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Neunhundertelf

Sind wir uns einig? Der Porsche 911 ist seit Generationen einer der schönsten Sportwagen ever! Nur, leider, die Klientel hat das Image beschädigt. Der Schaden ist auch nicht über eine Vollkasko zu regeln!

Anlass dieses Berichtes ist das jährliche Event im Hause Porsche. Ich darf mich über eine Einladung freuen, denn es gibt Essen und Trinken – man kann sich aber auch an den Gästen sattsehen. Und eben über diese Gäste möchte ich euch teilhaben lassen!

Wer kein Porsche-Shirt oder Polo hat, oder gar Sneakers und Cap zählt nicht zu den Prolos. Obwohl, Klunker an Handgelenken und Hals kategorisieren manchen Teilnehmer zu den Klassikern. Ohne jegliche Dekoration erkennt man, die Herren der Schöpfung, trotzdem. Das in Fragmenten vorhandene Resthaar ist streng gegelt nach hinten gestriegelt. Entweder apart zu einem Zöpfchen zusammengebunden. Um es sich plakativer vorstellen zu können, ruft euch ein Pinselohräffchen ins Kopfkino. Genauso. Als Pinsel allerdings maximal zu filigranen Retuschearbeiten verwendbar oder für den Pelikan Tuschekasten. Andere tragen ihre Pracht hinten offen, zwei Daumenbreite über dem Hemdkragen hinaus. Die goldigen Typen bevorzugen Undercut, damit ihr Resthirn, CO2 neutral, umweltschonend, auf natürlichem Weg gekühlt werden kann. Bei der Fußball-WM konnten wir hunderte Beispiele sehen.

Was die Herrschaften in ihre Karossen investieren, das geben die Begleitungen für ihre Optimierung aus. Was früher leichte Korrekturen an Lidern und Bäckchen dezent aufgehübscht wurde, wird heutzutage prall zu Schau gestellt. Die Hecks sind aufgepolstert, die Spoiler ebenso. Die Lippen dienen als Luftdruck-Reserve für die Pneus, die Nasen begradigt, die Ohrläppchen hängen eleganter, passend zum Geschmeide und es soll Körperpartien geben die ebenfalls gynäkologisch gestaltet worden sein sollen. Hm, diese blieben allerdings mehr im Verborgenen.

Es gibt durchaus Damen in bequemen Outfits. Man muss ja auch geschmeidig das Chassi aus dem Chassi bekommen. Die SUV-Beifahrerinnen hingegen verwechseln den Asphalt der Service-Hallen-Zufahrt jedoch mit einem Catwalk in Paris. Ein Kätzchen im Mini führte sogar, passend zu ihrem körperlichen Erscheinungsbild, einen Dackel an der Designerleine mit sich. Man merkte dem Dackel das Unwohlsein deutlich an! Die Beine waren krumm, wie eh und jeh. Die des Dackels natürlich! Der Urheber der Übelkeit konnte nicht lokalisiert werden. Das liegt sicher daran, dass wir uns nicht in die Blick-Perspektive des Dackels hineinversetzen können!

Eigentlich war mein Ansinnen, wie vor zwei Jahren einen Porsche-Kugelschreiber zu ergattern. Mit dem ich seit 24 Monaten jeden Einkaufszettel schreibe und täglich das Kreuzworträtsel ausfülle. Und er schreibt immer noch! Aber an Kugelschreibern wurde gespart, sicher, weil die Klientel ihre Einkaufsliste in Handy speichern und die Kreuzworträtsel zu schwer sind. Obwohl gelegentlich der Begriff „Pneu“ erfragt wird!

Alpentriathlon

Essen, Trinken und Wandern, so ein Urlaub erfreut die Geschmacksknospen, erweitert den Blickwinkel. Gerade Südtirol bietet immer wieder ungeahnte Er-fahrungen. Z.B. Fahren mit den Öffis. Mit dem Südtirol-Pass sind diese sogar kostenlos. Immer sauber, immer pünktlich (!) und immer überfüllt! Wer einmal in die Haut einer Sardine schlüpfen will, der fahre z.B. mit der Linie 221 von Meran ins Dorf Tirol. Oder umgekehrt.

Wer einmal, wie wir, atemraubende Quetschungen, gestempelte Füsse (Begriff entlehnt aus dem Fußball-Jargon) und kollapsnahe Schnappatmung überlebt hat, dem kann nur kreativer Einfallsreichtum eine sichere Heimkehr gewährleisten.

Da, wo die Touristen den kürzesten Weg zu Bus und Bahn haben, sammeln sich die zu Transportierenden zuhauf. Auf je drei Wanders- oder Shoppersleut kommen zwei Rucksäcke, ca. acht Wanderstöcke bzw. diverse Einkaufstütchen. In den äußerst kurvenreichen Strecken sucht man vergebens einen Halt zu finden. Dennoch kommt man nicht ins Straucheln oder fällt gar um. Körperreiche Schutzschilde garantieren jederzeit absolute Standsicherheit. Olfaktorische Wahrnehmungen beeinträchtigen jedoch das Wirgefühl.

Aber kommen wir zum Wesentlichen – zu der grandiosen Idee. Möchte man z.B. von Meran nach Dorf Tirol, schaffen es die erschöpften Wandersleut bzw. Powershopper gerade noch zur naheliegendsten Haltestelle im Centro. Alle, außer uns! Wir steigen, an der exakt gegenüberliegenden Haltestelle, in den nahezu leeren Bus, der zum Wendepunkt, zum nur zwei Stationen entfernten, Bahnhof fährt. Logisch ergattern wir hier ohne Gewalteinwirkung bequeme Sitzplätze in Fahrtrichtung! Am Wendeplatz bleiben wir dann einfach sitzen! Ahnt ihr was?

Was gibt es sonst zu berichten? Das Wandern. Die Formel: je geradeausser der Weg, desto voller. Besonders beliebt sind die Waalwege. Und besonders überlaufen sind die Walwege. Aber auch sehenswert schön. Auf diesen Autobahnen des Müllerslust grüßt man sich. Spätestens nach dem hundertsten Hallo, Grüß Gott, Guten Tag und gelegentlichem Moin stößt die Freundlichkeit an ihre Grenzen.

Unsere tägliche Wander-Bilanz (Schritte / Kilometer), ohne Grußformeln: 27.933 / 20,65 sowie      14.574 / 10,75   sowie   15.870 / 11,72  sowie  14.243 / 10,51. Dass in der Region nicht zu vermeidende Auf und Ab, abseits der Hochgeschwindigkeits-Routen, bleibt in dieser Statistik unerwähnt. Der Vollständigkeit halber erwähnt, seien noch die Besuche der Meraner und Bozener Innenstädte. An diesen Tagen wechselten wir artgerecht Bergschuhe und Rucksäcke gegen Slipper und Einkaufstütchen.

