{"id":616,"date":"2020-05-10T14:01:52","date_gmt":"2020-05-10T12:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/armins-nach-richten.de\/?p=616"},"modified":"2020-05-10T14:01:52","modified_gmt":"2020-05-10T12:01:52","slug":"der-fliegende-frisoer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/armins-nach-richten.de\/?p=616","title":{"rendered":"Der fliegende Fris\u00f6r."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit Montag, ausgerechnet einem, f\u00fcr Fris\u00f6re heiligen, Montag, hatte die Ethik-Kommission der Bundesregierung die Auflagen in der Corona-Pandemie gelockert und ein Einsehen, Fris\u00f6re durften sich wieder \u00fcber die \u00fcppige, seit Wochen unkontrolliert gewucherten Haarpracht der Daheimgebliebenen hermachen. Dank Home Office blieb es bis dato dem Gros der Schutzbefohlenen erspart, mit Hohn und Spott bedacht zu werden. Es sind diese Schl\u00fcsselerlebnisse, die Paradigmen hochpoppen lassen, wie Links oder Cookies auf diversen&nbsp; Internetseiten. Animiert durch diese Bilder will und darf ich euch die folgende Episode nat\u00fcrlich nicht vorenthalten. Ein wahrer Schatz meiner ausgiebig und intensiv genossenen Jugend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fabrizio hatte in geobetriebswirtschaftlicher 1A-Lage seine Eisdiele er\u00f6ffnet. Mit typisch gebrochenem Deutsch\/Italienisch pries er sein damals noch recht \u00fcbersichtliches Sortiment an. Man sa\u00df zentral, konnte jeden und alles sehen und vor allem, wurde auch gesehen. Was hat nun Fabrizio mit dem fliegenden Fris\u00f6r gemein? Eigentlich gar nichts, er dient quasi nur als dramaturgisch perfektes Vorspiel meiner Geschichte. Bei Fabrizio hatte ich n\u00e4mlich das erste Stelldichein, heute eher als Date bekannt, mit Rita. Rita, eine wohlproportionierte Schaufenstergestalterin des Modehauses Klingenthal in meiner Heimartstadt Herford (Ostwestfalen!).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da der Undercut bei uns revolution\u00e4ren Pseudoblumenkindern g\u00e4nzlich aus der Mode gekommen war, stie\u00dfen die Haare seit einiger Zeit aus Protest mindestens an den Hemdkragen. Wenn nicht gar pilzkopfartig dar\u00fcber hinaus. Der erste Eindruck pr\u00e4gt \u2013 nach diesem Motto wollte ich noch rasch einen Fris\u00f6r aufsuchen, um ja nicht mit einem ungepflegten Ersteindruck bei Rita ins Abenteuer zu starten. Wer In sein wollte, der ging allerdings nicht einfach zu einem Fris\u00f6r. Man ging zu Willi ter Wint, dem fliegenden Fris\u00f6r. Quasi dem Udo Walz von OWL. Inoffiziell war Willi, wie seine Freunde zu ihm sagen durften, sogar der schnellste Friseur Deutschlands. Bei Leibe nicht, weil er die Haare in Rekordzeit zu schneiden wusste, sondern weil Willi 1966 an der Tour d`Europe mit seinem frisierten Opel Kadett A teilgenommen hatte, einer Rallye, die quer durch Europa, von Hannover \u00fcber Bukarest bis nach Travem\u00fcnde f\u00fchrte. F\u00fcr einen Haarschnitt musste man dagegen etwas l\u00e4nger planen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Willi schnibbelte und f\u00f6hnte in einer Seitenstra\u00dfe vom Neuen Markt, unbehelligt von jeglicher Laufkundschaft. In dieser Zeit, also vor dem WeltWeitenWeb, wurden Termine, auch f\u00fcr Stelldicheins, z.B. mit Rita,&nbsp; nicht per WhatsApp oder \u00fcber Dating-Agenturen, sondern noch pers\u00f6nlich von Angesicht zu Angesicht getroffen. Man betrat den Laden, vergewisserte sich \u00fcber die Zahl der Wartenden und entschied spontan, ob man verweilte oder es zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt noch einmal versuchen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Regel betrug die Wartezeit mangels Laufkundschaft nicht