Wartehäuschen. Hier saßen wir weitgehend windgeschützt. Der Wind wird seit 1759 in der Einheit „Bofrost“ aufgezeichnet. Bo für Geschwindigkeit Beaufort, Frost nach den Temperaturen. Beides zeigte nach oben. Und wie sich herausstellen sollte, blies der Rückenwind zu Gunsten des Regiozuges. Auf dem Weg zum voraussichtlichen Haltepunkt achteten wir akribisch darauf, die mit nikotingelben dicken Linien gekennzeichnete Raucherzone nicht zu betreten. Im Gegenzug zu den alten Dampfloks hielt sich hier die Rauchentwicklung in überschaubaren Mengen. Erstaunlich, dass sich der Zigarettenqualm nicht an die vorgeschriebenen Grenzen hielt, und munter durch die übrigen Rumsteher wirbelte.

Einen extra Absatz widme ich den Spätgeborenen unter den Wartenden. Sie wischten ohne Ausnahme mehr oder weniger munter über ihre Smartphones, um sich mit den wichtigsten neusten Informationen aus den sozialen Netzwerken vertraut zu machen. Wer wann was gefrühstückt hat. Z.B.: Das Ei gerührt, gespiegelt oder gekocht. Von freilaufenden oder bedauernswerten Hühnern. Mit oder ohne Speck. Von freilaufenden oder unglücklichen Schweinen. Bio oder Regio. Gluten- bzw. laktosefreies Müsli. Linksrum oder rechtsrum gedrehter Joghurt. Ein Proband gestand reumütig, in Ermangelung von Aronal, Elmex zur morgendlichen Oralhygiene verwendet zu haben. Wider jeglicher warnender Hinweise der Verbraucher-Informationen.

Unter Quietschen hielt der Zug Einfahrt auf Gleis 5. Es war kurz vor 09:00 Uhr, und ein hastiger Blick auf die Anzeigetafel verriet uns: Nächster Halt Gengenbach, Haslach, Hausach….. Schnell begeisterte uns der Begriff Triebwagen, und weckte allerlei Phantasien. Der Wagon für die Räder war speziell gekennzeichnet. Der Einstieg verlief ohne nennenswerte Komplikationen. „Warum fährt der Zug bereits um 08:59 Uhr ab?“ fragte ich Schorschi. Für die Bahn ein höchst ungewöhnlicher Umstand. Irritiert schauten wir auf die Laufschrift im Übergang zum radfreien Wagon. Zielort: Konstanz über Villingen-Schwennigen. Kein Wort von Freudenstadt! Gedankenschnell erfassten wir die missliche Lage und beschlossen in Gengenbach auszusteigen und unser Glück mit dem folgenden Triebwagen erneut zu versuchen. Überraschender Weise fuhr dieser nicht nach Konstanz sondern nach Freudenstadt. Anzumerken ist: Erstens wurde Zugversuch Nr.1 von einer anderen Gesellschaft betrieben. Zweitens waren Fahrräder erst ab 09:00 Uhr kostenfrei, nicht ab 08:59 Uhr. Unsere erste Schwarzfahrt blieb unentdeckt. Außer ein paar neugierigen Passagieren, die sich verwundert die Augen rieben, dass wir kaum eingestiegen bereits wieder den Triebwagen verließen. Sei`s drum!

Erleichtert sanken wir in die nächst beste Sitzgruppe – schließlich hatten wir ja ein Gruppen-Ticket rechtens erworben. Die Räder waren ordnungsgemäß verstaut, wir hatten Muse uns ein wenig im Wagon umzuschauen. Schorschi entdeckte das Hinweisschild in unserer Reihe zuerst.

Um nicht schon wieder einen Platzwechsel einzuläuten beschlossen wir, dass Schorschi als schwanger und ich als behindert durchaus berechtigte Chancen gegenüber dem Kontrolleur geltend machen könnten. An der nächsten Station stieg eine junge Mutter ein. Sie hatte ihr Neugeborenes in einer Trage auf dem Rücken verstaut. Ich erfasste die Lage sofort und wies auf das Schild und Schorschi mit den ergänzenden Worten: Zu spät – wir sind auf dem Weg zur Schwangerschafts-Gymnastik nach Alpiersbach. Herzhaftes lachen – und sie verließ den Triebwagen gleich wieder an der nächsten Station. Die Situation war bereingt.