Dann muss noch ein Regentag dokumentiert werden. Erfahrungsgemäß werden diese Tage teuer. Entweder, man trinkt sich das Wetter schön. Oder man sucht den sicheren Hort eines Bekleidungshauses auf. Günstiger ist das leider aber auch

Sylt: Sonne + Strand satt!

Reisen bildet! Sagt der Volksmund. Und das kann ich nur bestätigen. Obwohl ich nun schon x-fach von unserem Sylt-Urlaub berichtet habe, stelle ich dieses Jahr die Reportage unter das Motto: „Reisen bildet“ und betrachte meinen Aufenthalt als ernsthafte Milieu Studie. Mit wirklich sensationellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Die erste Erfahrung mussten wir bereits, am eigenen Leibe, für den Transfer zur Inseln sammeln. Erstmals seit X Jahren haben wir den Autozug der Deutschen Bahn gewählt. Bisher vertrauten wir dem privaten Anbieter, den „Blauen“ unsere Überfahrt an. Ein fataler Fehler, der aber auch alle Vorurteile gegenüber der DB bestätigte. Während die „Blauen“ drei Züge vor unserem über den Deich brachten, mussten wir, sage und schreibe, über drei Stunden stehen, bis endlich ein Zug einsatzfähig war. Ich habe in der erzwungenen Wartezeit eine konspirative Terrorgruppe gebildet, die notfalls auch nicht vor Gewalttaten zurückschrecken würde!

Sylt ist, wie ihr sicher vermutet, ein ganz spezielles Terrain für ganz spezielle Milieustudien. So kristallisierte sich besonders unter den Erwachsenen eine eklatante Leseschwäche heraus. Die absolut meisten Schilder weisen darauf hin, dass Hunde generell an der Leine zu führen sind! So kann man sich irren! Die Vermutung, dass es durch den Trend zum Zweithund, an Leinen mangeln könnte, hat sich absolut nicht bestätigt.

Bei den aktuell beliebten Hunderassen rangieren nicht mehr die Pudel auf Platz eins. Mischlinge sind in! Nein, keine geretteten Straßenköter aus Rumänien, sondern in voller Absicht gezüchtete Abarten, wie z.B. Pinscher + Boxer oder Spitz + Stumpf oder Mops + Windhund oder Schweinhund + Steuersünder.

Die Abartigkeiten bei den Vierbeinern sind eine Erscheinung, wie sich die breite Masse im Herdentrieb steuern lässt. Eine weitere musste ich bei den Namen der lieben Kleinen registrieren. Im benachbarten Strandkorb bestraften die Helikopter Eltern ihren Sprössling (weiblich) mit dem Vornamen: „Appolonia“! Ob es über eine App bestellt wurde, oder im Rausch durch Apollinaris oder Aperol Spritz gezeugt wurde, ließ sich nicht näher in Erfahrung bringen. Der Anstand verbot es mir weitere gezielte Recherchen anzustellen.

Nach den Studien der Hunderassen und Kindernamen habe ich mich intensiv der Mode zugewandt. Wie gewandet sich die Sylter Urlauberschaft?  Die über einen längeren Zeitraum bevorzugten luftigen Kleidchen mit „Delfter Kachel-Print“ sind sowas von Old Fashion! Und selbst das Großwilddekor ist out. Ganz einfach daran zu erkennen, dass an den Sale-Ständer die Raubtierrabattschlacht ausufert. Aber auch „natürliche“ Gründe sprachen gegen diesen Trend. So, mangelte es beim Giraffenhals-Motiv an der nötigen Länge der Kleidungsstücke. Auch der Zebrastreifen-Look ist in Windeseile von den Shoppingmeilen verschwunden. Nachdem etliche Passantinnen beim Überqueren der Straße unter die Räder gekommen sind.

Die selbstoptimierte Frau trägt 2025 Spitze! Also Kleidungsstücke, die aussehen wie Omas Gardinen, die in stylischem Erscheinungsbild mit der Schrankwand „Eiche rustikal“ in „Gelsenkirchener Barock“ harmonieren! Man muss sich diese Kleidung vorstellen als verschieden großen Löchern mit gehäkelten Applikationen drumherum. Abgekupfert bei sogenannter „Brüsseler Spitze“. Als Faustformel für das Preisgefüge gilt: Je mehr und größer die Löcher, desto höher der Preis. Ok, auch das Material ist nicht zu vernachlässigen. Die Möchtegernvarianten sind auf Kunstfasertüll gedruckte topflappenmäßige Bordüren. In jedem Fall bleibt es eine Geschmacksfrage, denn auch nicht jede betuchte Trägerin entspricht den bürgerlichen ästhetischen Grundsätzen des menschlichem Zusammenseins. Und so trampeln die geschmackslosen Trendopfer durch die Fußgängerzonen.

Ach ja, fasst hätte ich vergessen zu erwähnen, dass die Berufstöchter ihre Lippen gerne optimieren. Auf Sylt nimmt man sich die roten Rettungs-Schlauchboote der Bay Watcher als löbliches Vorbild.

Harmlos dagegen präsentiert sich die Männerwelt. Sie sind nicht ganz so simpel gestrickt, was die Modeaffinität angeht. Langärmelige, hellblaue Hemden und / oder Kaschmirpullover prägen das Standard Outfit. Variantenreich ist lediglich die Pracht der  Haupthaare. Undercut oder kahl oder, sehr gerne gegelt und straight nach hinten gekämmt. Bei den Silberrücken mitunter auch hinten länger, mit smarter Kräuselung am Hemdkragen. Im Zentrum mittig mit ansatzweise lichten Hainen. Soweit, so gut.

Schaun wir mal, was sich 2026 auf Sylt Neues ergibt. Ich werde berichten!

Walhalla

Zu meinem Zyklus „Ich, OWL* und das wahre Leben!“ möchte ich heute eine weitere heitere Episode hinzufügen. Die Protagonisten hatten die 68er schadlos überstanden und stellten sich tapfer den neuen Herausforderungen des Lebens. Und Walhalla, ein gerne besuchtes Ausflugslokal in der Nähe von Bad Salzuflen. Es war, neben dem bereits beschriebenen Hotel Twachtmann, ein zweiter Zufluchtsort zur aktiven Entspannung unseres kurzweiligen Alltags. Soweit der Prolog.

Zum Entsetzen meiner Eltern und meiner Leber startete ich nach erfolgreichem Erwerb der Hochschulreife meine Karriere in einer Werbeagentur. In einer Zeit, in der Werbung noch Reklame genannt wurde und das Image nicht auf den vordersten Rängen der seriösen Berufe rangierte. Im Nachhinein kann ich diese Einstufung nachvollziehen. Als Kreativdirektor der Agentur heuerte mich Barni (ebenfalls bereits bekannt aus „Hotel Twachtmann“), während eines ausufernden Frühschoppens in vorgenanntem Hotel Twachtmann, als Volontär an. Für Kreative war es Usus, in einer prachtvollen Villa aus der Gründerzeit zu residieren. Und in einer solchen sollte ich nun das Handwerk des Werbers von der Pike auf erlernen. Es sollte mein weiteres Leben maßgeblich prägen, wenn auch die „Lehrjahre“ nicht wirklich koordiniert bzw. ergebnisorientiert gestaltet wurden. Immerhin hatte Barni aber meine Talente entdeckt und gefördert, die schlummernde Kreativität in mir wachgeküsst.

