{"id":270,"date":"2017-07-27T15:12:24","date_gmt":"2017-07-27T13:12:24","guid":{"rendered":"http:\/\/armins-nach-richten.de\/?p=270"},"modified":"2017-07-27T15:12:31","modified_gmt":"2017-07-27T13:12:31","slug":"titschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/armins-nach-richten.de\/?p=270","title":{"rendered":"Titschen"},"content":{"rendered":"<p>Wer kennt noch dieses Spiel aus Jugendtagen? Titschen, die halbwegs legale M\u00f6glichkeit sein Taschengeld aufzum\u00f6beln oder den traurigen Rest g\u00e4nzlich zu verzocken! Eine Kombination aus Fingerfertigkeit und gutem Auge. Halbwegs legal deshalb, weil Titschen mit Geld und um Geld gespielt wurde. Und, weil die Gewinne an den Finanzbeh\u00f6rden vorbei direkt in der n\u00e4chsten Eis- bzw. Pommes-Bude investiert wurden. Verluste konnten bei der Taschengeld-Auskommenssteuer leider nicht geltend gemacht werden.<\/p>\n<p>Die Regeln waren denkbar einfach. Zum Spiel selbst ben\u00f6tigte man au\u00dfer Barem in Form von M\u00fcnzen (Zehnpfennig-St\u00fccke) ein Spielfeld. Die Gr\u00f6\u00dfe spielte eine untergeordnete Rolle, Hauptsache es wies eine gerade Kante auf. Als Untergrund empfahlen sich besonders Fliesenb\u00f6den aller Art. Am besten repr\u00e4sentative Hausflure oder \u00f6ffentliche Flure und R\u00e4ume in Schulen oder Hallen oder Hallenb\u00e4dern. Selbstverst\u00e4ndlich konnte das Spiel auch im Freien durchgef\u00fchrt werden. \u00dcber die Nachteile werde ich sp\u00e4ter noch ein paar Worte verlieren.<\/p>\n<p>Man stelle sich vor: Ein x-beliebiges Treppenhaus, gekachelt. Die erste Stufe war die ultimativ geeignete Anschlaglinie. Ein exakter Abstand wurde einvernehmlich definiert. In der Regel eine von der Anschlaglinie drei bis vier Schritte entfernte Kachelfuge. Mindestens zwei Teilnehmer waren erforderlich. Nach oben bot der \u00fcbliche Freundeskreis automatisch das Limit. Die erste Reihenfolge der Spieler wurde ausgelost. Die folgenden Spielrunden fanden in umgekehrter Reihenfolge statt. Der Sieger der Vorrunde hatte das letzte Startrecht. Man positionierte sich an der vereinbarten Fuge und schnippte den Zehner in Richtung Treppenstufe. Der Naheliegendste hatte gewonnen. Den ersten Teil des Titschens! Jetzt war die Geschicklichkeit gefragt! Der Zwischensieger sammelte alle M\u00fcnzen ein, und musste sie zu einem T\u00fcrmchen stapeln. Diesen lancierte er auf die Fl\u00e4che des Ellenbogens auf der Unterseite des Unterarms. Dieser war waagerecht nach oben, etwa auf Schulterh\u00f6he, angewinkelt. Die ge\u00f6ffnete Handfl\u00e4che zeigte ebenfalls nach oben. Nun galt es seine Geschicklichkeit zu beweisen! Man musste den Ellenbogen rasant nach unten rei\u00dfen. F\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde schwebte der M\u00fcnzstapel schwerelos im Raum. Es galt jetzt, mit der zuvor in Stellung gebrachten offenen Handfl\u00e4che, soviel M\u00fcnzen wie m\u00f6glich aus der Schwebe zu schnappen. Bevor der Rest &#8211; oder im ungeschicktesten Fall alle \u2013 scheppernd im Treppenhaus herumkullerten, da die Schwebephase lediglich von kurzer Dauer war. Jetzt hielt man seinen Gewinn zwar in der Hand, durfte ihn allerdings immer noch nicht f\u00fcr sich auf der Habenseite verbuchen. Eine zweite Geschicklichkeitspr\u00fcfung stand noch