Ach ja, wir hatten entschieden uns bereits in Alpiersbach ins Kinzigtal zu stürzen. Erwartungsvoll enterten wir Bahnsteig 2 in Alpiersbach. Unmittelbar nach dem Verlassen des Bahnsteigs prangte das Hinweisschild „Kinzigtal-Rad-Wanderweg“ inclusive Richtungspfeil. Entschlossen schwangen wir uns auf unsere Räder. Halt! Schorschi musste ja noch seinen G-Punkt (ab jetzt VW) in Stellung bringen. Seine, und die ausgeschilderte Rute stimmten überein.

Der Tag versprach ein herrlicher zu werden. Die Kinzig murmelte friedlich neben dem Radweg, wir waren bester Stimmung. Nach ca. 10 km erreichten wir Schenkenzell. Der Radweg war immer noch hervorragend gekennzeichnet, als VW plötzlich die Route nach rechts vorschlug. Im Vertrauen auf seine geographischen Künste folgten wir widerstandslos. Es tat sich ein wahres Kleinod auf, das Tal schlängelte sich in weiten Serpentinen leicht ansteigend nach oben. Für uns erfahrene Tourer keine Herausforderung! Der separate Radweg war längst zu Ende als VW uns zu einem erneuten Richtungswechsel animierte. Er schien schon auf den ersten flüchtigen Blick keinen glücklichen Verlauf zu nehmen. Nach diversen Überprüfungen folgten wir schließlich dem Rat VWs. Der Weg wurde steiler. Die ersten Schiebe-Sektionen wurden eingelegt. Bei 500 Höhenmetern über n.N., endete der Asphalt. Bei 570 Meter über Meeresspiegel dann auch die letzten Fahrversuche. Die Strecke wurde steiniger und steiler. „Da, hinter der nächsten Kurve, sind wir oben, dann geht’s wieder bergab“. Mit dieser Hoffnung schoben wir weitere unzählige Kurven, bis wir erschöpft auf 850 Meter über Holland angekommen waren. In Ermangelung eines Sauerstoffzeltes führten wir mit den Luftpumpen die ersten Wiederbelebungs-Maßnahmen durch. Keinerlei Anzeichen auf humanes Leben weit und breit. Noch nicht einmal Wanderweg-Hinweise. Es ist müßig zu erwähnen, dass der Akku von VW ankündigte keinen Bock mehr zu haben. Wir waren auf uns allein gestellt und beschlossen für das Biwak zur Nacht eine Wagenburg aus unseren Rädern zu bauen.

Die Pumpen hatten neues Leben in unsere Lungen gepresst, die Zuversicht gewann Oberhand und wir setzten unsere Odyssee fort. Gott sei Dank ging es bergab. Steil, glitschig, selbst Mountainbiker hätten größte Vorsicht walten lassen. Wir nicht minder. Gefühlt war die Strecke zigfach länger als real. Mit Freudentänzen quittierten wir das unerwartete erreichen einer asphaltierten Trasse. Menschenleer natürlich. Aber den ersten Schildern für wagemutige Wanderer. Unter dem Schild „Jakobsweg“ erspähten wir „Schapbach“, das höchstgelegenste Mineral- und Moorbad im Schwarzwald. Vor Jahren hatten ich hier in meiner einzigartigen Karriere Tennis gespielt. Aber wir hatten die Rechnung ohne VW gemacht. Beharrlich wies er in die entgegen gesetzte Richtung. Die Gruppe stand vor einer echten Zerreißprobe. Auf die neuerlichen Anstiege hinweisend ließ sich der Begnadete dann doch überzeugen den geteerten Weg zurück in die Zivilisation zu wählen. Nach rasender Abfahrt erreichten wir Schapbach, Menschen, Radwege und Hinweisschilder. Wir hatten wieder Mut gefasst und auch wieder einen ungetrübten Blick für die Schönheiten der Natur auf dem Weg über Oberwolfach nach Wolfach. Zur Belohnung gab es SchniPoSa und Aso-Schorle. VW würdigten wir keines Blickes. Seine Ausmusterung war beschlossene Sache.

