{"id":746,"date":"2022-02-20T10:17:29","date_gmt":"2022-02-20T09:17:29","guid":{"rendered":"http:\/\/armins-nach-richten.de\/?p=746"},"modified":"2022-02-20T10:17:29","modified_gmt":"2022-02-20T09:17:29","slug":"walhalla","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/armins-nach-richten.de\/?p=746","title":{"rendered":"Walhalla"},"content":{"rendered":"\n<p>Zu meinem Zyklus \u201eIch, OWL* und das wahre Leben!\u201c m\u00f6chte ich heute eine weitere heitere Episode hinzuf\u00fcgen. Die Protagonisten hatten die 68er schadlos \u00fcberstanden und stellten sich tapfer den neuen Herausforderungen des Lebens. Und Walhalla, ein gerne besuchtes Ausflugslokal in der N\u00e4he von Bad Salzuflen. Es war, neben dem bereits beschriebenen Hotel Twachtmann, ein zweiter Zufluchtsort zur aktiven Entspannung unseres kurzweiligen Alltags. Soweit der Prolog.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Entsetzen meiner Eltern und meiner Leber startete ich nach erfolgreichem Erwerb der Hochschulreife meine Karriere in einer Werbeagentur. In einer Zeit, in der Werbung noch Reklame genannt wurde und das Image nicht auf den vordersten R\u00e4ngen der seri\u00f6sen Berufe rangierte. Im Nachhinein kann ich diese Einstufung nachvollziehen. Als Kreativdirektor der Agentur heuerte mich Barni (ebenfalls bereits bekannt aus \u201eHotel Twachtmann\u201c), w\u00e4hrend eines ausufernden Fr\u00fchschoppens in vorgenanntem Hotel Twachtmann, als Volont\u00e4r an. F\u00fcr Kreative war es Usus, in einer prachtvollen Villa aus der Gr\u00fcnderzeit zu residieren. Und in einer solchen sollte ich nun das Handwerk des Werbers von der Pike auf erlernen. Es sollte mein weiteres Leben ma\u00dfgeblich pr\u00e4gen, wenn auch die \u201eLehrjahre\u201c nicht wirklich koordiniert bzw. ergebnisorientiert gestaltet wurden. Immerhin hatte Barni aber meine Talente entdeckt und gef\u00f6rdert, die schlummernde Kreativit\u00e4t in mir wachgek\u00fcsst.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der konsequent beherzigten Regelm\u00e4\u00dfigkeiten war das ausgiebige Feiern des Bergfestes. Will hei\u00dfen, p\u00fcnktlich jeden Mittwoch um 12:00 Uhr begannen die w\u00f6chentlichen Feierlichkeiten. Der harte Kern der Traditionalisten Barni, seine Frau Petrilein, der freie Graphiker Klaus, meine Wenigkeit sowie Kinski, der Agentur-Basset. Suchtartig zog es uns in das nahegelegene China-Restaurant \u201eZum goldenen Drachen\u201c (oder \u00e4hnlich), in dem es noch kein \u201eAll you can eat \u2013Buffet\u201c gab. Wer dazumal zum Chinesen essen ging, der z\u00e4hlte schon zur kreativen Avantgarde. Der Volksmund hingegen munkelte, man w\u00fcrde Hund, Katze und Maus serviert bekommen. Oder gar Schlimmeres! Die Intoleranzen gegen Laktose, Glutamin und Co. waren noch nicht erfunden und Veganer gaben sich noch ausgiebig der Fleischeslust hin und es gab kein Thai-Curry-Gr\u00fcnkohl mit Tofu-W\u00fcrstchen. Das reichhaltige Speisenangebot interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Es gab nur einen einzigen Grund warum wir jeden Mittwoch den Drachen heimsuchten: Die Speisen Nr. 18 + 88! Die 18, als Vorspeise, \u201eWanTan Suppe\u201c, die 88 \u201eWeisses Huhn mit Gem\u00fcse, Pappreis und So\u00dfe s\u00fcss\/sauer\u201c. Letztere konnte man auf der R\u00fcckseite eines L\u00f6ffels l\u00f6ffeln, da der Glutaminanteil derart dominant war, dass die So\u00dfe s\u00fcss\/sauer wie der schwere Samtvorhang am Portal schlaff \u00fcber dem Besteckr\u00fccken herabhing und am St\u00fcck zu verzehren war. Nicht, dass dieses Gericht sich zu kulinarischen H\u00f6hen aufschwang, nein, es war die Tatsache, dass die Bedienungen<\/p>\n\n\n\n<p>sich \u00e4u\u00dferst d\u00e4mlich mit der Aussprache der 8 anstellten. Die Best\u00e4tigung unserer Bestellung h\u00f6rte sich demzufolge folgenderma\u00dfen an: \u201eaaaaaaaaaghtzen (18) und aaaaaaaaaaaaaaaaghtunaaaaaaaaaaaahgtzig (88). Ich warne jeden Leser eindringlich sich an einen Eigenversuch zu wagen!