Eine der konsequent beherzigten Regelmäßigkeiten war das ausgiebige Feiern des Bergfestes. Will heißen, pünktlich jeden Mittwoch um 12:00 Uhr begannen die wöchentlichen Feierlichkeiten. Der harte Kern der Traditionalisten Barni, seine Frau Petrilein, der freie Graphiker Klaus, meine Wenigkeit sowie Kinski, der Agentur-Basset. Suchtartig zog es uns in das nahegelegene China-Restaurant „Zum goldenen Drachen“ (oder ähnlich), in dem es noch kein „All you can eat –Buffet“ gab. Wer dazumal zum Chinesen essen ging, der zählte schon zur kreativen Avantgarde. Der Volksmund hingegen munkelte, man würde Hund, Katze und Maus serviert bekommen. Oder gar Schlimmeres! Die Intoleranzen gegen Laktose, Glutamin und Co. waren noch nicht erfunden und Veganer gaben sich noch ausgiebig der Fleischeslust hin und es gab kein Thai-Curry-Grünkohl mit Tofu-Würstchen. Das reichhaltige Speisenangebot interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Es gab nur einen einzigen Grund warum wir jeden Mittwoch den Drachen heimsuchten: Die Speisen Nr. 18 + 88! Die 18, als Vorspeise, „WanTan Suppe“, die 88 „Weisses Huhn mit Gemüse, Pappreis und Soße süss/sauer“. Letztere konnte man auf der Rückseite eines Löffels löffeln, da der Glutaminanteil derart dominant war, dass die Soße süss/sauer wie der schwere Samtvorhang am Portal schlaff über dem Besteckrücken herabhing und am Stück zu verzehren war. Nicht, dass dieses Gericht sich zu kulinarischen Höhen aufschwang, nein, es war die Tatsache, dass die Bedienungen

sich äußerst dämlich mit der Aussprache der 8 anstellten. Die Bestätigung unserer Bestellung hörte sich demzufolge folgendermaßen an: „aaaaaaaaaghtzen (18) und aaaaaaaaaaaaaaaaghtunaaaaaaaaaaaahgtzig (88). Ich warne jeden Leser eindringlich sich an einen Eigenversuch zu wagen!

Allein diese Sekunden waren es uns wert, WanTanSuppe und Weisses Huhn zu unseren absoluten Favoriten zu erklären. Woche für Woche. Selbstverständlich bestellte jeder für sich. Außer Kinski natürlich! Und jedes Mal wieder freuten wir uns diebisch, denn die Prozedere wiederholte sich beim Servieren und Bezahlen abermals. Das Bergfest war gerettet!

Voller Freude und Glutaminsoße, nebst einiger Gläschen Reiswein folgte, was folgen musste – die Einkehr in der Walhalla. Das Schicksal wollte es, dass Klaus mit der Wirtstochter der Walhalla, Ingrid, leiert war. Ganz zu ihrem Leidwesen, war sie von ihren Eltern als legitime Nachfolgerin erkoren, worüber sich ihre Begeisterung in übersichtlichen Grenzen hielt. Wir profitierten allerdings von der Liaison mit Klaus, denn mittwochs war mit unglaublicher Zuverlässigkeit der schattigste, beste Tisch auf der Terrasse für uns reserviert. Doch damit nicht genug. An der Fusssohle der kurvenreichen Auffahrt genügte ein kurzes Hupzeichen, um an unserem Stammtisch ein kühles Pilsken, sowie ein wohlverdientes Verdauungsschnäpschen anzutreffen. Der Einstieg in einen bunten Nachmittag war damit gesichert. Die Villa aus der Gründerzeit blieb regelmäßig unbevölkert. Da es weder Internet, Handy noch Rufumleitung gab, konnten wir uns ungestört dem kreativen Bergfest hingeben.

Mit zunehmendem Promillewert erweiterte sich auch unser Horizont und die spontanen Ideen steigerten sich, denn schließlich deklarierten wir die Aufenthalte während der offiziellen Arbeitszeit in Walhallas Biergarten als konstruktiven Gedankenaustausch (heute Brainstorming). Und alsbald wähnten wir uns auch in der nordischen Mythologie, im Götterpalast angekommen, dem Ruheort für tapfere, gefallene Kämpfer, den sogenannten Einherjer. Das „Gefallen“ interpretierten wir mit „Gefallen finden“ frei- und großzügig zu unseren Gunsten. Am Ende des arbeitsreichen Tages checkte Klaus bei Ingrid ein, Petrilein chauffierte Barni, mich und Kinski heim zu sich, wo wir die Wartezeit auf meine Frau, die mich abholte, mit einem Scheidebecher (badisch bekannt als Fluchtächtele) sinnvoll verkürzten. Eine deckungsgleiche Kopie erfolgte konsequent, konstant jeden Mittwoch – das nennt man ostwestfälische Tradition.

Epilog: Das Ausflugslokal Walhalla existiert heute leider nicht mehr. Ebenso die Werbeagentur. Ob es den „Goldenen Drachen“ noch gibt ist nicht überliefert. Und ob die Bedienungen sich mit der Aussprache der 8 immer noch eine Stimmbandzerrung zuziehen ebenfalls. Die legendären Speisen 18 + 88 sind sicher immer noch unverzichtbare Bereicherung asiatischer Gastronomie. Sicher ist ebenfalls, dass reichlich Glutamin die Soße süß/sauer schwängert.

*Kleine geographische und histerische Exkursion.

Mich erreichen immer wieder von Ortsunkundigen die Fragen: „ Was ist oder wo liegt OWL?“ OWL ist die amtliche Abkürzung für die Region „Ostwestfalen-Lippe“. Sie ist wie folgt zu verorten: Sicher kennt jeder den Nabel der Welt! Und gleich daneben, quasi nur eine Handbreite entfernt, da liegt OWL! Also genau da, wo uns dereinst Arminius heldenhaft von den Römern befreite. Genau da, wo Arminia Bielefeld auch diese Saison wieder erfolgreich in der ersten Bundesliga stürmt. Die Chinesen haben das Schiesspulver erfunden. Das Backpulver kreierte Dr. Oetker aus OWL! Und die TK-Pizza. Das Rezept haben die Römer auf ihrer schmachvollen Flucht einfach liegenlassen. Es gibt tatsächlich Bielefeld, die Stadt, die es eigentlich nicht gibt, und das real existierende Herford, incl. dem Modehaus Klingenthal (siehe auch die Episoden 1 + 2: „Hotel Twachtmann“ sowie „Der fliegende Frisör“). Soweit, so gut.

Arm dran!