Gestärkt durch allerlei Cerealien und Kohlehydranten setzten wir uns Gengenbach als nächstes Ziel. Hier sollte ein erfrischendes Eis die Schmerzen lindern. Über Hausach, Haslach und Biberach schlugen wir in Gengenbach auf. Einen Querverweis auf Bofrost sei an dieser Stelle angemerkt: Der Rückenwind für den Treibwagen hatte seine Richtung nicht geändert. Aufgefrischt und böig minderte er unser Tempo – brachte allerdings auch ein wenig erfrischende Kühlung an dem sonnigen Herbsttag.

In Windeseile waren die 4 Kugeln Eis, ohne Sahne, verzehrt. Es sei diesem Kälteschock geschuldet, dass der Gekühlte plötzlich den Fahrplan der Deutschen Bundesbahn studierte. In 20 Minuten würde der nächste Regio-Express gen Offenburg rattern. Ungläubiges Staunen meinerseits – allerdings nach den Tortouren durchaus überlegenswert. Eine Entscheidung musste her. Nach der SWOT-Methode wägten wir die Vor- und Nachteile, die Chancen und Risiken ab. Der Bahnhof in Gengenbach spielte ja schon auf der Hinfahrt eine richtungsweisende Rolle. In meiner Phantasie sah ich auf meiner Stirn, für jeden sichtbar: „Der Schwächling bricht die Tour kurz vor dem Ziel ab“. Womöglich kennt mich sogar jemand im Zug. Wie peinlich! Diese Vision ließ uns dann doch unter Aufbietung der letzten Kräfte die verbleibenden 10 Km radeln. Selbst die Fahrradkette ging auf dem Zahnfleisch. Wir, die Helden des Kinzig-Berg und Tal-Radwanderweges ziehen die Sache durch. Der Sportsgeist besiegt alle körperlichen und geistigen Wehwehchen. Wir schaffen das!

Übrigens: Wir haben an der erwähnten Schwangerschafts-Gymnastik in Alpiersbach stillschweigend nicht teilgenommen!

Nach 5 ¾ Std. reiner Fahrzeit legten wir eine Strecke von 83,5 Km zurück (lt. VW) mit einem Schnitt von 14,7 Km/Std. bei gerade einmal 1 ½ Std. Pause

Kaiserstuhl-Tour

Kaiser – Kronen, Kaiser – Stuhl und Kaiser – Wetter!

Das Leben ist voller Überraschungen. Nachdem im Spätherbst 2015 die eher zufälligen Grabungen unter der Abdeckung im Kofferraum zum Fund eines historischen Artefaktes führten, traf die nächste Überraschung am 11. August 2016 gegen 09:30 Uhr in Nonnenweier ein. Ohne große Widrigkeiten gelang es dem Bekronten sowohl Anhängerkupplung als auch Fahrradständer nebst Velo fachgerecht und verkehrssicher zu montieren. Diesem Umstand war es auch zu verdanken, dass ER, ewig vor der vereinbarten Zeit, rückwärts in die Hofeinfahrt des Elsnerschen Anwesens rangierte.

An dieser Stelle sein vermerkt, dass wir mit einer Gedenkminute unseres treuen Partners Flak gedachten, der uns im Großen und Ganzen sicher begleitete. Auch wenn seine Vorhersagen nicht gänzlich dem Ideal entsprachen, so war er doch einer von uns! Wahre Freundschaften verzeihen auch Fehler!