<\/p>\n\n\n\n<p>Allein diese Sekunden waren es uns wert, WanTanSuppe und Weisses Huhn zu unseren absoluten Favoriten zu erkl\u00e4ren. Woche f\u00fcr Woche. Selbstverst\u00e4ndlich bestellte jeder f\u00fcr sich. Au\u00dfer Kinski nat\u00fcrlich! Und jedes Mal wieder freuten wir uns diebisch, denn die Prozedere wiederholte sich beim Servieren und Bezahlen abermals. Das Bergfest war gerettet!<\/p>\n\n\n\n<p>Voller Freude und Glutaminso\u00dfe, nebst einiger Gl\u00e4schen Reiswein folgte, was folgen musste \u2013 die Einkehr in der Walhalla. Das Schicksal wollte es, dass Klaus mit der Wirtstochter der Walhalla, Ingrid, leiert war. Ganz zu ihrem Leidwesen, war sie von ihren Eltern als legitime Nachfolgerin erkoren, wor\u00fcber sich ihre Begeisterung in \u00fcbersichtlichen Grenzen hielt. Wir profitierten allerdings von der Liaison mit Klaus, denn mittwochs war mit unglaublicher Zuverl\u00e4ssigkeit der schattigste, beste Tisch auf der Terrasse f\u00fcr uns reserviert. Doch damit nicht genug. An der Fusssohle der kurvenreichen Auffahrt gen\u00fcgte ein kurzes Hupzeichen, um an unserem Stammtisch ein k\u00fchles Pilsken, sowie ein wohlverdientes Verdauungsschn\u00e4pschen anzutreffen. Der Einstieg in einen bunten Nachmittag war damit gesichert. Die Villa aus der Gr\u00fcnderzeit blieb regelm\u00e4\u00dfig unbev\u00f6lkert. Da es weder Internet, Handy noch Rufumleitung gab, konnten wir uns ungest\u00f6rt dem kreativen Bergfest hingeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit zunehmendem Promillewert erweiterte sich auch unser Horizont und die spontanen Ideen steigerten sich, denn schlie\u00dflich deklarierten wir die Aufenthalte w\u00e4hrend der offiziellen Arbeitszeit in Walhallas Biergarten als konstruktiven Gedankenaustausch (heute Brainstorming). Und alsbald w\u00e4hnten wir uns auch in der nordischen Mythologie, im G\u00f6tterpalast angekommen, dem Ruheort f\u00fcr tapfere, gefallene K\u00e4mpfer, den sogenannten Einherjer. Das \u201eGefallen\u201c interpretierten wir mit \u201eGefallen finden\u201c frei- und gro\u00dfz\u00fcgig zu unseren Gunsten. Am Ende des arbeitsreichen Tages checkte Klaus bei Ingrid ein, Petrilein chauffierte Barni, mich und Kinski heim zu sich, wo wir die Wartezeit auf meine Frau, die mich abholte, mit einem Scheidebecher (badisch bekannt als Flucht\u00e4chtele) sinnvoll verk\u00fcrzten. Eine deckungsgleiche Kopie erfolgte konsequent, konstant jeden Mittwoch \u2013 das nennt man ostwestf\u00e4lische Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p>Epilog: Das Ausflugslokal Walhalla existiert heute leider nicht mehr. Ebenso die Werbeagentur. Ob es den \u201eGoldenen Drachen\u201c noch gibt ist nicht \u00fcberliefert. Und ob die Bedienungen sich mit der Aussprache der 8 immer noch eine Stimmbandzerrung zuziehen ebenfalls. Die legend\u00e4ren Speisen 18 + 88 sind sicher immer noch unverzichtbare Bereicherung asiatischer Gastronomie. Sicher ist ebenfalls, dass reichlich Glutamin die So\u00dfe s\u00fc\u00df\/sauer schw\u00e4ngert.<\/p>\n\n\n\n<p>*Kleine geographische und histerische Exkursion.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich erreichen immer wieder von Ortsunkundigen die Fragen: \u201e Was ist oder wo liegt OWL?\u201c OWL ist die amtliche Abk\u00fcrzung f\u00fcr die Region \u201eOstwestfalen-Lippe\u201c. Sie ist wie folgt zu verorten: Sicher kennt jeder den Nabel der Welt! Und gleich daneben, quasi nur eine Handbreite entfernt, da liegt OWL! Also genau da, wo uns dereinst Arminius heldenhaft von den R\u00f6mern befreite. Genau da, wo Arminia Bielefeld auch diese Saison wieder erfolgreich in der ersten Bundesliga st\u00fcrmt. Die Chinesen haben das Schiesspulver erfunden. Das Backpulver kreierte Dr. Oetker aus OWL! Und die TK-Pizza. Das Rezept haben die R\u00f6mer auf ihrer schmachvollen Flucht einfach liegenlassen. Es gibt tats\u00e4chlich Bielefeld, die Stadt, die es eigentlich nicht gibt, und das real existierende Herford, incl. dem Modehaus Klingenthal (siehe auch die Episoden 1 + 2: \u201eHotel Twachtmann\u201c sowie \u201eDer fliegende Fris\u00f6r\u201c). Soweit, so gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu meinem Zyklus \u201eIch, OWL* und das wahre Leben!\u201c m\u00f6chte ich heute eine weitere heitere Episode hinzuf\u00fcgen. 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