Die Physionomie meines Körpers ist eher für die Kopf- denn für die Handarbeit prädestiniert. Doch wer in ein neues Zuhause zieht, dem bleibt ein Schrauben und Schaufeln und was weiß ich denn noch, einfach nicht erspart. Und so kam, was kommen musste, mein Schraubarm stieß schnell an seine körperlichen Grenzen und reagierte mit einem stechenden Schmerz. Auch mein ehernes Vertrauen in die Selbstheilungskräfte – was von alleine kommt, geht auch wieder von alleine – versagte jämmerlich. Ergo, die Konsultation meines Hausarztes war von Nöten.

Problem erkannt, ein Rezept fürs Sanitätshaus versprach alsbaldige Genesung. Mein letzter Besuch eines Sanitätshauses lag offensichtlich Jahrzehnte zurück, in einer Zeit, in der noch keine Einsen und Nullen unser Leben terrorisierte. Heute sind es überwiegend die Nullen, die die Speicherkapazitäten der Computer bis zum Bersten vollstopfen. Allerdings ist es immer noch ein weiter Weg, von konventionellen Formularen, nebst Durchschlägen mit Datum und Unterschriften. Denn allein die notwendigen Unterschriften trugen nicht wirklich zur raschen Genesung bei.

Nachdem das Formularwesen bedient war, wurde eine orthopädische Bandage zum Verzurren angepasst. In dezentem Anthrazit, mit pinken Applikationen aus atmungsaktivem Funktionsmaterial, sowie Klettverschluss. Nachdem die ordnungsgemäße Anprobe ordnungsgemäß dokumentiert und meinerseits ordnungsgemäß beglaubigt war, wurde die detaillierte Datensammlung von den Formularen fehlerfrei in den PC eingepflegt. Das Gesundheitskärtchen diente zur  digitalen Übermittlung meiner Stammdaten. Hier konnte kostspielige Zeit wieder gutgemacht werden.

Mein Obolus beschränkte sich auf 5,46 € und ich wurde mit guten Wünschen zum Wochenende und zur Besserung in den analogen Alltag entlassen. Sicher wird mein finanzieller Beitrag entscheidend dazu beitragen, dass die Mitarbeiter der Krankenkasse zwar umsonst aber nicht kostenlos arbeiten müssen.

Was will man Meer?

Meer Wein! Meer Liebe! Meer Cashmere! Das Motto in der Buhne 16 auf Sylt sagt ja nun wirklich alles! Ergänzend weist die Bedienung darauf hin, dass „Trinken hilft!“

Doch zuerst muss ich euch noch von der Anreise erzählen: Dem Tag in Hamburg. Anstelle eines Schaufensterbummels erfreuten wir uns an diversen Demos. Es begann mit einer Handvoll Kümmerlinge die pro oder anti den Iran (war nicht zu erkennen!) ein sparsames Fähnlein ausgerollt hatten. Vor dem Rathaus dann sind so  an die hundert überwiegend (nicht körperlich gemeint!) Damen aufmarschiert, die jede eine Pappe oder in Gruppen ein Bettlaken hochhielten, um schweigend für die Fütterung von Tauben zu demonstrieren. Diese hätten es in der Coronakrise ja besonders schwer. Es mangelt an rumfliegenden Essensresten und damit am natürlichen Fortbestand der Ratten der Lüfte. Dazu verweigere ich jegliche weitere Meinung!!!

Bevor wir das Grüppchen einer offensichtlich verwirrten Schar anonymer Wasweissichdenn passierten, die auf ihrem Poster „Flugzeuge statt Drohnen“ forderten, befanden wir uns unversehens in der Großdemo der Corona-Leugner. Gespickt mit unverbesserlichen Verschwörungstheoretiker und anderem Gesocks. Flankiert wurde die Meute(n) von aufgerüsteten, panzergleichen Polizeigarden. Dass ich das auch noch erleben durfte!

Da ich mich bereits aus diversen Urlauben über die Insel Sylt tiefsinnig ausgelassen habe, möchte ich dieses Mal von ein paar Insel-Gesprächs-Fetzen berichten. Vorweg sei gesagt, die meisten Besucher sind stinknormale Urlauber. Es gibt allerdings auch echten Geldadel und leider auch Möchtegerne und noch schlimmer neureiche Proleten.

Bei einem Abendessen im Dorfkrug in Kampen saßen zwei hoch-karätige Damen neben uns. Ihre Hunde hatten sie mitgebracht. Also, die Hunde die Damen! Denn man / Frau trägt wieder Hund. Besonders besondere Rassen. Als ein weiterer Hundling mit seinem Frauchen das Lokal betrat, bemerkte ich die aufkommende Unruhe der beiden Platzhirschinnen. Es tat sich etwas Ernstes im Revier! Der Neuankömmling, ein Rüde, trug ein mit Perlen besticktes Halsband! Augenblicklich nahmen die Hundestaffeln Kontakt auf. Woher stammt dieses Halsband? Fotos wurden geschossen, Telefonnummern getauscht, Links angehängt und Preise genannt. Gar nicht so teuer, wenn man bedenkt, dass es maßgerecht und handgefertigt ist. Von dem Geld könnte eine normale Familie gut eine Woche in Saus und Braus leben. Das Essen war inzwischen kalt!

Bei dem Genuss eines Sundowners gesellten sich vier Düsseldorfer Neureiche zu uns an den Tisch. Lauthals proleteten sie herum, dass es 14.000€ gekostet hätte, um ein Privatjet zu chartern, das sie nach Sardinien geflogen hat. So hätten sie die Hochzeit ihrer Enkelin noch rechtzeitig erreicht! Wir haben ganz spontan bezahlt und auf einen weiteren Drink verzichtet. Oder hätte womöglich meer „Alkohol geholfen“?

In selbiger Bar, nur einen Tag später, das Kontrastprogramm. Vier wahrscheinlich Vermögende gesellten sich ebenfalls an unseren Tisch. Zufall! Gedämpft und rücksichtsvoll berichteten sich die beiden Paare, die sich offensichtlich gerade erst getroffen hatten, aber gut bekannt waren, von ihren Bauvorhaben. Das eine Paar von ihrem neuen Haus auf Sylt, das andere von der ETW, die sie gerade gekauft hatten. Den Wert der Wohnung erarbeitet ein Normalo nicht in seinem Leben. Was das Haus plus Grund und Boden gekostet hatte, konnte ich nicht erlauschen. Andererseits verdient (bekommt) Messi das in einer Woche. Alles ist relativ. „Trinken hilft!“

Noch ein Wort zur Kleidung. Diese spielt auf Sylt ebenfalls eine wichtige Rolle! Neben der Anzahl der Zylinder und des Hubraums. Entgegen aller Regeln, dass man sich so gut und teuer wie möglich voneinander abkleidet (Meer Cashmere), entpuppte sich ein Strandkleidchen. Ja, Frau trägt nicht nur Hund! Hier konnte man die Massenhysterie und den Rudelwahn bewundern. Das Dekor des Objektes ähnelte den Ornamenten von Florentiner Kacheln, oder Küchenhandtüchern aus Uromas Zeiten. Allerdings in bunter Farbvielfalt – aber ansonsten tupfengleich! Der Schnitt hatte etwas von einem Kartoffelsack, der sich nach unten trichterförmig öffnet. Unterteilt in drei Etagen. Als ob der Stoff nur in den schmalen Bahnen für Küchenhandtücher gefertigt worden wäre, reihte sich eine Bahn an die andere. Ohne auf Passgenauigkeit oder gar Harmonie der Motive Rücksicht zu nehmen. So gewandet flanierten die Haute Couture-Süchtigen durch Stadt und Strand. In mir brach ein Weltbild zusammen! Sackleinen statt Cashmere! Obwohl, die Belüftung der intimen Zonen an heißen Tagen sicher für allerlei Erfrischung durch die Meeresbrise gesorgt hat. Wohlergehen vor Wohlstandsgehabe. Geht doch!