Wie sich im Verlaufe der Umzingelung der Sitzgelegenheit des Kaisers noch manifestieren sollte, wich die Vorfreude über den neuen Kollegen GARMIN bereits bei der ersten Bewährungsprobe. Er war eben nicht Falk! Soviel muss an dieser Stelle gesagt werden – ohne hier bereits näher auf die Details einzugehen. Auch möchte ich für den Verlauf weiterer Dokumentationen mögliche Irritationen mit meinem Namen von vorne herein ausschließen. Naheliegend ist die konsequente Abkürzung. Ich werde ihn ab sofort ausschließlich als „G-Punkt“ (weiter reduziert „G.“) benennen. Sollte er sich zukünftig als zuverlässiger Radgeber erweisen, und zur Befriedigung der Begnadeten beitragen, so konnte diese Nomenklatur nicht treffender gewählt werden.

Hinzugesellt hatte sich ebenfalls ein bisher namenloser Kollege, der uns mit allerlei Informationen im Nachhinein versorgte, während bei G. sich die Anforderungen eher nach vorne orientierten. Da er u.a. über den Verbrauch von Kalorien Buch führt, möchte ich ihn spontan „Kalli“ taufen. Das Einverständnis des Gekrönten voraus gesetzt.

Wie bei einer Rundfahrt üblich, befinden sich Start und Ziel in unmittelbarer Nähe. Lediglich die Entscheidung „Wo starten wir?“ galt es zu treffen. Mit dem Wissen, dass sich die Eismanufaktur in Königschaffhausen einen überaus positiven Namen erkühlt hatte, gab es keinerlei Diskussionen über den Beginn der Tour. Lockten doch bereits vor den ersten ernsthaften Tritten in die Pedalen wahrlich ausgezeichnete Köstlichkeiten.

 

Hätte, Wenn und Aber: Dass unerwartet frühe Aufkreuzen des Gekörnten, die Folge glücklicher Umstände, zogen leider eine Verkettung weiterer denkwürdiger Umstände nach sich. So z.B. das Erreichen der Eismanufaktur vor der offiziellen Öffnungszeit um 11:00Uhr! Enttäuschung macht sich breit. Da es bis Breisach allerdings nur ganze 15Km waren, lag die nächste Labung in nicht allzu weiter Ferne. Auch ohne diverse Kugeln Eis entpuppte sich der Fahrtwind als sehr erfrischend. So erfrischend, dass uns die vorsorglich mitgeführten Jäckchen kuscheliges Wohlfühlen angedeihen ließen.

In flotter Fahrt ging es Breisach entgegen, wo uns unmittelbar an der Stadtgrenze die ersten Fangruppen frenetisch empfingen. Anders als erwartet lag der Altersdurchschnitt signifikant über unseren Jahrgängen. Offensichtlich hatten sie werden Lust noch ein gesteigertes Interesse die olympischen Spiele im TV zu verfolgen. Live ist eben life, und nirgends sonst kann die reale Geschwindigkeit so hautnah empfunden werden, wie auf Armlänge an der Strecke selbst. Im Stadtkern, wo wir die Aufnahme von Cerealien geplant hatten, standen wir einer schier undurchdringlichen Mauer von Rentnern gegenüber. Wir bahnten uns eine Schneise zum Café, das mit einem fruchtigen Buffet auf uns lauerte. Wie sollten wir Kalli davon überzeugen, dass seine bisher gespeicherten Daten mit Nichten denen der Angaben der emsigen Bäckereifachverkäuferin entsprachen. Wir entschuldigten es mit den noch vor uns liegenden fünfzig Kilometern und der Aufstockung auf Kallis Speicherkarte. Die ebenfalls emsigen Bedienungen, deren Wiegen nicht in Breisach schaukelten, sondern in südöstlichen Gefilden, versuchten nicht vergebens uns mit freundlich rollendem R zu einem üppigen Trinkgeld zu animieren. Wir erlagen den Verführungskünsten und stellten ihnen sowohl Kalli, als auch den G. vor. Nach kurzer Überlegung beschlossen wir unsere Notdurft während der Fahrt fachgerecht zu verrichten – immer konsequent in Fahrtrichtung.