zwischen totalem Ruin und einer Lore Pommes rot\/wei\u00df. Erneut fand ein Stapel der verbliebenen M\u00fcnzen einen stabilen Standort. Diesmal auf den flach ausgestreckten R\u00fccken der Finger. Die optimale Position war unmittelbar mittig auf dem Fingernagel des Effenbergschen Stinkefingers. Es gab nun differierende Techniken, die sich die Teilnehmer in Monaten antrainiert hatten, und f\u00fcr sich als besonders gewinnbringend herauskristallisiert hatten. Sie waren allerdings durch keinerlei Statistiken best\u00e4tigt, bzw. durch Videoanalysen, die im Zeitraffer oder in Zeitlupe erkenntnisreich ausgewertet werden konnten. So konnte man zum Beispiel die vorderen zwei Glieder der Finger einfach abklappen, um mit \u00dcberschallgeschwindigkeit nach dem Stapel zu schnappen, der der Schwerkraft gehorchend auf dem Fliesenboden mit ohrenbet\u00e4ubendem Geschepper aufzuschlagen trachtete. Oder ihn geschmeidig einige Millimeter in die H\u00f6he zu schleudern und die Hand blitzartig mit der Handfl\u00e4che nach oben wendend, um, wie dereinst bei Sterntaler, den Geldregen aufzufangen. Ohne Zuhilfenahme des Hemdchens nat\u00fcrlich! Auch eine rasante Wende in horizontaler Richtung wurde akzeptiert. Dies war allerdings die gef\u00fchlt erfolgloseste Variante. Der Gewinner nebst Gewinn war final ermittelt!<\/p>\n<p>Mit den restlichen M\u00fcnzen durfte sich der Zweitplatzierte auseinandersetzen, gegebenenfalls der Dritte usw., usf.. Der aufmerksame Leser wird nun erkennen, dass ein Spiel im Freien den herumwirbelnden M\u00fcnzen ein freies Flugfeld in die Landschaft bot. So konnte es zu h\u00f6chst \u00fcberfl\u00fcssiger Zeitverschwendung durch breit angelegte Suchaktionen kommen.<\/p>\n<p>Waren die Abst\u00e4nde des Spielger\u00e4tes zur Zielstufe mehrerer Teamkollegen mit dem geschulten, blo\u00dfen Auge nicht stressfrei festzulegen, entschied ein Stechen die Reihenfolge der Aspiranten.<\/p>\n<p>Titschen konnte solange gespielt werden, bis die Mehrzahl der Aktiven pleite war, oder sich die Mieter \u00fcber den Radau im Treppenhaus massiv beschwerten, oder die Horde der Heranwachsenden zum Abendessen gerufen wurden. Per Sozialmedia war es damals noch nicht m\u00f6glich. Der Mutter Stimme rief nur einmal, aber bestimmt. In der Regel blieb dann wenig Zeit seine Gewinne zu verifizieren \u2013 abends, heimlich bei Taschenlampenlicht, unter der Bettdecke. Die Pommes rot\/wei\u00df oder der Eisbecher mussten warten. Was blieb war die Vorfreude!<\/p>\n<p>Heute sieht man keine Kids mehr titschen. Sei es aus Mangel an Zehnpfennig M\u00fcnzen, aus Zeitmangel durch Lesen h\u00f6chst \u00fcberfl\u00fcssiger digitaler Mitteilungen, oder durch \u00dcberfluss an Taschengeld, oder durch zielloses Herumirren in virtuell kryptischen Tunneln. Oder so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer kennt noch dieses Spiel aus Jugendtagen? Titschen, die halbwegs legale M\u00f6glichkeit sein Taschengeld aufzum\u00f6beln oder den traurigen Rest g\u00e4nzlich zu verzocken! Eine Kombination aus Fingerfertigkeit und gutem Auge. Halbwegs legal deshalb, weil Titschen mit Geld und um Geld gespielt wurde. Und, weil die Gewinne an den Finanzbeh\u00f6rden vorbei direkt in der n\u00e4chsten Eis- bzw. 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