Belle de T(j)our.

Neue Woche, neues Glück! Eine weitere schöne Tour! Nach der alpinen Etappe ins Schuttertal letzte Woche, ging, genauer führte die gemeinsame Fahrt durch die Ebene. Nicht, wie man meinen könnte in Holland, vorbei an den drei Großen Ts: Tulpen, Tomaten, Tilsiter, nein, sondern durch die Alleen der Monokulturen der Maisfelder im Elsass. Es war ein perfekter Tag, am absoluten astronomischen Maximum der Sonnenstrahlung. Aber starten wir am Beginn.

Pünktlich auf die Minute, diesmal wieder mit Helm, eingenordetem Navi und perfekt gestylt, fuhr Schorschi auf den Hof. Von Kopf bis Fuß harmonisch und haarmodisch im Einklang mit dem strahlenden Weiß seines Campers. Weißes Rad, weiße Packtasche, blütenweißes, atmungsaktives T-Shirt, weiße (RAL 9010), climacoole Socken, mit gesticktem Monogramm, auf dem linken ein „L“, auf dem rechten ein „R“. Diese steckten in geländegängigen Sportsandalen. Als Krönung: schlohweißes Haar. Behände war auch mein Rad routiniert versorgt. Wir konnten starten, der Tag war noch relativ jungfräulich.

Ausgangsziel war Neu Breisach. Mitten auf dem Marktplatz, einem kostenfreier Parkplatz. Ein eifriger Gemeindekalfaktor blockierte die Zufahrt, um verdorrten Pflanzen die letzte Wässerung angedeihen zu lassen. Wir umrundeten den Markt-, Parkplatz noch einmal in einer Warteschleife und blockierten dann ungeduldig die Zufahrt zur Zufahrt, bis die Flutung der Blumentröge abgeschlossen war. Ein Hupkonzert der Eingeborenen veranlasste den Sprengmeister ein wenig schneller sein Tagwerk zu verrichten.

Ansonsten war Neu Breisach menschen- als auch touristenleer. Die historischen Wehranlagen hatten offensichtlich den Besucherströmen standgehalten. Es gab keinerlei Anzeichen von Brandschatzungen, Vergewaltigungen oder Parksündern. Drei Flics lümmelten gelangweilt im Schatten. Es war nicht zu erkennen, auf wen oder was sie harrten. Die Räder waren flugs entsorgt, Schorschi vergewisserte sich noch einmal gewissenhaft über die Funktionsfähigkeit des Navis, prüfte den Reifendruck, Bremsanlage und Beleuchtung, sowie den aktuellen Börsenkurs für Kettenöl auf „Kettenöl24“. Gerade als wir in Richtung Colmar aufbrechen wollten, sprach uns eine Frau mittlerer Altersklasse, aber höherer Gewichtklasse, an und erkundigte sich nach der Zufriedenheit mit dem Campers. Bereitwillig gab Schorschi Auskunft. Als Gegenleistung entlockten wir, der offensichtlich ortskundigen Fragenden, den besten Einstieg in die minutiös geplante Tour. Sie teilte uns darüber hinaus noch ungefragt mit, dass ihr E-Bike zur Inspektion sei. Womöglich hätte sie sich sonst uns noch anschließen wollen. Mann muss halt Glück haben!

Entgegen des Rates der radlosen Radlerin bestand unser Guide darauf dem Navi Folge zu leisten. Nachdem wir allerdings glücklich wieder auf dem Marktplatz zurück waren, stellte sich heraus, dass wahrscheinlich ein winziger Tippfehler uns innerhalb der Stadtmauern, entgegen dem Uhrzeigersinn und der erlaubten Fahrtrichtung, unbemerkt von den gelangweilten Flics, im Kreise kreisen ließ. Durch eine nadelöhrgrosse Bresche verließen wir die Feste gen Colmar. Wir durchquerten rasant Appenwihr, weder verwandt noch verschwägert mit unserem badischen Appenweier, nach Sundhoffen. Das Navi leitete uns kreuz und quer durch die Gemeinde. Stutzig machte mich, dass wir uns unversehens auf der „Rue de Appenwihr“ befanden. Ich intervenierte, doch Schorschi vertraute seinem Navi. Es war eindeutig ein Fehler! Gegen all meine Erfahrung als Westmann (Ost-Westfale!). Als wir etliche Kilometer später wieder Appenwihr in entgegengesetzter Richtung zum wiederholten Male durchquerten, erkannte Schorschi, dass sein Navi wohl wieder ein Eigenleben entwickelt hatte. Der Vorteil war, wir kannten jetzt die Strecke. Bis ins Zentrum nach Colmar mussten wir leider unseren Radweg mit diversen P- und LKWs teilen, sodass wir nur aufgereiht wie die Erpel dahinradeln konnten.

Mit Hunger und Durst im Gepäck, sowie mit Wissenshunger und -durst nach den Sehenswürdigkeiten der Altstadt, schauten wir uns nach einem sicheren Standplatz für unsere Velos um. Einige zum „U“ geformten Chromstahlrohre signalisierten, dass sie sowohl von Radlern, als auch von Hunden regelmäßig heimgesucht wurden. Nein, die Hunde nicht zum Abstellen ihrer Räder! Per Pedes gingen wir auf Entdeckungsreise, durch die Altstadt, durch die Markthalle bis ins „Kleine Venedig“. Irgendwo im Getümmel der Urlauber ergatterten wir ein schattiges Plätzchen mit allerbestem Blick auf die vorbeitrollende Menge. Das Panache war perfekt, der Flammkuchen war ebenso hauchdünn wie belegt. Wir hätten ihn zusammengerollt mit ein – zwei Bissen problem- und geräuschlos verschlingen können. Die Alternative wäre Schweinebauch, Würstchen und Sauerkraut gewesen. Na dann Prost, Mahlzeit!

Mit quasi leerem Bauch und Portemonnaie machten wir uns schließlich auf die Suche nach einer Eisbude. Der Franzose an sich, und der Elsässer im Speziellen, sind wohl eher ausgewiesene Eisverweigerer. Deshalb dauerte es diverse Gassen und Sträßchen, bis wir eine Eisbude unseres Vertrauens entdeckt hatten. Zwei € die Kugel, zwei Kugeln 3,90€. Wir haben nicht weiter recherchiert, bei welcher Anzahl von Kugeln wir den bundesdeutschen Kugelpreis erreicht hätten.