Entlang von lustig murmelnden Bächen, wogenden Kornfeldern und be-E-biketen Angebern ließen wir Breisach schnell hinter uns. Erste Unstimmigkeit mit G. und der offiziell perfekt ausgeschilderten Route des kaiserlichen Tourismusverbandes führten überraschend doch auf den gewünschten Weg. Jedenfalls solange die Strecke durch Wasserläufe, Straßen und Häuser automatisch begrenzt waren. Gegen besseres Wissen, also meines, steuerte G. den Weinbergen entgegen. Erste Steilhänge wurden noch mit Bravur erklommen. Nun säumten Reben unseren Weg. Trotz all meiner korrekten Räte, wie es erfahrene Westmänner nun mal beherrschen, bestand der Verfahrensmann auf unkritisches Folgen des G..

Es ist müßig zu erwähnen, dass Schorschi jede Gelegenheit nutzte seine Fingerfertigkeit am G. zu trainieren. Auch Kalli sollte nicht hinten anstehen, und ER überprüfte regelmäßig Kontostand der Kalorien, der zurückgelegten Wegstrecke und des Durchschnittstempos. Dieses sank mit jedem Meter, den wir den Vorschlägen des Laienhaften folgten. Inzwischen fehlten sogar ausreichend kleine Gänge, um den Steigungen Herr zu werden. Was bei den Ritzeln mangelte, war an Kg zu viel. Diese Hangabtriebskraft allerdings erwies sich in den Bergab-Passagen als förderlich, um Geschwindigkeit ohne körperliche Anstrengung aufzunehmen.

Kalli summierte neben Höhenmetern auch Kalorien, was Schorschi umgehend in die beliebte Währung von Eisbollen brillant und fehlerfrei umrechnete. Die Piste wechselte von Asphalt auf Schotter, die Steigung tendierte gen Senkrecht, beherztes Einschreiten meinerseits war die einzige Möglichkeit ein drohendes Debakel abzuwenden. G. hatte die Übersicht nun völlig verloren. Und Kalli war mit anderen Aufgaben rund um die Uhr ausgelastet. Schorschi schaute hilfesuchend zu mir. Geistesgegenwärtig gelang es mir einen betreckerten Kaiserstühler Jungwinzer zu stoppen, um seinen ortskundigen Rat einzuholen. Wie vermutet, das Ziel befand sich in 180 Grad Richtung. Schotterpiste hangabwärts zurück, den G. keines Blickes würdigend erreichten wir nach gerade einmal zwei Kilometern Endingen. Jetzt trennte uns die Winzigkeit von zweitausend lächerlichen Metern von der ausgelobten Eismanufaktur.

In Windeseile waren unsere Stahlrösser geparkt, und Schorschi stürmte auf die Eisauslagen zu. Ich hätte mir diese seine Dynamik in den Bergetappen gewünscht. Ohne auch nur einen müden Blick auf Kalli zu verschwenden, wanderte die Bestellung über den Tresen. Schokolade, Walnuss und Joghurt-Kirsch. Noch bevor ich die zweite Kugel anlöffeln konnte, eilte der Unterkühlte schon wieder Richtung Tresen, um mit weiteren Kugeln Mango, Erdbeer und Weissnichtmehr sein Kompotpurri zu vervollständigen. Sahne wurde mit einer fahrigen Handbewegung abgelehnt. Kalli schlug sinnbildlich die Datenspeicher über dem Display zusammen. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, die letzten Reste Erdbeereis vom Löffel saugend, konnte er Kalli nicht länger ignorieren. Seine klammen Finger huschten zusehends langsamer über Tastatur. Doch die Daten ließen das Grinsen noch breiter werden! 6.430 Kalorien – da konnten selbst die 6 Kugeln feinstes Eis kein Wässerchen trüben.

Unaufgeregt entlockte der Herrscher über Nullen und Einser an seinem Handgelenk weitere bemerkenswerte Tatsachen aus Kallis digitalem Datenspeicher: Sechzig Kilometer in viereinhalb Stunden – abzüglich dreißig Minuten Pause entspricht einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 16,3 Km/h. Immerhin, bei der Steilheit der Rebetappen…! Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass die Hangabtriebskraft uns zu einer Höchstgeschwindigkeit von 48,6 Km/h katapultierte. Was will man mehr?

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