allzu lange. Au\u00dferdem boten sowohl Willi selbst, als auch sein Repertoire an Zeitschriften allerlei Kurzweil. Nicht die \u00fcbliche Burda-Regenbogenpresse des Lesezirkels lag auf dem Nierentisch aus, sondern die Rallye + Racing, die Twen, der Playboy sowie die Titanic. Links und rechts flankierten zwei orangefarbene Clubsessel den Nierentisch. Durch die minimierten Sitzm\u00f6glichkeiten war der \u00dcberblick \u00fcber die Menge der Wartenden einigerma\u00dfen rasch zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Willi war ein Meister seines Fachs, der in seinem Salon ausschlie\u00dflich Herren bediente. Er war auch der einzige. Geschickt jonglierte er abwechselnd zwischen zwei Behandlungsst\u00fchlen (oder genauer gesagt Beischneidungsst\u00fchle?). Ob er insgeheim auf eine Erweiterung der Kapazit\u00e4t spekulierte blieb im nebul\u00f6sen Dunst des Haarsprays verborgen. Anstelle des Meisterbriefes zierten Fotos von seinen legend\u00e4ren Renneins\u00e4tzen, sowie die Reliquie eines geplatzten Pneus, und der damit geplatzten Siegeschancen, &nbsp;die W\u00e4nde. Und, Willi war ein un\u00fcbertroffener Meister der bildhaften Erz\u00e4hlkunst. Dabei schilderte er aus seinem reichhaltigen Repertoire nicht nur jeden Millimeter Kurventechnik seiner abenteuerlichen Rallyefahrten, nein, auch dem Jazz, speziell dem Kontrabass, konnte Willi mit vollem K\u00f6rpereinsatz viel abgewinnen. Und so fuchtelte er in wilden Gesten mit Schere, F\u00f6hn und Rasiermesser hinter seinen Kunden herum, dass man nicht nur um seine Fasson, als auch um die k\u00f6rperliche Unversehrtheit generell bangen musste. Ruhiger und diskreter wurde im innersten Zirkel das Thema Boxenluder in epischer sowie erotischer Breite er\u00f6rtert. Dabei redete er unentwegt spiegelverkehrt auf die Kunden ein und bezog selbstverst\u00e4ndlich auch die Wartenden in den orangefarbenen Clubsesseln mit ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gelegentlich benutzte Willi auch einen Rollhocker, um seinen R\u00fccken zu schonen. Mit ihm kurvte er in seinem Salon ebenso geschickt umher, wie mit seinem Opel Kadett auf der Rennpiste. Besonders illuster wurde es, wenn Willi sein Werkzeug ablegte und virtuos auf seinem Schattenkontrabass zupfte. Dabei brummte er dumpf, aber immer rhythmisch im Takt. Bevor er sich endg\u00fcltig in ein musikalisches Nirwana zupfte, musste man bei Willi ernsthaft intervenieren und ihn wieder in die Realit\u00e4t, auf die Bretter seines Herrensalons, zur\u00fcckbeamen. Wer also terminlich gebunden war, dem war geraten die Konversation eher im Allgemeinen zu halten. Hier bot sich auch schon in den Sechzigern das Wetter als neutrales, unverbindliches&nbsp; Thema an. Aber, wer wollte das schon? Schlie\u00dflich war die Frisur eigentlich zur reinen Nebensache degradiert. Trotz aller Unkenrufe schaffte ich es an besagtem Tag das Stelldichein mit Rita bei Fabrizio p\u00fcnktlich wahrzunehmen. Nat\u00fcrlich hatte ich auch ausgiebig zu berichten. Von Willi, der Kurventechnik und dem Kontrabass. \u00dcbers Wetter hatten wir, so glaube ich mich zu erinnern, weniger gesprochen. Hier endet die Episode. Die Liaison mit der wohlproportionierten Schaufensterpuppe hingegen w\u00e4hrte einen erlebnisreichen Sommer lang, bis nach dem WSV.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Montag, ausgerechnet einem, f\u00fcr Fris\u00f6re heiligen, Montag, hatte die Ethik-Kommission der Bundesregierung die Auflagen in der Corona-Pandemie gelockert und ein Einsehen, Fris\u00f6re durften sich wieder \u00fcber die \u00fcppige, seit Wochen unkontrolliert gewucherten Haarpracht der Daheimgebliebenen hermachen. 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