Obwohl ich für das Wiederauffinden unserer Räder im Vorfeld bereits ein bis zwei Stunden kalkuliert hatte, schafften wir es deutlich innerhalb kürzerer Zeit. Dabei muss ich gestehen, dass mir der direkte Weg doch ein wenig aus dem Kompass geraten war. Schließlich wusste sich Schorschi zu erinnern, dass eine zu Stein erstarrte, bis zur Unkenntlichkeit geschminkte Strassenkünstlerin uns den richtigen Weg zeigen würde. So sie denn nicht ihre Position signifikant, dank üppiger Spenden, geändert hätte. Ihr Hut war, Touristen sei Dank, noch spärlich bemünzt.

Die Rückfahrt, immer entlang am Rhein-Rhone-Kanal, verlief streckenweise im Schatten. Ohne P- und LKWs aber mit sehr entgegenkommenden Horden von radelnden Familien und anderen Aktivisten. Zurück auf dem kostenfreien Marktplatz zeigte sich, dass es sich gelohnt hatte, den Verlauf der Sonne voraus zu berechnen und in der Konsequenz, am Nachmittag, einen schattigen Parkplatz zu erhaschen. Den einzigen Schatten weit und breit warf jedoch unser Camper. Das astronomische Maximum hatte seine volle Wirkung entfaltet und wir suchten kühlende Zuflucht in einer Confiserie, für deren Gebäck sie weit über die Grenzen des kostenfreien Parkplatzes hinaus berühmt war. Mit einem Tässchen Kaffee und einem Stückchen Kuchen beendeten wir die Belle de Tour. Der Kuchen konnte übrigens mit seinem vorauseilenden Ruhm nicht schritthalten! Die mittelalterliche Frau vom Morgen ist wohl bei anderen Camper-Besitzern heimisch geworden. Und ob ihr E-Bike wieder flott war? Wir wissen es nicht!

Noch eine ganz kniffelige Quizfrage: Warum steigen nahezu alle Radfahrer generell von der linken Seite auf und ab? Richtig! Weil sich dort der Ständer befindet!

Résumé: 56,7 Km / 2,45 Std. schiere Fahrzeit / Durchschnitt 20,6 Km/Std. Voila!

Alternativlos

Es ist mal wieder an der Zeit, ein paar Worte über eine unserer Radtouren zu verschwenden. Nachdem uns das Virus ja eine längere Ausfahrt vergrault hat, müssen wir uns, wohl oder übel, mit Tagesetappen zufriedengeben. Eigentlich lief uns das Wasser bereits im Munde zusammen, wenn wir nur an den Plan dachten, das Königreich Belgien zu erradeln. Dicke Pommes und fette Majo, edle Confiserien und kühle Bierchen. Ja, aber! Und wo sind wir gelandet? In der Rheinebene und heute, am 21.07., im Schuttertal. Allerdings nur die Hälfte der Distance bergauf. Wenn auch äußerst gemäßigt. Der Eco-Gang hin und wieder reichte bei mir locker aus. Bei mir! Mehr muss ich ja wohl dazu nicht schreiben.

Wie immer gesellen sich die ersten größeren Probleme gleich vor dem Start zu uns. Der Fahrradständer am Camper war für so hypermoderne Räder, wie das meinige, nicht geeignet. Die Sicherungstaschen für die Reifen zu schmal, die Halterung für das gesamte Rad unbrauchbar, die Bänder zum Verzurren zu kurz. Ordinäre Gurte aus dem unerschöpflichen Repertoire meiner Garage lösten dieses Problem. Ein anderes war der Helm. Der vergessene! Ein Ersatz musste her. Selbstverständlich war im Handumdrehen das Schmuckstück aus dem Fundus meiner Frau einsatzbereit. Genauer gesagt, wäre einsatzbereit gewesen, wenn nicht Schorschi die notwendige Verlängerung höchstpersönlich gelöst hätte, um die Schmach des Vergessens vergessen zu machen. Man musste einfach nur den Nippel durch die Lasche ziehen. Als allerdings das Riemchen plötzlich komplett aus der Riemchenklemme rutschte, ahnte ich bereits, dass es eher helmlos in die Berge gehen würde. Eine einfache, leichte, handelsübliche Baseballkappe, mit simpelstem Klettverschluss, unkaputtbar, sorgte dann wenigsten für ausreichende Beschattung auf schneeweißem Haupt.

Da der Tag nun doch etwas in die Zeit gekommen war, wurde die angedachte Tour im Elsass verworfen. Die Anreise, die Aktivierung des Navis etc. hätte sehr wahrscheinlich eine ungewollte Übernachtung mit sich gebracht. Und Schorschi führte sein Babydoll ausnahmsweise nicht in seiner Satteltasche mit. Und so wurde es eben das Schuttertal. Sanft ansteigend, gut ausgeschildert – aber auch generell nicht zum Verfahren geeignet, da Täler in der Regel links und rechts durch Berge begrenzt sind.

Und so glitten wir gen Osten, in Richtung Schweighausen. Es hätte, ja hätte eine Steigerung gegeben. Über den Berg nach Ettenheim. Da der anderen Hälfte unseres Duos die Erhebungen jedoch schier zu mächtig waren, wurde der pure Gedanke daran augenblicklich als nicht durchführbar ad acta gelegt. Bis zur nahen Dorfmitte von Schweighausen musste, allen Bergauffobien zum Trotz, dann doch der ein oder andere Höhenmeter überwunden werden.

Der Dorfladen jedoch bot Erfrischungen und frisch belegte Brötchen. Die Mädels freuten sich derart über uns zwei überaus sympathische Radler, dass sie sich nicht lange bezierzen, um die Terrasse eigens für uns zu öffnen. Wir wurden sogar im SB-Dorfladen, gegen alle Regeln des Dorfladens und der Coronaregeln, gerne bedient! Na dann Prost Mahlzeit!

Auf der Rückfahrt erreichten wir eine Höchstgeschwindigkeit von 58 km/Std.! Ohne zu treten! Die Geschwindigkeit war allerdings weitaus höher als die Strecke weit, die wir zurückgelegt hatten. Und so bedurfte es einer Scheibenbremsung, um unmittelbar vor einer Eisbude in Wittelbach zum Stehen zu kommen. Besagte Eisbude war derart coronamäßig verrammelt, dass drei Bollen Eis in der Waffel nur in absoluter Schräglage durch die Durchreiche gereicht werden konnte. Das Buswartehäuschen gegenüber bot ein lauschiges Schattenplätzchen. Wir konnten hier den Gesprächen der Ureinwohner lauschen. Allerdings haben wir keine wichtigen Neuigkeiten erfahren. Zurück am Camper, der Tag war noch jungfräulich, entschloss ich mich die restliche Heimfahrt per Velo zu vollenden. Mein kongenialer Partner sattelte den Fahrradständer und caravante gen Norden.

