{"id":154,"date":"2017-03-25T10:52:57","date_gmt":"2017-03-25T10:52:57","guid":{"rendered":"http:\/\/armins-nach-richten.de\/?p=154"},"modified":"2017-03-25T10:53:04","modified_gmt":"2017-03-25T10:53:04","slug":"absolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/armins-nach-richten.de\/?p=154","title":{"rendered":"Absolution"},"content":{"rendered":"<p>Um vorweg die j\u00fcngere Generation aufzukl\u00e4ren: Abso<em>lution<\/em> ist keine Lotion. Es ist keine Kreation der Kosmetik-Industrie. Es ist die Freisprechung der Menschen von ihren S\u00fcnden durch den Vertreter Gottes auf Erden. Zumindest f\u00fcr den gl\u00e4ubigen Christen, speziell f\u00fcr die R\u00f6misch-Katholischen Sch\u00e4fchen.<\/p>\n<p>Man mag es kaum glauben, aber auch ich geh\u00f6rte zu dieser Herde. Da ich einfach, ohne meine explizite Zustimmung einzuholen, in die Herde hinein geboren wurde. Ohne die Zustimmung meiner Erzeuger war es auch nicht so ohne, in eine andere Herde zu konvertieren, oder gar g\u00e4nzlich gottlos durchs Leben zu vegetieren. Als zahlendes Mitglied musste man sich der Satzung des Vereins unterwerfen. Jedoch mit zunehmendem Alter wuchsen neben Bart und Schamhaaren auch zusehends die kritischen Fragen nach dem Sinn bzw. Unsinn verschiedener Spielregeln.<\/p>\n<p>Neben dem sonnt\u00e4glichen Besuch des Gottesdienstes geh\u00f6rte am Samstag der peinliche Weg in den Beichtstuhl. Zur besten Sportschauzeit pilgerten Scharen reum\u00fctiger S\u00fcnder gen Gotteshaus. Darin lauerten bigotische Schwarzkittel, um sich an so mancher menschlichen S\u00fcnde zu erg\u00f6tzen. In sogenannten Beichtst\u00fchlen, die heute an Ger\u00e4teschuppen im Kleing\u00e4rtnerverein erinnern, verbarg sich die Pfaffenbrut hinter einer Trennwand. Diese muss man sich so vorstellen wie eine Rosenspalierwand aus dem Obi oder Dehner f\u00fcr um die14,49 \u20ac im Sonderangebot. Links und rechts befinden sich Kabinen f\u00fcr die Delinquenten. In der Mitte dazwischen thront der Lossprecher. Wechselweise werden die mit Schande bedachten zu Einzelgest\u00e4ndnissen gebeten. Beichte genannt. Besonders offene Ohren trafen pikante Geschichten aus pubert\u00e4ren Anwandlungen, die nicht selten mit gezielten Nachfragen haarklein bis ins letzte Detail er\u00f6rtert wurden.<\/p>\n<p>Da ich mich weder Willens noch aus Termindruck (Sportschau) in der Lage sah eine ausufernde Audienz \u00fcber mich ergehen zu lassen, fasste ich schon im vorpubert\u00e4ren Stadium den Plan, die Aufz\u00e4hlung der S\u00fcnden auf ein Minimum zu vereinfachen. Auf diese Weise konnte ich l\u00fcsternem Interesse entfleischen, und mir auch das ekelhafte Keuchen ersparen. Die Zusammenfassung der Einzels\u00fcnden zu \u00fcbergeordneten Gruppen erwies sich zus\u00e4tzlich als zielf\u00fchrend. Beide Konzepte hatten auch zur Folge, dass sich das Strafma\u00df in Grenzen hielt. Der Trick, der das gesamte Vorgehen auch vor dem Herrn kirchenrechtlich absicherte war genial: Als allerletzte S\u00fcnde gestand ich reuevoll: \u201eIch habe gelogen\u201c! Damit waren alle zuvor ausgesagten Vergehen gedeckelt. Ein geiler Plan! Oder?<\/p>\n<p>Bedenkzeit.<\/p>\n<p>Nach einem Absatz Bedenkzeit, um sich die ganze Tragweite dieser genialen Strategie zu verinnerlichen, m\u00f6chte ich noch auf weitere Vorteile dieses Planes verweisen. Ersparung von Peinlichkeiten, Zugewinn an erlebenswerter Freizeit und nat\u00fcrlich ein reines Gewissen. In Ermangelung schwererer Vergehen an Leib und Seele und den Statuten des Vereins, fiel das Strafma\u00df entsprechen \u00fcbersichtlich aus. Mit drei \u201eAve Maria\u201c und drei \u201eVater unser\u201c kam ich glimpflich davon. Da ich das Paket der S\u00fcnden zu meinem Dauerangebot erkor, gelang mir auch das Herunterbeten zusehends flotter. In der heutigen Kulturszene w\u00fcrden die meisten Rapper ihre Baseball-Kappen vor Neid in die Ecke werfen, mit welch atemberaubender Geschwindigkeit die Verse zum Abschluss gelangten. Repressalien von h\u00f6herer Stelle blieben \u00fcberraschend aus, sodass ich Peru a Peru begann, einzeln Strophen zu reduzieren, sp\u00e4ter in wesentlichen Teilen ganz zu unterschlagen und im weiteren, finalen Schritt fiel das komplette Beicht-Prozedere zu Gunsten der Sportschau zum Opfer. Mit der Reduktion der pubert\u00e4ren Hautunreinheiten r\u00fcckten schlie\u00dflich andere K\u00f6rperlichkeiten an die Stelle der Sportschau. So ist das Leben.<\/p>\n<p>Die Zeiten \u00e4ndern sich dramatisch. Einerseits werden heutzutage die Kuttentr\u00e4ger f\u00fcr ihr Verhalten, nicht nur in den Ger\u00e4teschuppen, in aller \u00d6ffentlichkeit gegei\u00dfelt \u2013 andererseits macht man aus seinen S\u00fcnden keine M\u00f6rdergrube mehr, sondern schl\u00e4gt daraus Profit. So viele \u201cAve Maria\u201c und \u201eVater unser\u201c w\u00e4ren ohne \u00dcbernachtung gar nicht abbetbar, wie sie mehr oder weniger bekannte Personen in Talk-Shows breitreten, in B\u00fccher niederschmieren und \/ oder auf H\u00f6rb\u00fccher r\u00f6cheln. Sind sie schmutzig genug, reicht es in besonders abgr\u00fcndigen F\u00e4llen sogar auf Celluloid. Dabei w\u00e4chst der Grad der Schl\u00fcpfrigkeit mit \u00dcberfl\u00fcssigkeit der S\u00fcnder.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage: Wie sieht das mit der Absolution aus? Ich hoffe da immer noch auf eine h\u00f6here Instanz. Nat\u00fcrlich nur, wenn ich nicht nachtr\u00e4glich zur Rechenschaft gezogen werde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um vorweg die j\u00fcngere Generation aufzukl\u00e4ren: Absolution ist keine Lotion. Es ist keine Kreation der Kosmetik-Industrie. Es ist die Freisprechung der Menschen von ihren S\u00fcnden durch den Vertreter Gottes auf Erden. 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