Summit: 51,3 km / 2:32 reine Fahrzeit / Schnittgeschwindigkeit 20,2 km/Std. / Topspeed 58 km/Std!

P.S.: Schuttertal war heute, nächste Woche Elsass! Wenn alles gut läuft.

Der fliegende Frisör.

Seit Montag, ausgerechnet einem, für Frisöre heiligen, Montag, hatte die Ethik-Kommission der Bundesregierung die Auflagen in der Corona-Pandemie gelockert und ein Einsehen, Frisöre durften sich wieder über die üppige, seit Wochen unkontrolliert gewucherten Haarpracht der Daheimgebliebenen hermachen. Dank Home Office blieb es bis dato dem Gros der Schutzbefohlenen erspart, mit Hohn und Spott bedacht zu werden. Es sind diese Schlüsselerlebnisse, die Paradigmen hochpoppen lassen, wie Links oder Cookies auf diversen  Internetseiten. Animiert durch diese Bilder will und darf ich euch die folgende Episode natürlich nicht vorenthalten. Ein wahrer Schatz meiner ausgiebig und intensiv genossenen Jugend.

Fabrizio hatte in geobetriebswirtschaftlicher 1A-Lage seine Eisdiele eröffnet. Mit typisch gebrochenem Deutsch/Italienisch pries er sein damals noch recht übersichtliches Sortiment an. Man saß zentral, konnte jeden und alles sehen und vor allem, wurde auch gesehen. Was hat nun Fabrizio mit dem fliegenden Frisör gemein? Eigentlich gar nichts, er dient quasi nur als dramaturgisch perfektes Vorspiel meiner Geschichte. Bei Fabrizio hatte ich nämlich das erste Stelldichein, heute eher als Date bekannt, mit Rita. Rita, eine wohlproportionierte Schaufenstergestalterin des Modehauses Klingenthal in meiner Heimartstadt Herford (Ostwestfalen!).

Da der Undercut bei uns revolutionären Pseudoblumenkindern gänzlich aus der Mode gekommen war, stießen die Haare seit einiger Zeit aus Protest mindestens an den Hemdkragen. Wenn nicht gar pilzkopfartig darüber hinaus. Der erste Eindruck prägt – nach diesem Motto wollte ich noch rasch einen Frisör aufsuchen, um ja nicht mit einem ungepflegten Ersteindruck bei Rita ins Abenteuer zu starten. Wer In sein wollte, der ging allerdings nicht einfach zu einem Frisör. Man ging zu Willi ter Wint, dem fliegenden Frisör. Quasi dem Udo Walz von OWL. Inoffiziell war Willi, wie seine Freunde zu ihm sagen durften, sogar der schnellste Friseur Deutschlands. Bei Leibe nicht, weil er die Haare in Rekordzeit zu schneiden wusste, sondern weil Willi 1966 an der Tour d`Europe mit seinem frisierten Opel Kadett A teilgenommen hatte, einer Rallye, die quer durch Europa, von Hannover über Bukarest bis nach Travemünde führte. Für einen Haarschnitt musste man dagegen etwas länger planen.

Willi schnibbelte und föhnte in einer Seitenstraße vom Neuen Markt, unbehelligt von jeglicher Laufkundschaft. In dieser Zeit, also vor dem WeltWeitenWeb, wurden Termine, auch für Stelldicheins, z.B. mit Rita,  nicht per WhatsApp oder über Dating-Agenturen, sondern noch persönlich von Angesicht zu Angesicht getroffen. Man betrat den Laden, vergewisserte sich über die Zahl der Wartenden und entschied spontan, ob man verweilte oder es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versuchen sollte.

In der Regel betrug die Wartezeit mangels Laufkundschaft nicht allzu lange. Außerdem boten sowohl Willi selbst, als auch sein Repertoire an Zeitschriften allerlei Kurzweil. Nicht die übliche Burda-Regenbogenpresse des Lesezirkels lag auf dem Nierentisch aus, sondern die Rallye + Racing, die Twen, der Playboy sowie die Titanic. Links und rechts flankierten zwei orangefarbene Clubsessel den Nierentisch. Durch die minimierten Sitzmöglichkeiten war der Überblick über die Menge der Wartenden einigermaßen rasch zu erfassen.

Willi war ein Meister seines Fachs, der in seinem Salon ausschließlich Herren bediente. Er war auch der einzige. Geschickt jonglierte er abwechselnd zwischen zwei Behandlungsstühlen (oder genauer gesagt Beischneidungsstühle?). Ob er insgeheim auf eine Erweiterung der Kapazität spekulierte blieb im nebulösen Dunst des Haarsprays verborgen. Anstelle des Meisterbriefes zierten Fotos von seinen legendären Renneinsätzen, sowie die Reliquie eines geplatzten Pneus, und der damit geplatzten Siegeschancen,  die Wände. Und, Willi war ein unübertroffener Meister der bildhaften Erzählkunst. Dabei schilderte er aus seinem reichhaltigen Repertoire nicht nur jeden Millimeter Kurventechnik seiner abenteuerlichen Rallyefahrten, nein, auch dem Jazz, speziell dem Kontrabass, konnte Willi mit vollem Körpereinsatz viel abgewinnen. Und so fuchtelte er in wilden Gesten mit Schere, Föhn und Rasiermesser hinter seinen Kunden herum, dass man nicht nur um seine Fasson, als auch um die körperliche Unversehrtheit generell bangen musste. Ruhiger und diskreter wurde im innersten Zirkel das Thema Boxenluder in epischer sowie erotischer Breite erörtert. Dabei redete er unentwegt spiegelverkehrt auf die Kunden ein und bezog selbstverständlich auch die Wartenden in den orangefarbenen Clubsesseln mit ein.

Gelegentlich benutzte Willi auch einen Rollhocker, um seinen Rücken zu schonen. Mit ihm kurvte er in seinem Salon ebenso geschickt umher, wie mit seinem Opel Kadett auf der Rennpiste. Besonders illuster wurde es, wenn Willi sein Werkzeug ablegte und virtuos auf seinem Schattenkontrabass zupfte. Dabei brummte er dumpf, aber immer rhythmisch im Takt. Bevor er sich endgültig in ein musikalisches Nirwana zupfte, musste man bei Willi ernsthaft intervenieren und ihn wieder in die Realität, auf die Bretter seines Herrensalons, zurückbeamen. Wer also terminlich gebunden war, dem war geraten die Konversation eher im Allgemeinen zu halten. Hier bot sich auch schon in den Sechzigern das Wetter als neutrales, unverbindliches  Thema an. Aber, wer wollte das schon? Schließlich war die Frisur eigentlich zur reinen Nebensache degradiert. Trotz aller Unkenrufe schaffte ich es an besagtem Tag das Stelldichein mit Rita bei Fabrizio pünktlich wahrzunehmen. Natürlich hatte ich auch ausgiebig zu berichten. Von Willi, der Kurventechnik und dem Kontrabass. Übers Wetter hatten wir, so glaube ich mich zu erinnern, weniger gesprochen. Hier endet die Episode. Die Liaison mit der wohlproportionierten Schaufensterpuppe hingegen währte einen erlebnisreichen Sommer lang, bis nach dem WSV.

Fahrt ins Grüne.

Gesund und munter aus dem Urlaub zurück, allerdings ohne Umwege direkt in die Virusfalle!  Aber beginnen wir von vorn. Unser Skiurlaub 2020 verlief nicht wirklich ohne Sorgen. Die Anreise gestaltete sich abwechslungsreich. Will heißen, die Fahrer wechselten sich ischiasgenervt ab. Wir, das heißt, ein Brettler / zwei -rinnen und ein Zufussgeher machten sich auf nach Tirol, genauer gesagt, nach Kirchberg nah bei Kitzbühel. Genau dahin, wohin es uns bereits 2019 gezogen hatte. Der zum Skifahren zwingend erforderliche Schnee streckte sich wie eine Zunge, nur eben nicht in rot, die grünen Hänge hinab ins Tal. Man berichtete mir, dass es früh am Tag noch erfahrbar war, später, gegen Mittag, machte es Sinn sich dem Apres zuzuwenden und mit einem Bilderbuch-Einkehrschwung die nächste Obstlerbude anzusteuern. Während ich die Umgebung bewanderte und mich bei Zeiten ebenfalls zur Einkehr wieder einfand.

Der alltägliche Dekathlon begann um 15:30 Uhr mit einer Jause und Sundowner. Anschließend saunieren, ab in den Ruheraum und später die volle Konzentration auf das Fünf-Gang-Menü mit begleitenden Weinen. Zur Verdauung, danach im Leder, einen destillierten Geist. Zum Zeitvertreib wurde mit bezifferten Plastikklötzchen gespielt. Sie mussten, farblich passend und in auf- oder absteigender Reihenfolge, den lauernden Gegnern dargeboten werden. Die Unerfahrenen erspielten sich konstant die hinteren Plätze – was sich im Laufe der Woche, mit ein wenig mehr Praxis, aber nur marginal besserte. Frühstücken stand um 09:00Uhr auf dem Programm des folgenden Tages. Eigentlich jeden Tages!

Begleitet von den beiden Mädels eroberten wir eines sonnigen Tages die Millionen-stadt Kitzbühel. Dort residieren nicht etwa Millionen Einwohner, sondern Einwohner und andere Zwielichtgestalten, wie etwa Kaiser Franz, die Millionen auf ihren Bankkonten mehr oder weniger legal gebunkert haben. In der kleinen aber nicht mindert elitären Fußgängerzone erkannte man die Eingeborenen sofort an ihren knielangen Lodenmänteln und den großkrempigen Filzhüten, an denen bunte Federn oder Geissbockbärte oder –bürzel prangten. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass wir ein perfektes Plätzchen in einem Straßencafé ergatterten, um dem bunten Treiben zuzusehen und um die Exoten mit lustigen, einfallsreichen Kommentaren zu begleiten. Die Rechnung war unerwartet günstig und obwohl ich einen Weißwein plus ein Mineralwasser getrunken hatte, habe ich kein Trinkgeld erhalten. Die Bedienungen selbst waren, anders als in gemeinen, ordinären Touri-Zentren üblich, ausschließlich in edlem Tuch gewandet. Das grassierende Corona-Virus schien niemanden zu interessieren, angsteinflößend war allendhalben eine epidemische Insolventia. Allerdings steht die Rettung der Banken ja bereits ganz oben auf der Agenda der Krisenmanager.

Auf dem Rückweg vom sozialen Brennpunkt, von ca. einer Stunde Dauer, ersann ich eine kleine mathematische Denksportaufgabe, um neben dem Körper auch den Geist zu ertüchtigen. Mit einem einfachen Dreisatz sollte zu lösen sein, wieviel im Schnitt die einzelnen der vier Getränke gekostet haben, oder, alternativ wieviel im Schnitt die vier Getränke für uns drei Gäste gekostet haben. Der Einfachheit halber interpolierte ich die Summe mit der Priemzahl eins, um Zahlen hinter dem Komma zu vermeiden. Technische Hilfe durfte nicht in Anspruch genommen werden. Das Handy wurde lediglich zu Fotodokumentationen eingesetzt. Mit der Denkzeit vergingen auch die Kilometer und da das traute Heim bald in Sichtweite zu erwarten war, reduzierte ich die Aufgabe auf eine simple Division. Zu empfehlen sei der Besuch eines VHS-Kurses zum Thema malen nach Zahlen. Man(n) hat es nicht leicht!

Eine ganze Korona Italiener am Nachbartisch ließen die akute Gesundheitsfrage  hochkochen. Gott sei Dank ergaben Recherchen im Internet, dass das Virus mit Alkohol vernichtend zu geschlagen sei. Wir gingen ganz auf Nr. Sicher!

Ins schöne Kufstein sollte uns die Kauflust am vorletzten Tag magisch ziehen. Genauer ins Outlet der Glasbläserei Riedel. Nicht, dass es uns an gleichnamigen Gläsern mangeln würde. Ganz im Gegenteil. Ernsthafte Gedanken über den sicheren Hort der Unterbringung bzw. des sicheren Heimtransportes der ergatterten Schnäppchen trieben uns tiefe Sorgenfalten ins Gesicht. Die Freude war groß, als eine unvorhergesehene Abwechslung uns, die beiden Männer, von der mittlerweile fünften Darbietung des Imagevideos, loseiste. Der Oberbläser Maximilian J. Riedel höchstpersönlich gab sich die Ehre, seinem Outlet einen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Mit attraktiven Offerten trotzte er dem viralen Käuferschwund.

Bevor wir das Ortsausgangsschild von Kufstein passierten, statteten wir Anita noch einen Besuch ab. Anita, ein weiteres Outlet für Dessous und Bademoden. Unsere Damen und ein paar weitere Anwesendinnen waren dankbar für unsere kompetente, fachlich fundierte Imageberatung in obiger Sache. Allein mit der passenden Bewertung der Oberweitengrößen taten wir uns ein wenig schwer. Besonders bei der Zuordnung der tragfähigen Buchstaben, aufsteigend von „A“. Es ist müßig zu erwähnen, dass unsere Mädels fündig geworden sind. Von Anita selbst waren wir, die Männer, eher enttäuscht. Realität und Wirklichkeit standen in einem krassen Missverhältnis. Während uns die überlebensgroßen Poster an der Aussenfront des Gebäudes optischen Hochgenuss vorgaukelten, gaben die Anitas zwischen den Regalen eher Anlass zur Eile zu drängen.

Auf der Heimfahrt platzierten sich die Mädels zwischen den Riedelgläser-Kartons. Ihre neuen Badeanzüge und Badelatschen fanden noch im Koffer Platz. Der Sommer kann kommen!

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